Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Wandelbare Kulturlandschaft

Autor Winfried Hofinger
Medium Saison
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Nummer 4 1997
Kategorisierung Agrarisches; 1997

oder: Schön ist, was nützlich ist.

Wer aus einem fernen Land nach Tirol kommt, und hier auch bleibt, der tut das in erster Linie wegen der Landschaft. Das ist erwiesen. Er (und natürlich auch sie) nimmt die Landschaft sehr unbewußt in sich auf - es ist auch niemand da, der ihm oder ihr erklären könnte, warum es Wiesen, Lärchenwiesen, Almen, wenig Äcker, verfallende Heustadel und anderes mehr, anderes weniger gibt. Das ist einfach so. Daß dies alles, was wir Kulturlandschaft nennen, einem ständigen Wandel unterworfen ist, wissen auch viele Einheimische nicht so genau. Wer immer hier lebt, nimmt nur grobe Änderungen wahr.

Das neueste Landschaftselement, das die Bauern den Alpenländern schenken, sind die vielen weißen Kugeln, auch Siloballen genannt. Sie bieten, rein betriebswirtschaftlich gesehen, viele Vorteile - sonst würden die Bauern sie nicht wickeln (lassen). Daß sie nicht schön sind, bekümmert viele Bauern nicht.

Was ist überhaupt schön? Wer entscheidet, ob etwas "in die Landschaft paßt" oder nicht? Den Bauern hat die Frage, ob das, was er in der Landschaft treibt, dem Wunsch der anderen nach Schönheit nachkommt oder nicht, nie sonderlich berührt. Er hat die Baustoffe, die er vorfand, verwendet. Bevor er irgendwo teures Material zukaufte, setzte er die billige Arbeitskraft seiner Angehörigen und seines Gesindes ein. Augenfälliges Beispiel: Jeder von uns schätzt das schindelgedeckte Dach eines Stadels oder eines Wohnhauses. Ein riesiger Aufwand war nötig, so ein Dach nicht nur zu errichten, sondern auch zu erhalten. Die Schindeln aus Fichtenholz konnten in vier verschiedenen Lagen ausgebreitet werden: Vorne und hinten, unten und oben. Nach ein paar Jahren mußte jeweils gewendet werden; nach dreimaligem Wenden mußten die Schindeln erneuert werden, was Holz und Zeit kostete. Auch wenn das Holz am richtigen Tag geschnitten wurde, zur Zeit der vollen Saftruhe, hält täglich Schnee oder Regen ausgesetztes Fichtenholz nicht lange. Anderes Holz gibt es gebietsweise kaum, oder es ist nicht so gut spaltbar. Also ersetzten die Bauern die schönen Schindeldächer durch Blech. Ist Blech oder irgendein Plastikstoff häßlich? Wer stellt das für uns alle fest?

Heustadel werden überflüssig

Anderes Beispiel, mit einer Vorbemerkung über das Bretterschneiden einst und jetzt: Heute werden Bretter in voll automatisierten Sägewerken rasch und billig geschnitten. Früher einmal ging das Bretterschneiden so vor sich: Das Rundholz wurde auf ein Gerüst gelegt; oben stand der Aufizahrer, unten der Abizahrer. Sie bedienten ein Ungetüm von einer Säge, um händisch aus runden Bäumen Bretter mit mehr oder weniger parallelen Flächen zu machen. (Für Leser aus anderen Sprachlandschaften: Der Abizahrer hatte natürlich viel den feineren Job; ein Abizahrer ist in Österreich - fern von jedem Brettermachen - einer, der sich überall die Rosinen heraussucht, und der über den einfältigen Aufizahrer spottet.)

An einen Heustadel werden sehr geringe Anforderungen gestellt. Er soll gar nicht luftdicht sein. In Zeiten, als das Bretterschneiden eine aufwendige Sache war, wäre niemand auf die Idee gekommen, Bretter auf eine Alm oder auf eine Bergwiese weit vom Hof entfernt zu tragen. Man nahm mittelstarke Bäume aus der Umgebung, behaute die Enden so, daß sie eine stabile Verbindung ergaben, und setzte ein Dach drauf, damit das alles viele hundert Jahre halte. Diese Verschwendung von Holz sorgte dafür, daß die Wälder so licht blieben, daß sie beweidet werden konnten.

Heute baut man Stadel aus dünnen Brettern - wenn überhaupt noch welche gebraucht werden. Warum das? Die Zeit der Heuernte war und ist die Zeit der Arbeitsspitze im bäuerlichen Jahr. Das Heu aus hoffernen Wiesen wurde rasch am Feld unter ein Dach gebracht; und im Winter, wenn man mehr Zeit hatte, wurde es zum Hof geführt. Oder man hat das Vieh zum Stadel geführt und dort das Sommerheu verfuttert. Das hatte den Vorteil, daß der Mist gleich dort war, wo er wieder verwendet werden sollte.

