Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum 6. Oktober 1983
Kategorisierung Waldsterben; 1983

Sau(be)rer Regen

Je saurer der Regen wird, umso ausgefallener werden die Vorschläge, das "Waldsterben" -wie der bundesdeutsche Fachausdruck lautet - zu stoppen. Zunächst sah die Düngermittelindustrie ihre Stunde kommen. Sie meinte, wenn man alle Böden aufkalkt, dann könnte man die Versauerung umkehren. Übersehen haben die Herren dabei nur, daß der Kalk auf dem Boden nicht die Wirkung der Säure in den Nadeln ungeschehen machen kann.

In Kärnten gibt es im Dunstkreis des Bleiberger Werkes in Arnoldstein eine "Wunderfichte", die so viel Schwefel enthält wie kein vergleichbarer anderer lebender Baum - weil alle anderen Fichten mit solchen Schwefelmengen in den Nadeln längst eingegangen sind. Kärntner Zeitungen und der Gesundheitsminister meinten, daß man mit Hilfe von Nachkommen dieses Baumes dem Waldsterben paroli bieten könne.

Übersehen wurde dabei allerdings, daß man, bevor man die neuen Bäume, die Nachkommen des Wunderbaumes, auspflanzen kann, zwei oder drei Milliarden Fichten in ganz Österreich umhacken müßte.

Der allerneueste Vorschlag ist der allerdümmste. Seine große Ausgefallenheit mag der Grund dafür sein, daß er nicht nur in deutschen Zeitungen, sondern auch in der amtlichen (!) Wiener Zeitung einen Dreispalter von fast vier Quadratdezimeter Größe erhielt. Eine "Regenhaut" für den Wald wird darin vorgeschlagen, also das Besprühen aller gefährdeten mitteleuropäischen Wälder mit dem Kunststoff Acryl Polymer, mit dem deutschen Handelsnamen "Merniel". Das Zeug würde alle guten Eigenschaften und keine schlechten haben, wird behauptet; Käfer und Schadinsekten beißen sich daran ebenso die Zähne aus wie der saure Regen, für die Milben im Boden stellt er dagegen kein Hindernis dar.

Man würde "maximal" zwei Liter einer wäßrigen Verdünnung pro Hektar Wald brauchen, - das hieße übrigens, daß der Film auf Nadeln und Blättern nur ein hunderttausendstel Millimeter dick sein könnte. Nur von Hubschraubern aus könnte das alle zwei Jahre so dünn und regelmäßig angesprüht werden, meinen die Verfasser.

Wissen Sie, verehrte Leser, wie wenig ein hunderttausendstel Millimeter ist? Eiweißmoleküle sind etwa so groß. Zwei Liter "wässrige Flüssigkeit" für durchschnittlich 100 Bäume pro Hektar!? Das alles ist natürlich blanker Unsinn! Neu und gut ist der folgende Vorschlag des "Scheibenwischer": Man bemühe sich, bei alten und neuen, bei großen und kleinen Anlagen in ganz Europa den Ausstoß des Hauptübeltäters Schwefeldioxyd und anderer Schadstoffe abzustellen. Dann braucht man weder den Boden zu kalken, noch nach resistenten Bäumen Ausschau zu halten, noch die Wälder unter eine Plastikglocke zu stürzen.

Dieser Vorschlag ist so einfach wie bestechend. Er hat nur deshalb wenig Aussicht auf Erfolg, weil er den bestehenden Verschmutzern Lasten auflegt.

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