Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Wasserburg

Autor Johann Holzknecht
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 27. April 1995
Kategorisierung Dritte Welt; Tourismus; Johann Holzknecht;1995
Das Defizit der Großstadt Schwaz/Vomp war unerträglich hoch geworden. Da kam eine Beratergruppe aus Japan angereist. Den Stadtvätern wurde das folgende Angebot unterbreitet: Die Gemeinde stellt den zahlenden Gästen das ganze Gebiet des alten Umelberges, versehen mit dem neuen, positiven Namen "Wasserburg", zur Verfügung. Im Kaufvertrag enthalten waren diese Bedingungen: künftig kein Einsichtsrecht der Behörden, der Stadt wie des Landes, in das, was auf der Wasserburg vor sich gehen würde. Und: Umleitung des gesamten Wassers aus den Quellen oberhalb der Stadt auf den ehemaligen Umelberg, wo die Japaner das - seit den Thermen Roms - größte je erbaute Dampf- und Erlebnisbad errichten wollten.

Die Stadtväter hatten kein gutes Gefühl bei dem Handel. Die Stadt hatte in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Niedergang erlebt. Die Skigebiete waren längst in Händen eines reichen ausländischen Golfclubs. Die Almen im Gebirge besaß, seit dem Konkursverfahren Nr. 17, eine holländische Bio-Firma. Die Stadtwerke betrieb ein Unterländer Müllkaiser. Das Hallenbad wurde ebenso genutzt wie die Turnhallen: Sie dienten, von einem bekannten Schottergruben-Multi geführt, nun als Parkhäuser.

Die Japaner machten, nachdem die letzten Umelbergler abgesiedelt waren, rasch Nägel mit Köpfen. Sie bauten rund um das Haupthaus mit seinen einzigartigen Wasserspielen mehrere Dörfer im vertrauten Alpenlook. Das ganze Gelände umgaben sie mit einer rund drei Meter hohen Mauer - nicht etwa, um ihre Gäste einzusperren, sondern um sie vor den neugierigen Blicken der Eingeborenen zu schützen. Wer wollte, konnte das Gelände jederzeit verlassen - aber herein kam nur, wer sich als Zimmermädchen oder als Sexualknecht verdingte. Die Gäste des Erlebnisbades gingen aber nicht oft nach draußen. Getrunken wurde von den Bürgern von Schwaz/Vomp statt des bisherigen Quellwassers nun das Grundwasser des Tales. Es wurde aus mehreren hundert Metern Tiefe gewonnen. Die Pumpkosten waren zwar beträchtlich, aber gemessen an dem, was die Stadt durch den Verkauf des Wassers aus ihren Bergquellen jährlich einnahm, war das schon vertretbar. Daß das Grundwasser so schmeckte wie das Trinkwasser in ganz Europa, nämlich bestenfalls nach nichts, war hinzunehmen. Es rächte sich nun, daß in den Zeiten des Überflusses niemand daran gedacht hatte, daß man dereinst Wasser aus dem Talboden trinken würde. Die vielen hundert wilden Deponien flußaufwärts, allen voran das ehemalige Musterprojekt Pill, saftelten unverdrossen in das Grundwasser. Dosierte Chlorzusätze ließen einen auch das verkraften. Im Erlebnisbad war alles eitel Wonne. Es kamen als Gäste, die den Ruf der Stadt in alle Welt trugen, nicht nur Japaner. Aus den Ölemiraten kamen große Gruppen angereist. Die gingen dann nicht so schamlos wie die Japaner oder die Norweger, nämlich familienweise, Männer, Frauen und Kinder, und alle pudelnackt, in die Bäder. Die Araber badeten nach Geschlechtern getrennt. Über alles andere, was sich da noch abspielte, von Rauschmittelexzessen aller Art bis hin zu Orgien, konnte niemand etwas Genaues sagen.

Am schönsten Platz des afrikanischen Staates Senegal, an einer palmenumsäumten Bucht am Atlantik, befindet sich ein Club. Zu seinen Attraktionen gehört ein Golfplatz mit giftgrünem Rasen. Bewässert wird dieser Platz, ebenso wie der Rasen zwischen den Hütten und Häusern des Clubs, mit Trinkwasser erster Qualität. Das Trinkwasser wird, weil höhergelegene Horizonte nur mehr Salzwasser liefern, aus großer Tiefe gepumpt. Geld spielt keine Rolle. Aus den von der Caritas gebohrten Brunnen vor dem Club fließt schon seit mehreren Jahren nur mehr saures, für den Genuß wie für die Bewässerung von Wiesen oder Gemüsegärten untaugliches Wasser. Dafür liefert der Club dem Staat bares Geld - zwar nicht soviel wie erwartet, aber die Zimmermädchen und die Sexualknechte sind mit ihrem Lohn mehr als zufrieden.

Nur einmal gab es eine kleine Krise. Einer der schwarzen Minister des Landes wollte selbst im Club ein paar Tage Urlaub machen. Er hätte vorher sagen sollen, wer er ist. Weil er das verabsäumt hatte, wurde er, wie alle Eingeborenen, von einem Wächter an der Einfahrt barsch zurückgewiesen. Allseitiges Bedauern. Der Portier, der seinen Landsmann-Minister nicht erkannt hatte, wurde natürlich sofort entlassen. Und der Herr Minister erhielt als Entschädigung einen einwöchigen Urlaub mit seiner ganzen Familie geschenkt. Worauf der peinliche Vorfall rasch vergessen werden konnte. So etwas kann dem Erlebnisbad in den Alpen nicht passieren. Seine Betreiber haben, wohl wissend um die Empfindlichkeit alpiner Politiker, alle elektronischen Überwachungsgeräte mit den persönlichen Daten der wichtigsten Leute der Stadt und des Landes gefüttert. Nähert sich einer von ihnen dem Badeparadies, dann öffnen sich alle Türen von selbst. Gelegentlich sollen schon Politiker gesehen worden sein, wie sie, Quellwasser trinkend, mit Japanern, Norwegern, Finnen, Russen und Arabern die so gelungene Völkerverständigung begossen haben.

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