Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 4. Jänner 1990
Kategorisierung Osteuropa; Vaclav Havel; 1990

Wendehälse

Natürlich freut sich jedermann über die Wahl von Vaclav Havel zum neuen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei. Daß sie mit einem Tedeum beschlossen wurde, daß Havels Rede so kurz war, daß das für ein Staatsbankett eingesparte Geld nach Rumänien geht - das alles sind sehr starke Gesten. Es ist schließlich erst ein halbes Jahr her, daß Havel als politische Null bezeichnet wurde; daß ein Priester nach einer Messe wegen Alkohol am Steuer (vom Meßwein!) verhaftet wurde. Erschrecken mußte an den sonst rund um erfreulichen Ereignissen in Prag nur dies: daß Havel einstimmig, ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung, gewählt wurde. Es saß in der Versammlung der zur Wahl verpflichteten Politiker doch eine ganze Reihe von Leuten, die Havel aus tiefster Seele hassen müssen; überzeugte Gegner, wenn man ihren Worten von vor ein paar Wochen trauen darf. Entweder haben sie vorher, als sie Kerker und Prügel für Demonstranten forderten, gelogen, oder sie lügen jetzt. Oder sie gehören in den Kreis der "Wendehälse", die jetzt von Berlin bis Bukarest das für gut finden, was sie vor einem halben Jahr noch als Hochverrat bezeichneten. Alle Sympathie, alle Hochachtung dem mutigen Kämpfer Vaclav Havel. Er hätte sich ein paar Dutzend Gegenstimmen ehrlich verdient!

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