Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Von wegen Ehrenamt

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung  ?
Texttyp Glosse
Erscheinungsdatum nicht erschienen 2002
Kategorisierung Persönliches; 2002
Anmerkung des Autors Muigg: Zu spät!


Unsere Gesellschaft würde ohne das alles nicht funktionieren.

Alle paar Jahre werden Anläufe genommen, all jene zu würdigen, die irgendein unbezahltes Ehrenamt auf sich nehmen - oder deren mehrere, weil die meisten Mitbürger im gesetzten Alter ja gleich deren mehrere haben. Es kann das Erfüllen unbezahlter Funktionen nicht nur mühsam sein, denn sonst täten es sich die meisten, ich eingeschlossen, nicht an. Es bringt, neben der Gewissheit, nicht ganz unnütz auf der Welt zu sein, vieles andere mehr. Und davon soll hier die Rede sein. In meiner eigentlichen Sprachheimat, im Tiroler Unterland, sagt man dazu auch "Hangei", nicht weil es etwas ist, woran man gar so hängt, sondern weil man damit angehängt ist und es zumeist nie wieder los wird. Als ich jung war, sagte man ganz selten "ich", was dazu führte, dass einer langmächtig von "man" sprechen konnte, bis man merkte, dass er eigentlich von sich selber sprach. (Dann hat man geheiratet, drei Kinder bekommen, dann ist man beruflich weiter aufgestiegen usw.) Es galt noch vor dreißig, vierzig Jahren als ausgesprochen unhöflich und daher als unerlaubt, einen Brief oder eine Postkarte mit "Ich" zu beginnen. "Lieber Sohn! teile Dir kurz mit, dass Deine Mutter gestern ..." Es wird in den folgenden Zeilen nicht richtig und nicht möglich sein, nicht von mir zu sprechen.

Es gab und gibt solche Ehrenamtliche sonder Zahl in allen Schichten, in allen Gegenden Mitteleuropas; es ist die Ausübung unbezahlter Tätigkeiten durch erwachsene Mitbürger neben der Berufsarbeit fast die Regel. Pensionisten wie ich haben auch die dafür nötige Zeit, wenn sie es nur wollen. Wenn sie richtig gefragt werden, dann greifen sie auch zu. Wer ist nicht froh, wenn sein Leben nicht nur aus Essen und Schlafen, aus Jammern und Bergwandern besteht?

Ministrant

Wir wohnten ziemlich nahe bei der großen Kirche von St. Johann in Tirol. In die Kirche gingen wir (mindestens) jeden Sonntag sehr selbstverständlich. Und da war der Dekan Josef Ritter, der einer der liebenswürdigsten, humorvollsten Priester war, denen ich je begegnet bin. Bald einmal wurde ich gefragt, ob ich nicht Ministrant werden wollte. Ich wollte natürlich. Damals mussten die Ministranten noch auf Latein das Stufengebet abwechselnd mit dem Priester sprechen, oder auch das "Suscipiat" (Suscipiat Dominus sacrificium de manibus tuis etc) - wir verstanden kein Wort, aber etwas auswendig zu lernen ist in diesem Alter kein so großes Problem.

In einer so reichen Gemeinde Ministrant zu sein war kein Ehrenamt im strengen Sinn. Wir wurden bezahlt! Für eine stille Messe gab es 1 Schilling, für ein Amt 1,50 S. Für die Burschen aus der nahen Südtiroler Siedlung war es fast die einzige Methode, zu etwas Taschengeld zu kommen. Mädchen waren damals als Ministranten undenkbar. Jeder von uns hatte ein Büchl, in dem die Priester (St. Johann hatte damals bis zu vier davon!) jeweils mit ihrer Unterschrift bestätigten, dass man ihnen ministriert hatte. Ich war damals immer bei Kasse. Einmal hatte ich über 100 S angespart. Das war vor 1950 viel mehr als heute 100 Euro. Außer der täglichen Routine gab es auch so Anlässe wie Nobelhochzeiten. Von wem ich einmal als Ministrant für eine Stunde Dienst bei seiner Trauung 20 Schilling bekam, das weiß ich bis heute.

