Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Seit wann wird "licitirt"?

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Dezember 2008
Kategorisierung Agrarisches; Musik; Peter Jordan; 2008

Franz Schubert und die Viehversteigerungen


Der Komponist Franz Schubert (1797 -1828) schrieb am 8. September 1818 an seine Freunde in Wien aus Zseliz (damals Ungarn, heute Zeliezovze in der Slowakei) einen Sammelbrief: "Wie unendlich mich eure Briefe sammt u. sonders freuten, ist nicht auszusprechen! Ich war eben bey einer Ochsen- und Kühe-Licitation, als man mir euren wohlbeleibten Brief überbrachte!" Wohlbeleibt, weil alle Freunde einen Gruß ins ferne Ungarland schrieben; Schubert hat an Schober, Spann, Mayrhofen Senn usw. auch auf einmal geschrieben, auch um Porto zu sparen. Den erstgenannten Freund Franz von Schober nennt er spasshalber Schobert, damit er ein wenig wie Schubert klingt... Franz Schubert wirkte 1818 vier Monate lang als Musiklehrer der beiden Töchter des Grafen Johann Karl Esterhazy im Schloss Zseliz an der Gran. Es war dies sein erster Sommer in Ungarn, und Karoline, die jüngere der beiden Komtessen, war damals gerade 13 Jahre alt oder noch jünger. 1824 war Schubert wieder den ganzen Sommer im Schloss des Esterhazy-Grafen in Ungarn, Karoline war inzwischen eine junge Frau geworden. Schubert verliebte sich bei seinem zweiten Sommeraufenthalt in seine Schülerin, aber sinnlos: Ein Musiklehrer und eine Komtesse? Die Musiker hatten im Gesindehaus zu wohnen, wie die Melker und die Pferdeknechte. Bei freier Station betrug sein "Gehalt" zwei Gulden täglich. Getröstet hat er sich mit einem Stubenmädchen Josefine Pöckelhofer, "zu der Schubert zarte Bande knüpfte." Aber: Nicht Schuberts Freunde, seine unglückliche Liebe, seine unermesslich großen Werke sind unser Thema, sondern der Halbsatz "Ich war eben bey einer Ochsen und Kühe-Licitation ..." Es hat also offenbar 1818 in Ungarn schon Viehversteigerungen gegeben. Das bekannte Musikhaus Doblinger in Wien hat 1979 diesen Schubert-Brief nachgedruckt, in Maschinschrift übertragen und kommentiert. In diesen erläuternden Bemerkungen steht zu lesen, dass auf dem gräflichen "Meierhof des Schlosses auch Pferde und Schafe zur Versteigerung gelangten."

Peter Jordan, der Sellrainer Agrarpionier

Ortswechsel: Von 1806 bis 1824 war der aus dem Seilrain stammende Peter Jordan, geboren am Lichtmesstag des Jahres 1751, Verwalter der kaiserlichen Privatgüter in Vösendorf und Laxenburg südlich von Wien. Er importierte zweimal Braunvieh aus der Schweiz (die erste Lieferung machten die Franzosen zu Rindfleisch); den Überschuss, die Remonte, setzte er auf "Licitationen" ab. Das erste Zeugnis einer Licitation in Vösendorf stammt aus 1812, ein besonders schön geschriebenes Protokoll mit allen wichtigen Angaben wie Geschlecht, Alter, Name, Meistboth, Käufer. Bis hin zur Aufforderung: "Gewöhnliches Kechts Trinkgeld nach Belieben." Jordan ist bettelarm aufgewachsen - und er hat das lebenslänglich nie vergessen. Die Versteigerungen liefen so gut, dass sein Förderer, der Oberstkämmerer Graf Wrbna, erwirkte, dass Jordan von Kaiser Franz dafür ausdrücklich belobigt wurde.

Ursprung: unbekannt; heute die Regel

Niemand konnte bisher die Frage beantworten, seit wann und in welchem Ausmaß es solche Viehversteigerungen gibt. Vösendorf 1812, 1816 usw. und Zseliz 1818 sind gut belegt. Hat Jordan damit begonnen, und alle anderen haben es ihm nachgemacht? Oder war das damals schon allgemein üblich? Wo findet man die Antwort auf diese Fragen? In keinem Lexikon, in keinem Katalog, in keiner Suchmaschine - oder doch: - in der Stadt Bismarck in Ostdeutschland gab es so etwas ab 1808, spuckt Google aus, wenn man das Suchwort "Viehauktionen" eingibt. Ein befreundeter Agrarhistoriker schrieb: Nein, er wisse es nicht, und er wisse auch nicht, wo nachschauen. In der fünfbändigen Huldigungschrift der österreichischen Landwirtschaft zum 50-jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Josef im Jahre 1898 kommen Auktionen im 19. Jahrhundert ebenso wenig vor wie in allen Büchern über die Tierzucht. Im Buch "Tiroler Fleckvieh" aus 2006 steht beispielsweise zu lesen: "Die erste Versteigerung fand im Jahr 1940 auf freiem Feld unterhalb des Verbandsstalles (in Rotholz) statt. Ein Tierzuchtbeamter bot, auf einer Kiste stehend, 147 Zuchtstiere zum Kauf an." Bald darauf wurden Versteigerungen, auch von weiblichen Rindern, von Schafen und Schweinen, allgemein üblich. Franz Schubert hat diese Licitation(en) besucht, weil er Abwechslung suchte. Auch heute noch sind manche Besucher von Versteigerungen nicht Käufer, sondern "nur" interessierte Mitbürger.

"Wie unendlich mich eure Briefe sammt u. sonders freuten, ist nicht auszusprechen. Ich war eben bey einer Ochsen- und Kühe Licitation..."

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