Heute fährt der Ladewagen voll Heu in Windeseile zum zentralen Futterraum am Hof; den Mist bringt man mit dem Miststreuer hinaus. Ein paar Kilometer spielen da kaum ein Rolle. Es werden also sehr viele Stadel überflüssig.

Damit kein Zweifel besteht: Auch mir gefällt eine Wiese viel besser, wenn darauf ein alter Stadel aus schweren, von der Sonne verkienten Balken steht. Wenn er verfällt, ist das aber nicht ein Zeichen dafür, daß die Bauern wenig Sinn für schöne Elemente in der Landschaft hätten. Sie haben nur einfach zu wenig Zeit und Geld, um funktionslos gewordene Gebäude zu erhalten, nur wegen uns Wanderern mit ästhetischen Ansprüchen.

Holz oder Draht?

Ähnlich ist die Sache mit den Zäunen. Ein Zaun aus gespaltenem Rundholz - daher der Name Spiltenzaun - ist viel schöner als ein elektrischer Drahtzaun. Aber: Der elektrische ist billiger und praktischer. Es ist vernünftiger, eine große Wiese in Portionen zu beweiden, statt sie in ihrer ganzen Ausdehnung von der Herde zertrampeln zu lassen. Das "Koppeln" ist mit dem Elektrozaun ein Kinderspiel: Es müssen nur täglich ein paar Eisenstangen mit je zwei Isolatoren darauf versetzt werden. Den elektrischen Hüterbuben - er heißt tatsächlich so - eingeschaltet, und je nach Größe und Freßlust der Herde morgen ein paar Stangen versetzen.

Genug zur "Möblierung" der Landschaft. Sie ist, weil sich die Umstände am Bauernhof so stark geändert haben, vielen Änderungen unterworfen. Sie wird sich auch weiterhin ändern. Wer alte Bilder unserer Kulturlandschaften mit dem heutigen Zustand vergleicht, dem wird auffallen: Der Wald nimmt überall zu.

Als ich unlängst in der Zeitung des Forstdienstes eine Glosse "über das Zuwachsen des Landes mit Forstgehölzen" schrieb, trug mir das eine sechs Seiten lange Entgegnung ein. Die Holznot des vorigen und der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ist Geschichte. In Tirols Wäldern steht so viel Holz wie seit vielen hundert Jahren nicht mehr, und die Waldfläche nimmt laufend zu, auf Kosten von "Grenzertragsböden" und anderen Flächen. Das sind entweder bewußte Aufforstungen, oder die vom Bauern aufgegebenen Flächen wachsen einfach zu.

Nun wird niemand bestreiten, daß, bedingt durch den Landhunger am Beginn der Neuzeit - und es war damals auch wesentlich wärmer als heute - manche Flächen gerodet wurden, die heute besser Wald wären. Es ist die Verfinsterung der Landschaft in unserem Land noch kein Problem. In den südlichen und östlichen Bundesländern gibt es Regionen mit über achtzig Prozent Wald. Eine Entwicklung zu neunzig Prozent Waldanteil kann keiner ernsthaft wollen.

Der Wald ist in früheren Zeiten sehr rauh behandelt worden. Man hat die Streu vom Boden gekratzt. In Gebieten oberhalb der Anbaugrenze des Getreides hat man diese Streu statt Stroh verwendet. Man hat in manchen Gegenden sogar von lebenden Fichten die Äste abgehackt, also die Bäume "geschnei-telt", und nur ganz oben einen Klafter grüne Zweige belassen. Man hat Rinder, Schafe und Ziegen in den Wald getrieben, wo sie ein zumeist kärgliches Futter fanden.

Gefährdete Waldtypen

Diese zweifellos waldschädigenden Sitten ergaben Wälder, die allenfalls besucherfreundlicher sind als reine Fichtenplantagen. Die ärgsten Schneitelwälder des Zillertales sind die besten Beerengründe. In einem österreichischen Biotopinventar wird unter den gefährdeten Waldtypen der Weidewald angeführt - weil immer weniger Bauern ihr Vieh in den Wald jagen; allenfalls noch in den der Staatsforste, aber doch nicht in den eigenen.

Zu den schönsten Landschaftselementen gehören die Lärchenwiesen. Es gibt sie am Mieminger Plateau, im Stubai und im Wipptal, auch in Süd- und Osttirol. Die Lärchenwiesen sind vom Menschen gestaltet. Hört er auf, Fichten oder Kiefern abzumähen oder auszureißen, wird aus einer Lärchenwiese in einer Generation ein Mischwald aus diesen drei Nadelgehölzen, mit ein paar Vogelbeeren oder Ahornen dazwischen. Damit die Lärchenwiesen nicht verschwinden, fördert das Land aus Naturschutzmitteln die Beseitigung der natürlichen Verjüngung. In einem ganz neuen Werk über die Naturnähe der Wälder ist das Kunstgebilde eines lockeren Lärchenwaldes zurecht als besonders naturferne eingestuft. Vier Zehntel der Landesfläche bedeckt der Wald. Den Rest teilen sich Ödland (Hochgebirge, Autobahnen und Siedlungen) und landwirtschaftliche Nutzflächen. Bei denen stellen wieder die Almen den größten Anteil.

Auch das Gesicht der Almen hat sich geändert: Es gibt heute kaum noch "Putzer", also kaum noch Menschen, die den ganzen Sommer über all jene Kräuter und Sträucher, die den Futterpflanzen Konkurrenz machen, ausreißen. Es gibt also viel mehr Almrosen als je zuvor. Auch viel mehr Latschen und Erlen. Auch auf den Almen wird nun gekoppelt. Manche Forstleute beklagen, daß die Förderung der Almwirtschaft durch Innsbruck, Wien und Brüssel die schreckliche Waldweide am Absterben gehindert habe.

Die markanteste Änderung der Kulturlandschaft herunten, oder, wie die Bergbauern sagen, am Land: Es gibt nun ganze Täler ohne Äcker, nur mit Dauergrünland. Schon vor über hundert Jahren hat Tirols erster Wanderlehrer Adolf Trientl, der "Mistapostel", den Bauern geraten, sie sollten den Getreidebau doch bleiben lassen - das besorgten, in Zeiten der Eisenbahn, Bayern und Ungarn besser. Befolgt wurde dieser Ratschlag erst hundert Jahre später. Mit der Beschränkung auf das Dauergrünland - also weg von der vielseitigen Selbstversorgung - hat die Landschaft viel von ihrer Buntheit verloren. Neu ist der Maisanbau, auch in Gegenden, wo es ihn früher nie gegeben hat: Neue Sorten und neue Techniken lassen nun auch um tausend Meter Seehöhe den Maisanbau vernünftig erscheinen.

Vielleicht hat das bisher Gesagte den Eindruck erweckt, die Bauern hätten in der Landschaft ausschließlich das getan, was ihnen wirtschaftlich vernünftig erschien - Fragen der "Schönheit" hätten sie erst gar nicht gestellt. Das ist natürlich eine gewollte Übertreibung.

Das Haus als Schmuckstück

Und schon gar nicht gilt das von ihren Häusern. Bauern aus Frankreich zum Beispiel sind immer ganz erstaunt, wie viel Geld und Energie unsere Bauern - aber auch die meisten anderen Hausbesitzer - in die Verschönerung ihrer Häuser stecken. Und wie aufgeräumt es überall ist. Warum, so fragen sie, wird das Brennholz so schön aufgeschlichtet? Sie gehen in der Zeit, die Alpenbewohner damit verschwenden, Haus und Garten herauszuputzen, lieber auf eine Partie Boule oder in ihr Stammlokal ... Haus und Garten sind nach wie vor in erster Linie Frauensache. Es gäbe keine echten Bauerngärten mehr, wird geklagt. Aber ja, es gibt sie durchaus. Sicher ist, daß der Blumenschmuck in seiner Überfülle manchmal die Balkone unbewohnbar gemacht hat. Und daß an der Stelle vieler Thujen- oder Zypressenhecken besser eine aus Hainbuchen oder Hartriegel und Pfaffenhütchen stünde.

In der Beratung durch die Obst- und Gartenbauvereine ist man bemüht, vor allzu exotischen Fremdgehölzen abzuraten. Aber viele Gemüsesorten, mancher Strauch von wo anders ist doch einfach eine Bereicherung. Warum sollte ausgerechnet im Bauerngarten alles so bleiben, wie es immer war? Jenen zuliebe, die mit Laptop und Handy vorbeikommen? Fehler wurden da wie anderswo gemacht. Es hat sich auch das Bewußtsein dafür, was falsch ist und was richtig, geändert. Wer heute eine Grundzusammenlegung so machen würde, wie wir sie vor dreißig Jahren bewunderten - kein Strauch blieb stehen, kein Bächlein unverbaut - würde ein Disziplinarverfahren angehängt bekommen. Waldbau, Flußbau, Jagd und viele andere Tätigkeiten in der Natur hinterlassen deutliche Spuren. Wird etwas davon später als falsch erkannt, so braucht es seine Zeit, bis die Folgen beseitigt sind. Bis Gras oder Bäume darüber gewachsen sind.

Das erste Problem ist aber nicht, daß sich manches mit der Zeit gewandelt hat, sondern daß mit dem an und für sich so raren Boden so verschwenderisch umgegangen wird. Aus den planlos zersiedelten Tälern und Becken muß der normale Tiroler am Wochenende einfach hinauf, über die Waldgrenze: Der Lunge und dem Auge zuliebe. Nur dort, so ist die einhellige Meinung, ist die Welt noch in Ordnung.


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen