Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Tageszeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 5. August 1989
Kategorisierung Verkehr; 1989

Semmeringtunnel und Tirol

Würde jemand fordern, die Wiener Oper in eine Parkgarage umzubauen, weil der Opernbetrieb ständig defizitär ist und weil in dieser Wiener Gegend Parkplätze Mangelware sind - er würde mit nassen Fetzen aus Wien verjagt. Wenn jemand verlangt, den Semmering zu untertunneln, weil man dann um eine Viertelstunde schneller von Graz nach Wien fahren kann - wer stoppt den Mann? Bruckmann, Korr, Pröll und Hunderte andere vernünftige Leute sagen, daß der Semmeringtunnel ein Unsinn ist. Übleis scheint das nicht zu beeindrucken.

Die Semmeringbahn ist ein Kulturdenkmal von wesentlich höherer Qualität als die Wiener Oper. Es besteht kein Zweifel, daß die alte Strecke über kurz oder lang aufgelassen würde, wenn erst einmal von Mürzzuschlag bis Reichenau ein Tunnel führen würde. Die Schönheit der alten Bahnstrecke kann jenen, die sie nicht kennen, nur schwer vermittelt werden. Es gibt nichts in den Alpen, was dem vergleichbar wäre.

Was uns das in Tirol angeht? Sehr viel mehr als unsere Verkehrsplaner zu erkennen geben. Wird der überflüssige Semmeringtunnel gebaut, dann sind Österreichs Tunnelbaukapazitäten auf ein Jahrzehnt im steirisch-niederösterreichischen Grenzgebiet gebunden. Dann gibt es von dieser Seite her nicht mehr den geringsten Druck, andere Röhren zu bauen. Etwa unter dem Brenner. Anders ausgedrückt: Wenn nun am Semmeringtunnel gebaut wird, dann verzögert sich der Bau des unvergleichlich wichtigeren Brennerbasistunnels um ein Jahrzehnt.

Und damit ist die Schildbürgersache im Osten Österreichs eine Angelegenheit, die das Handeln unserer Politiker dringend erforderlich macht. Sie müßten mit der Hartnäckigkeit, die in Verkehrssachen der legendäre Franz Kranebitter besessen hat, auf die epochale Fehlentscheidung namens Semmeringtunnel hinweisen - bei jeder Sitzung des Parlamentes, zu jedem Tagesordnungspunkt.

Die Baukosten von über fünf Milliarden Schilling sind beim Semmering weder durch die zusätzlichen Fahrgäste noch durch die Stromersparnisse hereinzubringen. Was schert das Übleis? Hauptsache, man spart die ominöse Viertelstunde, und ein Taktverkehr wird zur geraden Stunde möglich ...

Winfried Hofinger ist der Vorsitzende des Umweltbeirates der Tiroler Landesregierung.

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