Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Transit - transeat

Autor Winfried Hofinger
Medium Gaismairkalender
Texttyp Kalenderbeitrag
Erscheinungsdatum 1990
Kategorisierung Transit; 1990

Nieder mit dem Transitverkehr, heißt diese gar nicht originelle Überschrift, übersetzt. Es ist erst zwanzig Jahre her, da wurde noch öffentlich, von Politikern und in Zeitschriften, darüber geklagt, daß dem Land Tirol die Umfahrung drohe, wenn die Bundesregierung sich beim Ausbau der Inntalautobahn so viel Zeit lasse wie bisher. In Rosenheim und weiter nördlich davon, so wurde den entsetzten Tirolern berichtet, würden schon Straßenschilder aufgestellt, wie "Inntal total überlastet", worauf die Autofahrer andere Routen in den Süden nähmen, und unser armes Land ist umfahren! Schluchz!

Es ist wichtig und richtig, festzuhalten, daß vor zwanzig und mehr Jahren wirklich niemand geahnt hat, was da auf uns zukommt. Beklagt wurde die Tatsache, daß man von Kufstein bis Innbruck, und manchmal von Innsbruck bis zum Brenner, drei, vier Stunden mit dem Auto unterwegs ist. Niemand sprach sich gegen den Bau der Autobahn aus, die diesem Übelstand abzuhelfen versprach. Sich mit der Eisenbahn zu beschäftigen galt damals noch mehr als heute als das Hobby von ein paar Spinnern, die ihren Kinderwunsch, einmal Lokomotivführer zu werden, nie ganz abgelegt hatten. Nach Tschernobyl gab es tausende, die sagen konnten, sie hätten "es" immer vorhergesagt. Es gibt dagegen keinen mir bekannten Beleg für die Warnung vor dem, was dann tatsächlich im Transit über uns gekommen ist.

Warum auf diesem allgemeinen Verkennen der Problematik bis herauf in die Achtzigerjähre so insistiert wird? Warum so viel über die Torheit einer Zeit reden, in der viele Leser dieses Kalenders noch gar nicht auf der Welt waren oder zumindest nicht politisch gedacht haben? - Weil das Argument, man habe das alles doch wirklich nicht ahnen können, sicher von der anderen Seite kommt; es wird dann auch gleich als Begründung für die Aufrechterhaltung der Zustände, wie wir sie leider haben, verwendet.

Das aber sind zwei Paar Schuhe: Zugeben, daß wir alle die Gefahr nicht erkannt haben - und heute alles tun, um das Übel vom Lande abzuwenden. Wer heute, trotz voller Einsicht in die Problematik, nichts unternimmt, der wird sich, wie das der neue Präsident der Landwirtschaftskammer bei seiner Antrittsrede sagte, von seinen Kindern und Enkeln einmal so peinlich ausfragen lassen müssen, wie wir Väter und Großväter befragen: wo seid ihr gewesen, als Widerstand gefragt gewesen wäre? Immer wieder wird gesagt, daß am Fuhrgewerbe viele tausend Arbeitsplätze hingen, daß tausende Familienväter als Fernfahrer ihr hartes Brot verdienen. Dieses Argument in allen Ehren - aber es ist einfach nicht erlaubt, eine Fehlentwicklung, wie sie das hemmungslose hin-und-her-Führen von Gütern auf Europas Straßen nun einmal darstellt, nur deshalb auf alle Zeiten zu verlängern, nur weil daran auch Arbeitsplätze hängen.

Ganz unverständlich erscheint mir in dieser Frage die Haltung der Handelskammer. Sie hat über 10.000 Mitglieder, die im Fremdenverkehr direkt, und noch ein paar tausend dazu, die daran indirekt verdienen. Daß sie eindeutig eine fuhrverkehrsfreundliche (Verkehr = Leben) und damit fremdenverkehrsfeidliche Politik machen kann, und daß sich das ihre überwiegenden Mitglieder gefallen lassen, ist für mich als einem, der auch in einer Kammer tätig ist, nicht nachvollziehbar. Es wurde der Fremdenverkehr unlängst sogar für den Transitverkehr bemüht: Wenn wir die Holländer auf den Straßen behinderten, dann würden die Fernfahrer aus diesem Land nicht mehr bei uns Urlaub machen wollen!

Wer an das Problem der Überlastung unseres Landes durch den Transitverkehr mit dem Willen, Lösungen zu finden, herangeht, der wird sich nicht nur mit solchem Firlefanz wie abgasarme LKW, Tempo-und Gewichtsbeschränkung oder Nachtfahrverbot begnügen. Er wird zur Einsicht kommen, daß unser Land unmöglich auf Dauer das Durchhaus Europas spielen kann ohne schweren Schaden zu nehmen. Er wird daher dafür sein, daß wir nur mehr eine bestimmte beschränkte Anzahl von leiseren abgasärmeren LKW-Zügen unter strenger Geschwindigkeitskontrolle durch das Land fahren lassen. Der Rest soll sein Heil wo anders suchen. Wie soll das gehen, ohne daß Europas Wirtschaft zusammenbricht? Bis zum Juni 1988 galt jemand, der öffentlich gesagt hat, daß auf einen Großteil der Transitfahrten ohne Schaden verzichtet werden könnte, als halber Terrorist, oder als Narr, der nichts von der Wirtschaft versteht, und der - etwa als Vorsitzender des Naturschutzbeirates - raschestens abserviert gehört. In einer Anfrage an die Landesregierung vom Juni 1988 wollten die Abgeordneten Bachmann und Genossen von dieser wissen, was wir, nach Einführung des EG-Binnenmarktes und damit Wegfall eines Teiles des Lieferscheintransites mit unseren viel zu großen Verkehrseinrichtungen anfangen würden. Die Regierung sollte rasch in Brüssel nachfragen, wie groß der Anteil des Lieferscheintransites am gesamten Transit sei - daß es ihn in einem Ausmaß gäbe, das die ganze Verkehrsplanung neu zu überdenken zwinge, wurde von den Antragstellern als bekannte und unbestrittene Tatsache vorausgesetzt. (Daß die Einführung des EG-Binnenmarktes eher zu einer Vermehrung des Verkehraufkommens führt, ist häufiger zu hören als die "Befürchtung", daß das Gegenteil eintreten wird).

Da es also unbestritten ist, daß ein großer Teil aller Transitfahrten nur unternommen wird, um legal oder illegal Steuermittel zu erwirtschaften, kann ohne Sorge um die europäische Wirtschaft gefordert werden: Das Land Tirol läßt in Hinkunft nur mehr ein Zehntel der bisherigen Fernlastzüge durchreisen. Wenn nun plötzlich nur mehr 500 statt bisher 5ooo LKW-Züge pro Tag durch unser Land fahren dürfen, dann hätte das natürlich ein Riesengeschrei in Brüssel, aber auch in Rom, Bonn, Athen oder sonstwo zur Folge. Aber wenn wir nicht einfach zumachen, wenn nicht von der Tragfähigkeit der Natur und der Menschen im Lande ausgegangen wird,dann wird sich gar nichts ändern.

Dieses Zumachen wegen erwiesener Untragbarkeit ist es, was jene meinen, die fordern, daß der Gewalt auf den Straßen Gegengewalt entgegengesetzt wird. Es wird der Gewalttätigkeit der Straße nur dann ein Ende bereitet, wenn wir handeln: 500 Stück am Tag, und die peinlich kontrolliert, und hohe Abgaben für die 500. Und jedes Jahr 20 weniger pro Tag. Wie sich die in Kiefersfelden und am Brenner Wartenden ausmachen, wer hereindarf, muß uns nicht bekümmern. Wir zählen und machen bei 500 dicht.

Wo ist der Politiker, der sich das alles getraut? Aus seiner vorher am Bergisel an die Presse verteilten Rede hat der Papst nur zwei Sätze herausgestrichen. Beide betrafen die hemmungslose Unterwerfung unseres Landes unter die Wünsche der Wirtschaft. Niemand konnte mir bisher erklären wer die Streichung ausgerechnet dieser Sätze veranlaßt hat. Zeitungen, die nicht so gut aufgepaßt haben, haben die Sätze abgedruckt - und damit gelten sie wohl, trotz Selbstzensur, als gesagt. Oder nicht?

Wer einen flüchtigen Blick auf die Karte Europas wirft, der wird sich nicht fürchten, meinen Vorschlag zu verwirklichen. Wir liegen, in Abwandlung der Bundeshymne,einem starken Propfen gleich, dem Erdteil inmitten. Wenn wir ganz zumachen, kann Europa letztlich auch nichts machen. Wirtschaftserschwernisse wegen der 5oo täglich? - dann sperren wir alle aus. Und berufen uns auf den Papst, der am Bergisel in seinem Redemanuskript stehen hatte, wir sollten nicht der Wirtschaft zuliebe unser Land zerstören lassen.

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen