Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Spielen Sie mit Ihren Kindern!

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum  ? August 1969
Kategorisierung Erziehung; 1969

In der Zeit der härtesten Arbeit, da Bauer und Bäuerin nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht vor lauter Arbeit, scheint diese Aufforderung recht unangebracht. Was soll, selbst zu einer Jahreszeit, da man nicht so überlastet wäre, diese Aufforderung? Ist es nicht besser, die Kinder lernen früh genug den Ernst des Lebens kennen?

Man hat erhoben, wie sehr oder wie wenig Eltern mit ihren Kindern spielen. Es ergab, daß nur 11 Prozent aller Beamten, 13 Prozent aller Selbständigen, 17 Prozent aller Arbeiter, aber 31 Prozent aller bäuerlichen Eltern nie mit ihren Kindern spielen. Hauptsächlich wird die Arbeitsüberlastung dafür verantwortlich zu machen sein; Bauernkinder und überhaupt Landkinder können den ganzen Tag mit Altersgenossen aus der Nachbarschaft spielen - was Kindern aus Mietskasernen nicht so leicht möglich ist. Ein sehr wichtiger Grund dürfte aber doch sein, daß die meisten Bauern und Bäuerinnen davon überzeugt sind, daß im Spiel zugebrachte Zeit mehr oder weniger vergeudete Zeit ist.

Wir wollen uns hier nicht darüber unterhalten, daß Spiel (und Sport) auch auf das leiblichseelische Befinden der Erwachsenen begrüßenswerte Auswirkungen haben. Vielmehr sollen wir erkennen lernen, daß ein an sich völlig unnötiges, zweckfreies Spiel die Fähigkeit in sich trägt, Arbeitstugenden zu entwickeln. Wenn ein Kind sich in einem - von unverständigen Erwachsenen als "unsinnig" bezeichneten Spiel, anstrengt, bis das jeweils gesteckte Ziel erreicht ist, dann ist dies die beste Vorbereitung auf die Lernhaltung im späteren Leben. Auch in der Schule muß das Kind oft Dinge zu Ende führen, die an sich wertfrei bis sinnlos sind; ob es dazu in der Lage ist, wird entscheidend davon mitbestimmt, ob das Kind viel und vernünftig gespielt hat.

In der Schule liegt die Belohnung für Arbeiten, deren Sinn nicht einzusehen ist oder nur vom Kind nicht eingesehen wird, darin, daß der Lehrer lobt. Diese Rolle übernehmen beim Spiel des Kleinkindes die Eltern (oder andere Erwachsene). Sie müssen durch Lob und Anerkennung das Spiel des Kindes belohnen; durch das zu erwartende Lob das Kind zu Leistungen anspornen und so eine ausdauernde Spielhaltung fördern.

Es ist klar, daß nicht jedes Spielzeug geeignet ist, die Entwicklung der Kinder zu fördern. "Das Spielmaterial muß sich zur Gestaltung und zu einer immer wieder möglichen Neugestaltung eignen. Es muß Spielraum für Umdeutungen gewähren, für jene Prozesse, die man als "Phantasie" bezeichnet." So, schreibt eine bekannte Pädagogin, die selbst mehrere Kinder aufgezogen hat. Ein Übergewicht an mechanischem Spielzeug, das man nur aufziehen, beobachten und bestenfalls steuern kann, lähmt die Entwicklung der Arbeitshaltungen. Solche Spielsachen erwecken zwar die Neugierde des Kindes -,es möchte wissen, wie die Dinge innen aussehen - sie verleiten jedoch im Vorschulalter nur zur Zerstörung, ohne daß das Kind die Möglichkeit hätte, sich an ihnen konstruktiv zu betätigen. Wer seinen Kindern übertechnisiertes Spielzeug schenkt, darf sich nicht wundern, wenn dieses "ausgenommen" wird. Er ist selbst daran schuld.

Die positive Entfaltung der kleinen Persönlichkeit, vor allem die Entfaltung von Arbeitstugenden, wird einzig und allein durch Spielmaterial einfacher Art gefördert, das die Herstellung verschiedener Gebilde ermöglicht.

Braucht das Kind in diesem Alter beim Spiel den Erwachsenen? Die vorhin schon erwähnte Wissenschaftlerin meint dazu: "Wenn der Erwachsene das Kind in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt fördern will, muß er dem Spiel Anerkennung und Beachtung schenken, sich dabei aber jeglicher Kritik enthalten. Vorzeichnen und Vorbauen wirken störend. Das Spiel des Kindes ist zwar eine Nachahmung der Umwelt, doch was der Erwachsene ihm vorzeigt, hat eine Wirklichkeitsnähe, die dem Kind noch nicht erreichbar ist. In der Regel erkennt es den Unterschied und wird dadurch von weiteren Versuchen abgehalten."

Vermutlich werden die meisten Leserinnen in der beschriebenen Tätigkeit der Erwachsenen, die also darin besteht, dem Spiel mehr oder weniger zuzuschauen und dann nach der Lösung der "Aufgabe" loben zu dürfen, keinen rechten Zusammenhang mit der Überschrift dieses Aufsatzes entdecken. Unter Spiel mit Kindern verstehen sie vermutlich mehr. Das stimmt, und die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes stellt an die Eltern auch beim Spiel immer höhere Anforderungen. Bis zu dem Alter, da man in rein körperlichen oder rein geistigen (und allen zwischen diesen beiden Extremen liegenden) Spielen die Eltern bezwingt, liegt zuweilen eine schwierige Zeit. Sie beginnt damit, daß Kinder bis zum Alter von etwa 7 Jahren nicht verlieren können.

Es wäre völlig falsch, zu behaupten: mein Kind kann nicht verlieren, dem werde ich es dadurch, daß ich es im Spiel oft verlieren lasse, noch beibringen. Mißerfolge können vor dem 7. Lebensjahr von fast allen Kindern nicht ertragen werden. Das Ende dieser Entwicklung ist der Erwachsene der weder ein einseitiges Arbeitstier noch ein verspielter Mensch ist, sondern einer, der den Wert der Arbeit richtig einzuschätzen vermag, der andererseits aber weiß, daß er gerade im Spiel zu höheren Formen des Menschseins emporstreben kann (Darüber haben die klügsten Theologen, wie z. B. der kürzlich verstorbene Hugo Rahner, nachgedacht). Es ist eine Aufgabe verantwortungsbewußter Eltern, ihre Kinder zu einer solchen Lebenshaltung zu erziehen.


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