Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Winfried Hofinger - und kein bisschen leise

Autor Interviewer Hans Augustin
Medium Tiroler Bauernzeitung , Landwirtschaftliche Blätter
Texttyp Interview
Erscheinungsdatum 6. September 2001
Kategorisierung Winfried Hofinger; 2001

LWB: Herr Dl Hofinger, nachdem Sie 35 Jahre in der Kammer tätig waren, was ist für Sie Landwirtschaft?

Hofinger: Landwirtschaft ist viel mehr als das Erzeugen von Milch und Fleisch, und Holz. Land- und Forstwirtschaft sind viel mehr als das Bereitstellen von Rohstoffen und Lebensmitteln - es ist in erster Linie eine Lebensform.

LWB: Würden Sie sich als landwirtschaftlichen Menschen bezeichnen?

Hofinger: Ich habe 35 Jahre lang den in der Land- und Forstwirtschaft tätigen Leuten geholfen, dass sie ihren Beruf besser ausüben können. Es geht mir nicht so wie den Dichter Alois Brandstätter, der sagt, dass ihm trotz lebenslanger Beschäftigung die Bauern ein Rätsel geblieben sind. Ich meine die Bauern zu verstehen, aber ich habe mich auch nie angebiedert und mich sozusagen voll mit ihnen identifiziert -weil sie ohnedies alle gewusst habe, dass ich kein Bauernbub, sondern Sohn eines Beamten bin.

LWB: Würden Sie nach 35 Jahren Tätigkeit in der Interessenvertretung der Landwirtschaft sagen, dass Tirol ein Bauernland ist?

Hofinger: Es wird von den Nicht-Bauern oft gesagt und auch beklagt, dass die Bauern gemessen an ihren 5 Prozent viel zu viel Einfluss hätten. Aber es gehört ihnen doch ein sehr großer Anteil an Grund und Boden. Das allein ist schon eine Begründung dafür, dass sie mehr zu sagen haben als andere. Und, wenn man von den Städten absieht, dann ist das Land doch nach wie vor sehr stark land- und forstwirtschaftlich geprägt. Gott sei Dank.

LWB: Vor 35 Jahren waren noch 20 Prozent Bauern - heute sind es noch 5 Prozent. Das signalisiert eine sehr starke Veränderung in diesem Bild; was hat sich dort verändert?

Hofinger: Früher waren in den Dörfern fast alle Bauern, bis auf ein paar Handwerker, den Doktor, den Lehrer und den Pfarrer. Heute gibt es in vielen Dörfern nur mehr ganz wenige Vollerwerbler, während die anderen nur noch von ihren Großeltern wissen, dass diese einen Bauerhof bewirtschafteten. Viele Nebererwerbler erzielen aus ihren meist sehr kleinen Höfen nicht nur kein Einkommen, sondern sie stecken womöglich das, was sie als Maurer oder Kraftfahrer verdienen, in den Kauf einer landwirtschaftlichen Maschine. Es fand eine Reduktion auf wenige statt. Daneben gibt es eine immer größer werdende Gruppe von Leuten, die noch um ihre Wurzeln wissen, und die an ihrem bissl Grund und Boden sehr stark hängen und das unter gar keinen Umständen aufgeben wollen. Im Westen Tirols gibt es eine sehr starke Bindung an die Agrargemeinschaften; diese Anteilsrechte werden mit Zähnen und Klauen verteidigt, oft stärker als ein privater Zipfel Wald.

Von einem durchschnittlichen Betrieb vor 100 Jahren - wir haben gebietsweise geschlossene Höfen von unter zwei Hektar landwirtschaftlicher Nutzflächen - kann man heute nicht leben. Die Flächenerstattung ist bei uns der Minimumfaktor.

LWB: Sie sind nicht nur ein Spezialist für Waldwirtschaft, sondern haben viele Jahre journalistisch für die Kammer gearbeitet. Gibt es auch im Journalismus für Sie Veränderungen?

Hofinger: Allein in der Technik sind riesige Veränderungen vor sich gegangen. Vor 35 Jahren wurde die Zeitung noch in Blei gegossen. Und das neue Landesstudio Tirol wurde noch als Hörfunkstudio gebaut. Der Journalismus ist insgesamt schreiender, lauter geworden. Man sagte etwas den Zeitungen, und diese hatten das gefälligst abzudrucken. Heute werden Dinge, die wir an sich interessant finden, nicht genommen, weil darin weder Mord noch Totschlag noch Sex vorkommen. Für ernsthafte Themen Interesse zu wecken ist immer schwerer geworden. Man wird aber zugeben müssen, dass die Medien lebhafter und schnittiger geworden sind.

LWB: Ein typisches Merkmal des Winfried Hofinger ist seine soziale Sensibilität. Woher kommt diese?

Hofinger: Darüber sollte man nicht so viel reden. Unseren Familien ist es, unverdient, immer besser als dem Durchschnitt der Menschen gegangen. Ich habe in allen Schulen, in die ich gegangen bin, sehr viele arme oder benachteiligte Mitschüler gehabt. Meine Eltern haben uns immer gesagt, dass unser relatives Wohlergehen nicht unser Verdienst ist, sondern dass das im Gegenteil die Verpflichtung bringt, sich um die zu kümmern, die in irgendeiner Form zu kurz gekommen sind. Zum Verein KIT, der privaten Initiative zur Heilung der Drogensucht, wo ich seit 27 Jahren im Vorstand bin, stieß ich rein zufällig.

LWB: Soziale Sensibilität hat Sie auch in der Kammer in Positionen geführt, unter anderem auch in den Betriebsrat. Was ist da Ihre Erfahrung?

Hofinger: Ich habe festgestellt, dass Menschen, die sich an und für sich der christlich Soziallehre verpflichtet bezeichneten, mit der Tätigkeit einer Personalvertretung ihre Probleme hatten. Nicht die jetzige Kammerführung, aber ich erinnere mich, wie ein Innsbrucker Möbelhaus die Bildung eines Betriebsrates verhindert hat, von Kammerfunktionären bewundert wurde. Heute ist der Betriebsrat in der Landwirtschaftskammer anerkannt. Wir haben gemeinsam mit dem Land die Kammerpension auf eine vernünftige Basis gestellt. Es ist damals um hunderte Millionen Schilling, also um die Existenz der Kammer, gegangen.

LWB: Sie gehen nach 35 Dienstjahren in den Ruhestand. Welche Perspektiven gibt es für Sie?

Hofinger: Ich habe viele Hobbys, von der Geschichtsforschung bis hin zum Musizieren. Ich habe auch einen sehr großen Garten zu betreuen. All diese Dinge kann man, wenn man daneben noch eine 40-Stunden-Woche und gelegentlich auch am Wochenende Verpflichtungen hat, nur mit hängender Zunge machen. In der Früh nicht mehr aufstehen zu müssen, um in die Arbeit zu gehen, das ist eine schöne Perspektive. Was die Leser vielleicht interessiert: Ich will Urkünden in Maschinschrift übersetzen - weil fast niemand mehr die alten Schriften lesen kann.

Es gibt vieles was mich interessiert; in meiner Pensionszeit wird mir sicher nicht langweilig werden. Es war mir in meiner aktiven Zeit auch nie langweilig, wofür ich dankbar bin.

LWB: Historische Ambitionen - ich nenne nun drei Namen: Trientl, Jordan, Gaismair - was ist das für Sie?

Hofinger: Mich interessieren in der Geschichte nicht so sehr die Damen und Herren aus dem Hause Habsburg, sondern jene Persönlichkeiten, die eher ein Schattendasein führen. Diesen Leuten auf die Spur zu kommen und allenfalls noch Facetten herauszufinden, die nicht in den gängigen Geschichtsbüchern stehen, macht Spaß. Ich habe zu Adolf Trientl, dank meiner intensiven Beschäftigung mit ihm, eine geradezu persönliche Beziehung entwickelt. Ein Wunsch von mir wäre: einmal einen halben Tag mit Adolf Trientl beisammen sitzen oder mit ihm die heutigen Misthäufen Tirols besichtigen. Oder mit Peter Jordan plaudern, dem Seilrainer Kleinhäuslersohn, der Zeit seines Lebens nie vergessen hat, wo seine Wurzeln lagen, wie bettelarm er als Kind war, auch dann, als der Kaiser und Erzherzog seinen Umgang suchten. Oder das Feuer in den Augen des jungen Hans Kudlich sehen ...

LWB: Ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute.


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