Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Sprachgrenze, quer durch Schwaz oder: Es gibt kein Tirolerisch

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ? 2002
Kategorisierung Sprache; 2002


Der Tiroler Sprachatlas belegt, was jeder Tiroler weiß: Quer zum Inntal, auf der Höhe von Schwaz, verläuft eine unsichtbare aber gut hörbare Sprachgrenze. Der Verfasser dieser Zeilen, eine Laie auf dem Gebiet der Sprachforschung, ist dort aufgewachsen, wo man für hast "hoost" sagt; nun wohnt er dort, wo man "hasch" sagt. Sagen die Schwazer "hoscht"?

Manche der im Sprachatlas aufgezeigten Grenzen sind inzwischen verwischt. Oder stimmt es etwa noch, dass man in Schwaz und Stans zu den Hagebutten "Arschkitzel", in Weer und Terfens und westlich davon "Höglputzen" sagt? (Im Ötztal heißen sie übrigens Pfroseln; in Osttirol je nach Talschaft "Hundsbeeren, "Presol", "Nannitzen", "Hetschepetsch" oder "Doräpfel") Zum Salamander sagt(e) man östlich von Schwaz "Wegnarr", westlich aber "Tattermandl". Ob die Kinder nicht hier wie dort einfach "Salamander" sagen? Die Madl-Drndl-Grenze verläuft laut Sprachatlas auch mitten durch Schwaz; im Pustertal sagt man, ohne jede Abwertung, "Gitsche" zu einem Mädchen, in Hopfgarten "Mölts" (die "Metze" noch in Goethes Faust!), im Außerfern "Fela" und im äußersten Oberland "Meitli". Es gibt, was man Gästen immer wieder sagen muss, keine Tiroler Mundart. Jeder Tiroler weiß das.

Rülpsen heißt östlich von Schwaz "kropfezen", westlich "grelpatschn". Die Grenze zwischen "schlian" und "schleifen" für "Auf dem Eise dahin gleiten liegt in der Gegend von Rattenberg. Zum Balkon (eines Bauernhauses?) sagt man im ganzen Inntal östlich von Innsbruck "Laube", westlich und südlich davon "Solder". Auch die Dachrinn-Dachtraf-Grenze geht durch Innsbruck, so wie die Janker-Tscholder-Grenze. Die Grenze zwischen "Hemmat" und "Pfoat" liegt in der Gegend des Ötztales - sie verläuft, wie viele Tiroler Sprachgrenzen, nord-südlich. "Patschen" sagt man westlich von Schwaz, "Toggeln" östlich. Und in Schwaz und Umgebung selbst? Ist da beides erlaubt? In St. Johann sagt man "Tostla", im Ötztal "Söcke", im Pustertal "Pfösen", wenn man nicht den Gästen zuliebe Hausschuhe oder Pantoffel sagt. Zum Flachsbrechen sagte man früher in Schwaz und westlich davon "grumbeln". östlich davon "breche(l)n". Beide Wörter dürften wohl mit dem Flachsbau untergegangen sein.

Das Holzgestell zum Heutrocknen heißt westlich von Innsbruck "Stanker", westlich von Imst "Hoantse" und in der Gegend von St. Johann "Hiefla". Und hier im Mittelteil? "Stiefel". Die Grenze zwischen "a weilele" und "a poisei" für eine kurze Zeitspanne liegt, erraten, wieder zwischen Weer und Schwaz. so wie die zwischen "Ferner" und "Kees" für Gletscher. Die is-isch-Grenze geht genau durch Schwaz. Im Zillertal und im Oberland sagt man "ischt" Ez iss awa gnua, mia longs, wuscht a Seinihanser song. Wie hieße das in Schwaz, Innsbruck, im Lechtal oder im Pustertal?


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