Kirchenchor

Seit ich zehn Jahre alt bin, singe ich auf Kirchenchören oder ich blase dort das Waldhorn. Für das Singen habe ich nie einen Schilling verdient (also ein Ehrenamt?) - für das Musizieren auf wildfremden Chören ließ ich mich gelegentlich doch ganz gerne bezahlen. Ein eigenartiges Gefühl, für etwas, das man Gott zur Ehre und aus Freude tut, auch noch Geld zu bekommen. Ich greife vor, wenn ich berichte, was mein allergrößte Auftritt diesbezüglich war: 1996 wurde ich gefragt, ob ich zum 100. Todestag von Anton Bruckner im Münchener Frauendom beim "Te Deum" das 4. Horn blasen wollte. Ich fragte zunächst ungläubig, ob es denn in München und Umgebung nicht ein paar hundert oder tausend Hornisten gäbe, die an diesem schwersten aller Blasinstrumente besser seien als ich; ja schon, aber weil ich so ein altes Wiener Horn besitze, würde ich gefragt. Vier Wiener Hörner mit strahlendem Fortissimo, das gibt es außer in Wien auf der ganzen Welt nicht mehr ... Ich hätte für dieses Erlebnis noch etwas bezahlt. Dass ich dafür auch noch ein paar hundert Mark kassieren sollte, nahm ich gelassen an.

Hochschülerschaft

Bald nach meinem ersten Studium, der Theologie in Innsbruck, wurde ich gefragt, ob ich in der Hochschülerschaft (ÖH) mitwirken wollte. Ich wurde Pressereferent. Nach vier Semestern wechselte ich nach Wien auf die Hochschule für Bodenkultur. Dort wurde ich bald einmal Fachschaftsleiter und dann Vorsitzender der ÖH. Im Zentralausschuss wurde ich Vize. Und auf einmal merkte ich, wie meine Semesterkollegen einer nach dem anderen an mir vorbeizischten; wie ich bei Prüfungen plötzlich unter jungen Leuten saß, die ein, zwei Jahre nach mir auf die Hochschule gekommen waren. Da ich im CV auch noch ein paar zeitraubende G'schaftln übertragen bekam, war ich manchmal keinen Abend im Monat daheim. Die Sache ist gut ausgegangen. Aber es gab in der ÖH mehrere Spitzenfunktionäre, die deshalb zu Studienabbrechern wurden. Zahlt sich das alles aus? - Ich meine schon. Wir sind bei Ministern und anderen Politikern aus- und eingegangen. Wir lernten nicht nur, dass das auch alles nur Menschen sind. Wir lernten uns auszudrücken, wir verloren die Scheu, vor mehreren hundert Leuten zu reden. Geld bekamen wir als ÖH-Funktionäre keines. Nur einmal, als ich wegen Ehrenbeleidigung angeklagt war, bezahlte die ÖH den Verteidiger. Der ist dann zur Verhandlung gar nicht erschienen. Der Freispruch erfolgte unter anderem deshalb, weil Ehrenbeleidigung nach sechs Wochen verjährt, und weil der Richter unsere Verteidigung mit übernommen hatte.

Bewährungshelfer

Nach dem Studium wurde ich in der Tiroler Bauernkammer angestellt. Familiengründung, drei kleine Kinder. Da bleibt für anderes wenig Zeit. Heute scheint es mir, dass ältere Vereinsmeier sich zu wenig daran erinnern, wie das war, als sie selbst eine junge Familie hatten. Wer da jeden Abend oder jeden zweiten unterwegs ist, der ist nicht gerade das, was man einen guten Familienvater nennt.

Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich nicht bei der Bewährungshilfe mitarbeiten wolle. Ich sagte zu - und ich tauchte in eine ganz neue Welt ein. Was ich dort erlebte, das war so fern von dem behüteten Elternhäusern, in denen meine Frau und ich aufgewachsen waren. Ich kannte Unterschichten allenfalls vom Dorf, wo es ein paar (zumeist sehr kinderreiche) Karnerfamilien gab. Meiner Frau aus dem Wiener Bürgertum war das alles ganz und gar unbekannt. Was ich da erlebte, unterliegt, so meine ich, auch dreißig Jahre später noch der Amtsverschwiegenheit. Eine lustige Erfahrung am Rande: Ein Schuldirektor und ein Landesschulinspektor fragten mich je einmal, ob ich für meinen Schützling bzw. später deren Kinder die Hand ins Feuer legen könne. Nein, sagte ich, das könne ich nicht einmal für meine eigenen Kinder.

Drogentherapie

Vor gut 30 Jahren wurde in Innsbruck der Verein KIT gegründet. Er wuchs aus dem Z6 heraus, einem ursprünglich kirchlichen Jugendzentrum. Erschien da eines Tages ein junger Mann in meinem Büro: Er suche einen Bauernhof. Ich darauf: Einen mit Straßenanschluss, Zentralheizung, Telefon usw. - Ja, woher wissen Sie das? - Weil das alle paar Wochen jemand will von mir.

