Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche
Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 1987?
Kategorisierung Politisches; Osteuropa; Sowjetunion; 1987

Rust, der Storch

Rust, der Storch

Nichts mehr wird so sein wie bisher: Der Rote Platz, der Marschweg der Paraden zum 1. Mai und zur Oktoberrevolution, der Ort, an dem Lenin der Unsterbliche begraben liegt, ist ein anderer geworden. Er ist durch die Landung eines deutschen Motorflugzeuges, gelenkt vom Flugschüler Mathias Rust, entweiht, seiner Würde, seiner Größe, seines Schreckens beraubt. Daher werden alle, die den jungen Mann nicht an seinem Flug gehindert haben, degradiert, nicht nur der Minister und der Marschall. Daher wird das Geschehen vor der Bevölkerung so peinlich geheim gehalten.

Ein Grund für den erbärmlich niedrigen Lebensstandard im Ostblock ist ja der, daß ein viel zu großer Anteil des Volkseinkommens für die Rüstung verwendet wird. Das alles, das viele Geld und die vielen Entbehrungen, sind nun so viel oder so wenig wert, daß sie ein Flugschüler lächerlich machen kann. Einer, der gerade weiß, wie man eine Cessna steuert, umrundet nach einem 1000-Kilometer-Flug über Rußland den Kreml und steigt lachend aus der Maschine. Das ist, als ob der Teufel im Vatikan landen würde oder ein Prälat im Zentrum von Mekka. Oder ein ostdeutscher Fallschirmspringer auf dem Rücken eines Pferdes auf Reagans Ranch.

Ein tröstliches Detail: Daß Rust, der Storch, nicht abgeschossen wurde. Angeblich wurde er von der sowjetischen Abwehr gleich an der Grenze bemerkt und mehrfach von Abfangjägern (!) umkreist. Daß die ihn seelenruhig bis zur Kremlmauer vordringen ließen, wird zwar ihre militärische Laufbahn nicht eben fördern, hat aber ein junges Menschenleben gerettet. Und das ist auf alle Fälle mehr wert als der Ruhm aller Militärs der Welt.

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen