Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Von Pistenflüchtlingen und Tourengehern

Autor Winfried Hofinger
Medium Umweltschutzpapier
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum  ?2005
Kategorisierung Skipisten; Tourengehen; 2005

Wer geht denn heute noch lifteln!? Wer den Zeitgeist mit dem Löffel gefressen hat, geht auf Skitouren. Da steht dann, etwa zum »Rietzer Grießkogel« im Kühtai oder zum »Feldalphorn« in der Wildschönau in einem Tourenbüchlein: »Wo hunderte Menschen Bergeinsamkeit suchen ...« Was wäre, wenn alle auf Touren gingen? Das wäre nicht nur für die Liftbetreiber eine Katastrophe. Wenn alles das, was sich derzeit in den Skistationen gegenseitig auf die Brettln steigt oder krankenhausreif fährt, sanft und regelmäßig über die Alpen verteilt wäre, dann wäre das natürlich nicht auszuhalten. Wer Jubel-Trubel-Heiterkeit sucht, soll nur schön brav in den Zentren bleiben. Wer ein und dieselbe Piste, oder auch deren mehrere, öfters abgefahren ist, der fragt sich natürlich: »Und was soll ich am Nachmittag machen?« Er sinnt auf Abwechslung, er bricht aus der Piste aus, hinaus in den Tiefschnee.

An sich ist das Skifahren im fremden Wald erlaubt, ausgenommen in Verjüngungsflächen bis zu einer Höhe der Jungbäume von drei Meter. Weil die Tiefschneefahrer im Lift-und Pistengebiet so zugenommen haben, hat der Gesetzgeber 1987 beschlossen: »Das Abfahren mit Skiern im Wald ist im Bereich von Aufstiegshilfen nur auf markierten Pisten oder Skirouten gestattet.« So weit so gut. Aber am selben Tag, an dem der Nationalrat diese Novelle zum Forstgesetz 1975 beschlossen hatte — es war der 20. Oktober 1987 — hat derselbe eine Entschließung verabschiedet, daß dem Bund kein Mehraufwand aus dieser neuen Passage des Forstgesetzes erwachsen dürfte. Ein einmaliger Fall in Österreichs Rechtsgeschichte: der Gesetzgeber beschließt am selben Tag, an dem er ein neues Gesetz macht, daß seine Einhaltung nicht kontrolliert werden darf. Brave Liftgesellschaften sagen alle paar Stunden im Lautsprecher durch, daß das Verlassen der Pisten in den Wald gesetzlich verboten ist; böse werben mit »aufregenden Variantenabfahrten«. Brave Liftbetreiber bringen an den Stellen mit der größten Versuchung in den (Jung-)wald auszubrechen, ausbruchsichere Zäune an. Böse schicken die fortgeschrittenen Skischüler in den Jungwald.

Im Tiroler Wald steht sehr viel Wild. Manche Mitbürger, so auch ich, meinen, daß wir zu viel Wild haben. Das Wild braucht im Winter Ruhe — hat es die nicht, braucht es unverhältnismäßig mehr Futter. Wer Jagd und Fremdenverkehr in ein und demselben Gebiet betreiben will, muß die Wildtiere füttern, so pervers einem das auch erscheinen mag. Wildtiere werden erschreckt von Pistenflüchtlingen, Wanderern, gröhlenden Mondscheinrodlern und natürlich auch von Tourengehern. Vor nicht allzulanger Zeit haben Fremdenverkehrsorte mit Ausflügen oder Schlittenfahrten zu Wildfütterungen geworben. Seit dem Jagdgesetz 1983 kann der Bereich um Fütterungen behördlich gesperrt werden, allerdings dürfen auch im Sperrenbereich »Skiführen« und Skiabfahrten benützt werden. Als dieser Paragraph beraten wurde, da hat der Alpenverein, höchst erfolgreich aus seiner Sicht, aufgeschrien: Er sagte, wenn man die Umgebung von Fütterungen ganz sperren dürfte, dann könnte man, durch eine geschickte Plazierung solcher Anlagen, ganze Täler durch eine einzige Fütterung für den Tourenskilauf zumachen.

Der Leser merkt: die Sympathie des Verfassers ist auf der Seite der Tourengeher. Das sind jene Leute, die zwei bis vier Stunden schwitzend nach oben stapfen, oben rasten und in einer Viertelstunde herunten sind. Brave Tourengeher verparken nicht den höchstgelegenen Bauernhof; sie grüßen den ehrsamen Landwirt, ehe sie zunächst am Forstweg, dann über Almen aufwärts ziehen. Sie vermeiden Verjüngungsflächen und Wildeinstände bei Aufstieg wie bei der Abfahrt. Sie brechen nicht in Heustadel ein. Sie gehen in dem Tal, in dem sie ein Bergerlebnis genossen haben, ins Wirtshaus, damit sie nicht nur Abgase und Abfälle, sondern auch Getränkesteuern dalassen. Böse Tourengeher tun von all dem das Gegenteil. Es gibt auch sie. Niemand kann sagen, ob das Tourengehen weiter so zunimmt und ob das Pistenfahren immer mehr Mitbürger langweilen wird.


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen