Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Soziales Pflichtjahr für Mädchen?

Autor Winfried Hofinger
Medium  ? Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1966
Kategorisierung Gesellschaftliches; 1966
Anmerkung des Autors 1. Artikel in Kammer

Die heutige Jugend sei frech, verdorben und rücksichtslos, steht schon in den ältesten schriftlichen Dokumenten zu lesen, die die Menschheit besitzt - auf über 3000 Jahre alten persischen Keilschrifttafeln, Wie schlecht es um unsere heutige Jugend bestellt ist, wollte in letzten Schuljahr die Landeslandwirtschaftskammer für Tirol wissen. Zu diesem Zweck wurden 328 Mädchen zwischen 16 und 13 Jahren aus allen Schichten der Bevölkerung Tirols gefragt, was sie von der Einführung eines "Sozialjahres" halten. Was dabei herauskam, legt nahe, liebgewonnene Pauschalurteile zu vergessen.

Die Mädchen wurden zur oben genannten Hauptfrage behutsam hingeführt. Die erste Frage lautete: "Hast Du" - besser wäre wohl gewesen: "Haben Sie" - "schon von einem freiwilligen Einsatz im Sozialdienst gehört?" 267 Mädchen oder 81,5 % hatten schon von so etwas gehört. Haushaltungsschülerinnen, Lehrlinge und Landmädchen weniger als Mittelschülerinnen. Von diesen schrieb eine: "Natürlich!", als ob die Frage an sich schon eine Beleidigung darstelle. Von der 8b in der Sillgasse hatten alle schon davon gehört. 10 Mädchen wußten und schrieben vom NS-Arbeitsdienst ...

Bei der Beantwortung der nächsten Frage, ob man den Beruf einer Krankenschwester, Fürsorgerin, Kindergärtnerin oder Familienhelferin ohne Idealismus ausüben könne, waren sich die Befragten ziemlich einig: genau 300 oder 91,5 % waren der Meinung, daß das nicht möglich sei. Die dritte Frage hieß: "Hast Du selbst schon die Fürsorge einer Krankenschwester usw. beansprucht?" 228 oder 70% hatten das. Viele Mädchen schrieben nach ihrem "Ja" einige rührende Worte über das hohe Berufsethos der Krankenschwester, der sie begegnet waren. Diese Frage passt eigentlich nicht ganz zum Thema. Ja, sie ist eine Suggestivfrage zur folgenden. Die 4. Frage: "Würdest Du es für richtig halten, daß gesetzlich ein solcher Sozialdienst eingeführt würde?" brachte das sehr bemerkenswerte Ergebnis: 158 oder 48% der Mädchen stimmten mit "ja", 170 oder 52% mit "nein". Nach Berufen aufgegliedert stimmten dafür 58% der Lehrlinge, Angestellten und Hilfsarbeiterinnen, 60% der LBA-Mädchen, 53% der 7. und 26% der 8. Klasse des Realgymnasiums, 48% der Schülerinnen der Bildungsanstalt für Arbeitslehrerinnen, 44% der befragten Haushaltsschülerinnen, 23% der Schülerinnen der Ferrarischule und alle Landmädchen. Vor allem die Halbierung der Prostimmen von der 7. und 8. Klasse Realgymnasium ist interessant! Zum Fünften wurde gefragt, wie lange so ein Pflicht"Jahr" sein solle. Logischerweise hätten hier die 170 Nein-Sagerinnen der 4. Frage Null schreiben müssen; tatsächlich taten dies nur 63. Die restlichen 107 machten munter Zeitangaben von 1-12 Monaten. Das Mittel aus allen Zeitangaben, auch die 63 Nullen mit eingerechnet, ergibt recht genau 6 Monate, wobei 6 Monate selbst am öftesten genannt wurden. Die Bauernmädchen regten an, das Sozialjahr für sie in die Winterzeit zu verlegen; die Maturantinnen waren dafür, es im Sommer in Raten abzudienen. Die Fragen 6-8 behandelten Gründe, die für und gegen solch ein Sozial-Halbjahr sprächen. Die Antworten verschließen sich zum Großteil einer statistischen Auswertung, hier sind vor allem die einzelnen Antworten interessant.

Frage 6 lautete: "Würdest Du Dir Vorteile aus so einem Pflichtdienst für Dein späteres Leben erwarten und wenn ja, welche?" Nur 50 Mädchen, oder 15% gaben an, sie versprächen sich gar nichts davon. Das heisst, daß sich auch von denen, die die Frage 4 verneint haben (das waren, wie gesagt, 170) immerhin 120 sich etwas für ihr späteres Leben aus dem Sozialjahr erwarteten. Angegeben wurden Kenntnisse in Kochen, Kranken- und Kinderpflege, Umgang mit Menschen und anderes. Am öftesten nannten Lehrlinge und Gesellen die eigene Familie als Gewinner am Sozialjahr, LBA-Schülerinnen die eigene Reifung, die 7. Kl. Realgymnasium die künftigen eigenen Kinder, die 8. Kl. Realgymnasium allgemeine Erfahrungen; Arbeitslehrerinnen und Haushaltsschülerinnen versprachen sich hauptsächlich Kenntnisse in der Krankenpflege - Kochen lernen sie ja in der Schule; die Landmädchen nannten hauptsächlich die eigene Familie, die Ferrarischülerinnen erhofften sich mehrheitlich charakterliche Vorteile.

Einschränkend muß man dazusagen, daß viele Mädchen voneinander abgeschrieben haben. Man merkt das sofort, wenn ausgefallene Formulierungen oder Rechtschreibfehler in vielfacher Wiederholung auftreten. Diese offensichtlich abgeschriebenen Fragebögen wurden trotzdem ausgewertet. Jene Mädchen, die ungern nachdenken und gerne abschreiben, würden ja auch im Ernstfalle ohne Widerrede das tun, was ihnen ihre Vorbilder vorsagen.

Besondere Bekenntnisse: "Man würde wieder einmal nachdenken, daß es nicht allen so gut geht wie einem selbst." "Es würde meine zur Zeit geringe Selbstachtung gehoben." Lustig: "Der Sozialdienst fordert viel Beherrschung. Solche zu lernen ist gut für den Umgang mit der künftigen Schwiegermutter."

Frage 7 hieß: "Welche Gründe sprechen gegen die Einführung eines solchen Dienstjahres?" Nichts spreche dagegen, meinten 75 Mädchen oder 23%; das sind solche, die es sich nicht leicht machen oder wirklich nichts dagegen einzuwenden hatten. Hier hatten vor allem die Mädchen mit höherer Schulbildung Argumente bei der Hand. Von den Mädchen der 7. Kl. Realgymnasium waren, wie wir wissen, 53% für das Sozialjahr, doch hatten 90 % irgendetwas dagegen einzuwenden, von der 8. Klasse sogar 100%. Das ist leicht zu erklären: Die gestellten Fragen ergeben in Summa so etwas ähnliches wie die gängigen Aufsatzthemen -"Licht- und Schattenseiten im Charakter von Franz Moor", "Welche Gründe sprechen für und wider die Todesstrafe" usw., - die ja auch mit seitenlangen Abhandlungen pro und contra und nicht mit einem schlichten "Ja" oder "Nein" beantwortet werden müssen. Als Argumente gegen das soziale Pflichtjahr wurden genannt: Unterbrechung bezw. Aufschub der Berufsausbildung, Verdienstentgang, Nazi-Idee, usw. Vor allem aber: "Sozialdienste könnten nie und nimmer ohne Berufung und Begeisterung ausgeführt werden. "Arme Krankel" schrieb eine. Daher wandten sich z.B. 2 Mädchen, die Krankenschwestern werden wollten, und 3, die schon am freiwilligen Sonntagsdienst teilgenommen hatten, besonders heftig gegen jeden gesetzlichen Zwang, weil sie darin eine Profanierung ihres hohen Berufszieles bezw. ihres Freizeitopfers sahen.

Frage 8 lautete: "Welche Gründe aber sprechen dafür?" 47 Mädchen oder 14% meinten: gar keine. Viele hielten Frage 8 nicht ganz zu Unrecht nur für eine andere Formulierung von Frage 6. Es wurden denn auch kaum mehr neue Argumente dafür genannt. Ein Mädchen nannte als Vorteil, daß der Arbeitsmarkt entlastet würde - als ob er das nötig hätte! Eine würde sich darüber freuen, daß alle Stände gleich behandelt würden. Viele nannten Entlastung der Krankenschwestern.

Abschließend wurden die Mädchen gefragt, ob sie es für möglich hielten, daß, falls der gesetzliche Sozialdienst nicht eingeführt würde, Freiwillige für Sonntagsdienst usw. gewonnen werden könnten. Fast alle empfahlen Werbung, Propaganda und entsprechende Aufklärung, dann würden genug Freiwillige kommen, um überlasteten Müttern, Pflegerinnen und Krankenschwestern bereitwillig unter die Arme zu greifen.

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