Den Bauernhof fanden wir nicht, aber beim KIT blieb ich von der Gründungsversammlung im Herbst 1974 bis heute als Schriftführer hängen. Und das wäre der Platz, über zweierlei nachzudenken. Zunächst: Wie wird man ein Ehrenamt wieder los. Fast gar nicht, außer durch einen Schlaganfall oder durch Tod. Dazu ein anderes Beispiel. Auf der Gründungsversammlung der Gesellschaft für psychische Gesundheit wurde ich zum Rechnungsprüfer bestellt. Durch Jahrzehnte wurde ich das Amt nicht los, obwohl ich auf jeder Generalversammlung sagte, dass ich eigentlich kein gelernter Buchprüfer sei, und dass alle Kassiere, die mit der Kasse durchgebrannt sind, so Vertrauen erweckend ausschauen wie der unsere. Losgeworden bin ich das Amt nach 30 Jahren, nachdem sich der Umsatz des Vereins sich seit dem Jahr der Gründung verhundertfacht hatte, nur deshalb, weil der Gesetzgeber befunden hat, dass große Vereine von Fachleuten und nicht von gutwilligen Laien zu prüfen sind. Ob alle Rechnungsprüfer wissen, was sie sich da antun? Dass sie seit bald 200 Jahren, seit es das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch gibt, dafür haften, wenn sie sich zum Amt eines Rechnungsprüfers bereit und damit für befähigt erklären?

Die zweite Einsicht: Das Amt eines ehrenamtlichen Funktionärs ist, gemessen an dem, was die Hauptberuflichen leisten, gerade auch im Sozialbereich, eine vernachlässigbare Winzigkeit. Schon, schon, über 300 Vorstandssitzungen - aber nach der Sitzung geht man heim, in seine kleine beschauliche Welt, und träumt von Skitouren oder Urlaubsfahrten. Der Therapeut geht zu seinen zumeist sehr schwierigen Leuten zurück. Für mich ist der Verschleiß der Arbeiter in einer Drogenstation mittlerweile das stärkste Argument gegen die Freigabe von Drogen: Die Drogenkranken machen nicht nur sich selbst kaputt, sondern auch jene, die ihnen helfen sollen, wenn sie ganz unten angekommen sind.

Abschied nehmen

In den letzten Monaten bin ich aus zwei Ehrenämtern unfreiwillig hinausgeflogen. Der persönliche Frust darüber mag der eigentliche Grund für die Abfassung dieses Lebensberichtes sein. Das kam so: Der neue Musikdirektor in Wilten entließ nach der ersten Probe die Hälfte des bisherigen Kirchenchores. Ich hätte bleiben können, sagte aber dann öffentlich, das ich mir nicht wünsche, dass in meiner Kirche so mit Menschen umgegangen wird. Daraufhin flog ich auch hinaus, und mit mir gingen zwei weitere gute Sänger freiwillig. Das alles ist noch so neu und tut noch so weh, dass ich darüber nicht weiter schreiben will.

Anfang 2006 löste das Innenministerium den Vertrag mit der ARGE-Schubhaft in Innsbruck auf, und übertrug die Betreuung der Schubhäftlinge einer dem Ministerium näher stehenden Organisation. Ich war davor einmal im Monat am Samstag in die Polizeizentrale, bzw. in die Anhaltestelle dort gegangen, um Bibliotheksdienst zu machen. Jedes Mal kehrte ich mit ganz starken Eindrücken heim. Beeindruckt von jungen Leuten, die sich in Indien, Kasachstan, in allen Ländern Nordafrikas auf den Weg gemacht hatten, weil sie daheim verfolgt worden waren, oder weil sie für sich daheim keine Chance mehr sahen. Ein Brief an die Ministerin wurde nicht beantwortet. Alle Proteste, bis hin zu kirchlichen Stellen fruchteten nichts.

Die freundlichen Leser müssen sich nicht um mich sorgen. Ich bin seit kurzem Großvater, das ist das schönste Ehrenamt bisher. Ich habe noch ein paar "Hangei" in der Pfarre, bin Ortschronist, Musikant in zwei Chören und spiele in zwei Orchestern; und vor allem das KIT. Ist keiner von Ihnen bereit, mir ein paar von diesen Ehrenämtern abzunehmen? Man ist schließlich nicht mehr 60 ...!

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