Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Juni 1983
Kategorisierung Wahlen; Bruno Kreisky; 1983

Streßauslese unter Politikern

Nach der letzten Nationalratswahl hat man kaum irgendwo gelesen, daß ihr Ausgang doch zu einem guten Teil, wenn nicht ganz, vom Gesundheitszustand des Spitzenkandidaten mitentschieden wurde. Das ist sicher alles viel wichtiger, als man gemeinhin annimmt, und zwar mit gutem Recht: Der einfache Staatsbürger darf sich zugute halten, daß er von der Wirtschaftskrise und von allen Mitteln, ihr beizukommen, sehr wenig versteht. Er darf des weiteren annehmen, daß der Spielraum, der den Spitzenleuten jedweder Partei gegeben ist, relativ gering ist; daß es aber doch wichtig ist, in welcher gesundheitlichen Verfassung einer, der sich herausnimmt, für unser aller Nutz und Frommen tätig zu sein, in diesen Ring steigt.

Daß Kreisky nicht gesund ist, sah jedermann, der ihn am Fernsehschirm einigermaßen genau beobachtete. Zeitweilig machte er, bei eingeschalteter Fernsehkamera, genau den Eindruck, daß man ihm die Führung unserer Republik mit bestem Wissen und Gewissen nicht anvertrauen wollte. Politik, wie sie in unseren Landen und anderswo ausgeübt zu werden pflegt, ist ein mörderisches Geschäft, auch für Gesunde. Auch das wissen die Leute, und nicht erst, seit es das Fernsehen gibt.

Viele haben in der weiteren Nachbarschaft einen Politiker wohnen, von dem sie genau sehen, wann er am Morgen abgeholt wird und wann er am Abend bzw. oft erst wieder gegen den Morgen zurückgebracht wird.

Man kann es sich aus den Zeitungen und aus Radio und Fernsehen zusammenreimen, wie viele Termine Spitzenleute, aber auch solche der mittleren Etagen, an einem Tag wahrnehmen müssen. Viele kennen den Bürgermeister ihrer Stadt; aus seiner Amtsüberlastung können sie zu Recht darauf schließen, wie groß die Last ist, die der "Bürgermeister der Republik" zu tragen hat. Nun kann man mit sehr viel Berechtigung darüber diskutieren, ob die Art, wie Spitzenpolitiker heute arbeiten und leben, vernünftig ist. Daß sie nicht gesund ist, wird niemand bestreiten; daß sie daher nur einer aushält, der aus einem ganz bestimmten Holz geschnitzt und "vollfit" ist, kann man sich vorstellen. Darum gibt man die Macht auch nur einem, der die für so ein Amt nötige Gesundheit in ausreichendem Maße besitzt. Die Auswahl der Politiker nach dem, was der Mensch an Strapazen, an kurzen Nächten und langen Arbeitstagen, an Festgelagen und Sitzungsstreß aushält, ist nicht unproblematisch. Nach diesem Ausleseprinzip kommen sensible Typen erst gar nicht nach oben; und wenn sie es einmal schaffen, macht sie der Rhythmus, der dort oben herrscht, herz-, nerven- und gemütskrank.

Übrig bleibt eine Sorte von Leuten, denen Anstrengungen nichts ausmachen; die ungeniert wochenlang ihren Familien, ihren Büchern und Hobbys fernbleiben.Ob das für uns alle gut ist?


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