Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum Oktober 1997
Kategorisierung Ronald Barazon; Salzburger Nachrichten; Agrarisches; 1997

Verräter eigener Ansichten

Die "Salzburger Nachrichten" werden auch in Tirol - nicht nur im Salzburg benachbarten Unterland - gerne gelesen. Wer mehr als eine Zeitung lesen und nicht nach einem Wiener Blatt greifen will, landet bald einmal bei der "Salzburger". Es darf also vermutet werden, daß viele Tiroler den Ausritt des Chefredakteurs der SN vom vorletzten Wochenende gelesen haben.

"Nicht einmal ignorieren" lautet die hintergründige Steigerung von ignorieren. Soll man die Attacke, die Ronald Barazon gegen unsere Agrarpolitik reitet, totschweigen? Oder sollte man gar in Archiven oder im eigenen Gedächtnis kramen? Ich erinnere mich sehr genau an eine Wiener Pressekonferenz mit Rudolf Schwarzböck. Der einzige Journalist, der dem Vorsitzenden der Präko halbwegs gewachsen war, war der damalige Wiener Wirtschafts-Korrespondent der "SN". In der Pressekonferenz und im Gespräch nachher bei Tisch sagte er sehr deutlich, was er von Strukturdebatten halte. So ungünstig sei unsere Betriebsstruktur gar nicht, verglichen mit den Südländern. Er könne das Gerede darum gar nicht mehr hören.

Umso unverständlicher der Ausritt von Barazon - er ist inzwischen Chefredakteur. Er wirft den Bauernvertretern vor, die Bauern verraten zu haben, weil sie ihnen nicht gesagt hätten, daß sie mit den derzeitigen Betriebsgrößen keine Zukunft hätten. Die Lösung sei die Schaffung von großen Einheiten. Da Barazon ein Sechstel der derzeitigen Betriebszahl für zukunftsträchtig hält, heißt das wohl, daß die Betriebe sechsmal so groß werden müßten. Also nicht acht Kühe, sondern 50. Nicht 30 ha Ackerland, sondern rund 200 ha.

Jeder Bauer, jeder Lehrer, jeder Berater und jeder bäuerliche Funktionär weiß, daß es viel ertragreicher ist, einen Ackerbaubetrieb mit 200 ha statt mit 30 ha zu führen. Ist der Betrieb viehlos, dann weiß selbst der Besitzer eines so großen Betriebes in den Wintermonaten kaum, was er tun soll. In der Viehhaltung schaut die Sache schon anders aus. Die Grenze, ab der der Mensch trotz bester Mechanisierung nur mehr der Sklave seiner Tiere und seiner Maschinen ist, hat man da bald erreicht.

Von Betrieben mit acht Kühen wird in Zukunft kein Vollerwerbsbauer leben können. Das wissen sie selbst, das wissen ihre Lehrer, ihre Berater und ihre Vertreter. Und die haben es, wenn sie gefragt wurden, immer deutlich gesagt. Die meisten, die ihre noch wesentlich kleineren oder auch größeren Viehhaltungen aufgegeben haben, haben davor niemanden gefragt. Sie haben ihre Neigungen, ihre Lebensplanung und den Hausverstand zu Rate gezogen. Die von Barazon wörtlich als Verräter hingestellten Bauernvertreter haben nie gesagt, daß alle zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehenden Betriebe mit oder ohne EU weiterhin bestehen bleiben können. Es gibt dafür viele Belege.

Die auch von Barazon nicht beantwortete Frage: Wie mache ich aus fünf Betrieben einen? - Mehrere Möglichkeiten stehen zur Auswahl: Enteignung, Aushungerung, Pachtung durch einen, was vier andere besitzen. Die Aushungerung durch die Halbierung der Produzentenpreise wird derzeit durch die degressiven Ausgleichszahlungen noch gebremst. Fallen diese weg und werden die Direktzahlungen kleiner, dann wird mehr verpachtet, werden noch mehr Betriebe aufgeben. Allein von 1981 bis 1995 sank die Zahl der Rinderhalter von 173.000 auf 116.000. Wir sind auf einem Weg, der von niemandem verschwiegen werden konnte, dessen Kommen von bäuerlichen Funktionären nachweislich vorausgesagt wurde.

Große Frage: Warum schreibt Barazon, bisher als Verfasser von tiefschürfenden Analysen über Bauernfragen bekannt, solchen Unsinn? Darüber zu grübeln, wäre gleich unsinnig wie sein Aufmacher in der nach wie vor lesenswerten Zeitung, die übrigens eine Auflagenhöhe hat, die auf dem EU-Markt nicht die geringste Überlebenschance hat. Sie müßte sechsmal größer sein.


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