Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Tirol: Holzkolonie am Holzweg

Autor Reinhard Tschaikner
Medium Kontakt
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum November 1992
Kategorisierung Forstwirtschaft; TIWAG; Kapitalismus; 1992

Das grüne Anliegen

Der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts war unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß die herrschenden Mächte Bodenschätze und andere Rohstoffe aus den Kolonien zu geringsten Kosten ausführten. Die Verarbeitung dieser zu nicht-marktwirtschaftlichen Preisen importierten Rohstoffe zu Fertigprodukten brachte dem Heimatland Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum und stand damit quasi am Beginn des modernen Kapitalismus, heute meist freundlicher Marktwirtschaft genannt. Der Beweis, daß die Marktwirtschaft auch dann so erfolgreich sen kann, wenn sie nicht auf der Ausbeutung ganzer Kontinente beruht, steht ja noch immer aus - aber das ist eine andere Geschichte. Markus Wilhelm hatte in seiner Zeitschrift »Föhn« schon vor Jahren Tirol als (Spitzen-) Stromkolonie Deutschlands bezeichnet und seine akribischen Recherchen schließlich damit gekrönt, daß er gegen die ihn sofort klagende »Großmacht« TIWAG alle Prozeße gewann. Winfried Hofinger, der unbequeme Forstexperte der Landwirtschaftskammer, war Gast beim Diskussionsabend der Kulturinitiative Stubai. Er war es auch, der den Abend unter das Motto stellte: »Tirol: auch beim Holz auf dem Holzweg!« Hofinger präzisierte zu Beginn das provozierende auch: »Da fällt mir unter anderem unsere Transitpolitik ein.« Später kam der Forstexperte noch einmal auf den sprachlichen Ausdruck »Holzweg« zurück. Dieser habe seine negative Belegung in der Geschichte als »Irrweg in den finsteren, unsicheren Wald« erhalten, im Gegensatz zum Weg in die helle, freie, sichere Stadt. Er plädiere aber für eine Bedeutungsumkehr: Der Holzweg, das müsse heute die Bezeichnung nicht mehr für den falschen, sondern für den richtigen Weg sein. Holz wäre in nämlich mehrfacher Hinsicht heute der vernünftige Weg. Von diesem positiven gedachten »Holzweg« ist das Land Tirol allerdings weit abgekommen, belegten Hofingers weitere Ausführungen.


Kolonialistische Holzwirtschaft:

Wir sind der Welt fünftgrößter Holzexporteur, erfuhren die verwunderten Zuhörer. Und unsere Sägewerke verarbeiten noch weit mehr Holz, als bei uns geschnitten wird, weil sie in großen Mengen Rundholz zukaufen und zu Schnittholz verarbeiten. Der Großteil der Wertschöpfung aus dem Rohstoff Holz geht aber unserer Volkswirtschaft verloren, weil die Weiterverarbeitung zu Fertigprodukten zum überwiegenden Teil im Ausland erfolgt. Zu allem Überfluß werden auch die gigantischen Mengen von Holzabfällen der Sägewerke ins Ausland verkauft, und dort z.B. zur Spanplattenproduktion bzw. eben weiter für die Möbelfertigung verwendet.


Fragen Sie die TIWAG!

Warum wird derzeit der Ausbau des Erdgasnetzes um 500 Millionen Schilling vorangetrieben, obwohl wir Erdgas fast ausschließlich werden zukaufen müssen, und die Gesamtvorräte, ganz gleich in wieviel Jahren, ganz sicher erschöpft sein werden? Warum wird in Tirol der Bau von Biomasse-Heizanlagen (Hackschnitzel) als Grundlage für eine besonders umweltfreundliche Erzeugung von Fernwärme praktisch nicht gefördert? Die 15 % Förderung, welche bei uns geboten werden (und auch das nur bis zu einer viel zu niedrigen Höchstsumme) sind reine Augenauswischerei und ungeeignet, den politischen Willen für diese besonders umweltverträgliche Alternativenergie auszudrücken. (Nicht zuletzt sei bei dieser Gelegenheit noch einmal darauf verwiesen, daß die erneuerbare Energiequelle Holz sogar auf eine ausgeglichene C02-Bilanz kommt: Es wird während des Wachstums nämlich eben jene Menge gebunden, die bei der Verbrennung frei wird. Anm. d. Verf.)


Die Antwort weiß nur der Wind

Warum dies so ist, meinte Hofinger, müsse man schon bei der TIWAG nachfragen. Ich ergänze: Und bei den Landespolitikern. Hofinger, als Bauernkammer-Bediensteter, gibt die Antwort nicht - obwohl er um eine solche wahrscheinlich nicht verlegen wäre. Ich würde meinen, auch eine solche geben zu können - womöglich die gleiche - und mache es auch nicht. Sie wäre sehr, sehr unschmeichelhaft. Fest steht, die Fachleute zur Weisung des volkswirtschaftlich und ökologisch besten Weges wären ja vorhanden. Andere Motive scheinen stärker zu sein.


Letzte Meldung:

In Nußdorf/Debant mußte die Gemeinde am Dienstag den fertigen Plan zum Bau einer großen Biomasse-Heizanlage für eine ganze Siedlung aufgeben. Der Grund: Die unzureichende Förderung durch das Land. In unserem Nachbarland Salzburg entsteht zwischenzeitlich beinahe eine solche Anlage nach der anderen. Aus der SVZ vom 26.9. 1992: »Sägerestholz reicht für alle Biomasse-Anlagen«: Allein bei den Salzburger Sägewerken sind im vergangenen Jahr 1,17 Millionen Raummeter Sägerestholz angefallen ... Agrarlandesrat Wolfgruber stellte fest, in den kommenden Jahren werden jeweils noch ein zusätzliches Biomasse-Fernheizwerk mit einer Förderung von bis zu 40 % (!, der Verf.) errichtet...« Andere Länder, andere Sitten!

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