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Vor 125 Jahren: Der Landtag schafft den "Landesculturrath"

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 21. September 2006
Kategorisierung Landeskulturrat; Agrargeschichte; 2006


"Die energische Mitwirkung der Bevölkerung" ist das Ziel. Eines der wenigen Zugeständnisse an die "Welschen" - je eine Sektion in Innsbruck und Trient.

Im Tiroler Landtag gab es am 24. September 1881, also ganz genau vor 125 Jahren, zwei Sitzungen -eine am Vormittag, bis 1 Uhr; und eine "Abendsitzung" ab 5 Uhr 5 Min. Beraten und beschlossen wurde ein "Gesetz zur Errichtung von Bezirksgenossenschaften der Landwirte und eines Landescul-turrathes in der gefürsteten Grafschaft Tirol". Die Mitgliedschaft bei den Bezirksgenossenschaften war eine freiwillige. Örtliche Einheit waren die Gerichtsbezirke, von denen es damals noch viel mehr gegeben hat als heute (und in manchen Gerichtsbezirken bildeten sich zwei Bezirksgenossenschaften, etwa in Silz oder in Nauders, weil da nicht alle Gemeinden miteinander konnten.) Alle Bezirksgenossenschaften zusammen sollten den "Landesculturrath" bilden. Es sollte zwei Sektionen geben - eine für Deutschtirol in Innsbruck und eine für Welschtirol in Trient. In den ständigen Ausschuss des "Landesculturrathes" kamen zu den Bezirksvertretern noch zahlreiche Amtspersonen: Der oberste Agrarbeamte im Land, dem es frei stand, "einen Staatstechniker, oder einen k.k. Forstinspektor oder den Landesthierarzt als Fachmänner beizuziehen"; zwei vom Ackerbauminister und zwei vom Landesausschusse berufene Mitglieder und noch ein paar Herren. Die Präsidenten wurden nicht gewählt, sondern vom Kaiser auf sechs Jahre bestellt.

Widerstand von den Vorgängern

Berichterstatter im Landtag war Julius von Riccabona. Er war ein erfahrener Abgeordneter (siehe nebenstehender Lebenslauf). Gegen den Entwurf sprach sich besonders heftig der Abgeordnete Dr. Ludwig Duregger aus.

Als Spitzenfunktionär der Tiroler Landwirtschaftsgesellschaft fürchtete er zu Recht, dass diese seine Gesellschaft - Vereine auf der Basis des Vereinsgesetzes aus 1867 - nach der Machtergreifung durch den "Landesculturrath" bald untergehen würde. Seine Anträge auf "Übergang zur Tagesordnung", also die Vorlage nicht einmal zu behandeln, fanden natürlich keine Mehrheit. Diskutiert wurde im Landtag zweisprachig. Sprach der Redner deutsch, fragte der Landeshauptmann: "Desiderano i Signori la traduzione?" (Wollen die Herren eine Übersetzung? Frauen gab es im Landtag noch fast vierzig Jahre lang nicht ...) - Die Antwort war meistens: "No, no." Sprach einer italienisch, wurde auch er nach Bedarf von Segretario Dr. Eccheli übersetzt. Der Landeshauptmann als Vorsitzender im Landtag? Ja, und daneben gab es den direkten Draht nach Wien durch einen Landesstatthalter. Wie das Verhältnis dieser beiden zueinander war, wer jeweils was zu sagen hatte, ist hier nicht unser Thema - es war aber sehr kompliziert, und es änderte sich, je nach der Ausprägung des Wiener Zentralismus.

Mut zur Selbsthilfe machen

Warum man dann trotzdem, obwohl fast alles in Wien bestimmt wurde, eine Organisation geschaffen hat, in der die Betroffenen mitreden konnten? - Der Berichterstatter Riccabona zitierte in seiner Einleitung die Regierung in Wien, die das alles ja betrieben hat: "...daß die Heilung volkswirtschaftlicher Krankheiten nicht ausschließlich auf dem Wege der Gesetzgebung und Verwaltung geschehen könne. Die energische Mitwirkung der Bevölkerung selbst ist eine unerläßliche Bedingung zur Erreichung dieses Zieles."

In den kommenden Monaten feiern die Landwirtschaftskammern, die ab 1936 an die Stelle des Landeskulturrates traten, 125 Jahre ihres Bestehens. Das Jubiläumsjahr 2007 wird mit vielen Veranstaltungen aufwarten. Was es da zu feiern gibt, was alles geplant ist, wird in späteren Beiträgen dargelegt.


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