Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum September 1979
Kategorisierung Nationalsozialismus; 1979

Wespennest Zeitgeschichte

Es gibt zwei gute Gründe, lautet ein bissiges Scherzwort, um Lehrer zu werden: Der eine heißt Juli, der andere August. Daß sich die Lehrer im Sommer nicht nur von den Strapazen des vergangenen Schuljahres erholen, sondern sich auch auf ein neues vorbereiten, wird dem Laien bewußt, wenn er von Tagungen der Latein oder Geschichtslehrer in der Zeitung liest. Die Geschichtslehrer nahmen sich im letzten Sommer wieder einmal des Vorwurfs an, das 20. Jahrhundert und vor allem der letzte Krieg kämen in der Schule, im Unterricht viel zu kurz. Es gibt dafür mehrere Gründe, die man aber nicht gerne aufzählt (Zeitnot, weil man sich zu lange bei anderen Ereignissen aufgehalten hat; des Lehrers Unsicherheit, weil man darüber als Student nichts gelernt hat, u. a.). Im Fernsehen wurde wieder einmal eine Begründung genannt, die jedes Jahr weniger zieht: das Elternhaus. Die Lehrer wagten nicht, in das volle Wespennest zu stechen, weil die Problematik zu stark mit Vorurteilen, persönlichen Erinnerungen und wohl auch persönlichem und familiärem Leid befrachtet sei.

Und nun ist es Zeit, sich die Augen zu reiben und nachzurechnen: Der durchschnittliche Besucher einer höheren Schule (auch Gymnasium oder Mittelschule genannt) ist 14 Jahre alt, also Jahrgang 1965. Seine Mutter und sein Vater sind, wenn sie nicht mit fünfzig ihr erstes Kind zeugten, wenn sie also statistische Durchschnittseltern sind, um 1940 geboren; sie haben allenfalls im Kindergarten statt eines Tischgebetes zum Bild des Schnauzbärtigen hinaufgegrüßt und gerufen: "Wir danken unserem Führer!" In die Schule sind unsere statistischen Durchschnittseltern nach dem Zweiten Weltkrieg gegangen. Wenn sie gar die Mittelschule besucht haben, dann haben sie dort nichts von den Ursachen und vom Verlauf des schrecklichen Krieges gehört, weil ihre Eltern noch Beteiligte waren. Und ihre Lehrer hatten auch gerade abgerüstet ... Es geht also wohl hauptsächlich um die Großeltern heutiger Mittelschüler und um die pensionsreifen Oberstudienräte, wenn behauptet wird, es gäbe Hemmungen, in der Schule Zeitgeschichte zu betreiben.

Die Durchschnittseltern heutiger Mittelschüler haben erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu denken begonnen. Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß über die Hälfte aller Österreicher nach diesem schrecklichen Ereignis geboren wurde, daß für sie das alles schon Geschichte ist. Es gibt also keinen ernsthaften Grund mehr, sich mit diesem Ereignis nicht im Geschichtsunterricht zu befassen. Wohl aber gibt es viel Gründe, dies sehr wohl zu tun.

Zumal die Schule ja auch sonst nicht behutsam ist. Von der neuen Mathematik bis zur Sexualerziehung, von der deutschsprachlichen Lektüre bis zu Fragen der Schuldisziplin - da gibt es überall Eltern, die ernste Bedenken anzumelden hätten; die sich zumindest in ihren liebgewordenen Vorurteilen getroffen fühlen.


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