Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Vom Kaufrausch unserer Tage

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 18. Dezember 2003
Kategorisierung Weihnachten; Familiengeschichte;2003

Am 1. Dezember stand ich mit meiner Frau zehn Stunden im Standl von "Bruder und Schwester in Not" vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck. Es war ein warmer Föhntag, ein Tag, an dem wohl alle Schneekanonen im Land still stehen mussten.

Viele freundliche Leute haben bei uns schon deshalb eingekauft, weil wir hübsche und praktische Sachen aus der Dritten Welt angeboten haben. Und weil sie uns persönlich kannten. Nach nur einem Arbeitstag als Verkäufer bildeten wir uns schon ein, eine Ahnung davon zu haben, wie es jenen Leuten geht, die tagaus, tagein im Einzelhandel tätig sind. Oder die vier Wochen lang, bei jedem Wetter, am Christkindlmarkt stehen müssen.


Verführung zum "Kaufrausch"?

Es ist der Beruf der Verkäuferin ein überaus harter Beruf. Wer seinen Arbeitsplatz in einem der vielen tausend Geschäfte im Lande hat, ist nicht zu beneiden. Sie verdienen sich ihre bekannt niedrigen Gehälter bei harter Arbeit. Und dann müssen sie sich vielleicht noch sagen lassen, dass das, was sie in diesen Wochen getan haben, womöglich Verführung zu einer Sucht, Beihilfe zu einer Suchtbefriedigung, nämlich dem "Kaufrausch", ist. Doch nicht von der psychischen Krankheit Kaufsucht, sondern vom ganz normalen Wahnsinn des Shoppings soll hier die Rede sein. Es beginnt das alles damit, dass einem die Post auch dann, wenn man auf sein Postkastl einen amtlichen Zettel mit "Bitte nicht" klebt, Anfang Dezember täglich fünf bis zehn Reklamesachen bringt. Die versprechen dann nicht nur, dass es nirgendwo anders günstiger wäre einzukaufen - sie versprechen auch Glück, Zufriedenheit, Entspannung, Lösung aller seelischen Leiden, wenn man nur bei ihnen heftig (und sonst nirgendwo) einkauft. Wer sich nur ein wenig darum bemüht, seinen christlichen Glauben ernst zu nehmen, der ist natürlich darüber verärgert, dass das alles mit der Geburt des Jesuskindes in einem Stall in Zusammenhang gebracht wird. Ist das im Grunde nicht Religionsstörung? Die Verspottung der religiösen Gefühle jener, die das Christentum leben? Ich meine schon, weiß aber absolut kein Mittel, das abzuschaffen. Käuferstreik? Bringt garantiert nichts.


Seit wann ein Einkaufsfest?

Nun fällt ja nicht unser Christentum oder der religiöser Kinderhimmel zusammen, wenn die nun einmal notwendigen Wintersachen, die warmen Kleider und das Skizeug unter dem Weihnachtsbaum liegen. Aber es wäre zu wünschen, dass sich das Fest nicht darauf beschränkt. Wie das bei mir Zuhause war? Als wir Kinder waren, hatten die meisten Leute wenig Geld, und selbst der, der etwas Bargeld hatte, konnte sich fast nichts dafür kaufen. Es ist heutigen Kindern und jungen Erwachsenen ganz schwer begreiflich zu machen, dass man im Krieg und in den ersten Jahren danach nicht in ein Geschäft gehen konnte, um dort eine Schokolade, eine Banane, Sportgeräte oder Schuhe zu kaufen. Vielleicht gerade deshalb hat meine Mutter bald nach Weihnachten schon angefangen, Sachen für das nächste Weihnachtsfest zu sammeln, zu tauschen, zu kaufen. Der Christbaumschmuck wurde übers Jahr auf einem Bauernhof bombensicher eingelagert.


„Was hat das Christkind gebracht?"

Als dann dreißig Jahre später unsere Kinder am Christtag zu den Großeltern gingen, fragte die Oma: „Und, was hat das Christkind gebracht?" -„Nein", sagten sie, „die Geschenke kriegen wir von den Eltern, den Paten und den Großeltern." Wir feierten lange und ausführlich den Geburtstag des Jesuskindes, mit Musik, Texten und Liedern; und dann gab es zufällig an diesem Abend auch ein paar Geschenke.


Wenig Grund, das Fest zu feiern

Aber was sollen jene tun, denen die Wurzel dieses Festtages, die Geburt Jesu, gar nichts mehr gibt? Sie lassen sich von anderen so und anders nichts dreinreden, und schon gar nicht lassen sie sich sagen, sie hätten eigentlich wenig Grund, dieses Fest zu feiern. Und die Kaufmannschaft lässt sich auch nichts sagen. Sie verspricht uns, dass alles schön und super wird, wenn man sich zum Fest neue Unterwäsche, Heimwerkermaschinen, eine Heimsauna oder Blumen kauft. Das geht hinunter bis zum Fressnapf, wo es "Wuff! Himmlische Angebote" gibt, für den Hund, versteht sich.

Soll nur gejammert werden? Freuen kann man sich darüber, dass es bei uns den meisten Menschen so gut geht, dass sie sich (nicht nur zu Weihnachten) das, was sie zum Leben brauchen, und ein wenig mehr noch, auch wirklich kaufen können. Das soll kein gewaltsamer positiver Schluss sein. Wer wie ich noch sehr viele Mitschüler hatte, für die ein neues Gewand oder gar Skier oder Schlittschuhe ganz unerschwinglich waren, der sollte mit seinen Klagen ein wenig vorsichtig sein. Sonst fragt sich der geneigte Leser vielleicht, ob er es gar bedauert, dass nun alle haben können, was vor fünfzig, sechzig Jahren nur für ganz wenige erschwinglich war.

In diesem Sinn: ein frohes Fest!


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