Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum April 1990
Kategorisierung Helmut Zilk; Asyl;Fremdenfeindlichkeit; 1990

Solidarität

Der Wiener Bürgermeister redet viel, und da kann es dann schon vorkommen, daß nicht alles, was er sagt, sehr sinnvoll ist. So wie bei Leuten, die gar zuviel schreiben. Unlängst traf er voll ins Schwarze, als er sagte, es gehe nicht an, daß die einen am ersten Mai die Internationalität und die anderen am Sonntag das Brotteilen bereden - und die Rumänen verscheuchen. Am Mittwoch dieser Woche verkündete der Tiroler Gesundheitsreferent, wir könnten im Innsbrucker Krankenhaus unmöglich Operationen an Rumänen in größerer Zahl vornehmen, weil das Haus voll sei. Vor allem mit Leuten, die sich in der Haupteinnahmsquelle des Landes, im Wintersport, selbst verletzt und verstümmelt haben. Ein Mann ging von Jericho nach Jerusalem. Nicht seine vorbeikommenden Landsleute, Amtsträger der Kirche und des Staates, nahmen sich seiner an, nachdem ihn einheimische Räuber überfallen hatten, sondern ein Mann aus Samaria - jemand, der in Judäa so viel Ansehen genoß wie bei uns ein durchschnittlicher Zigeuner, Pole oder Rumäne. Das Boot ist voll, sagen die Bootsbesitzer. In Wahrheit ist es halbleer. Aber unsere Herzen sind versteinert, und unsere Mägen sind so überfressen und unsere Lebern vom vielen Saufen so beschädigt, daß uns der Verstand und das Gemüt abhanden gekommen sind.

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