Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Rotwild wird stark reduziert

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1987
Kategorisierung Wald; Jagd; 1987


HINTERES ZILLERTAL: Rotwild wird stark reduziert

Verbissene Fichten bleiben Jahrzehnte im Wachstum zurück; geschälte brechen oft im Stangenholzalter zusammen. Die Zahnspuren sind Eintrittsstellen für Pilze und Bakterien. Fotos: N. Hofinger
Die steilen Wälder südlich von Mayrhofen sind zu einem großen Teil im Eigentum der Bundesforste. Sie sind mit Einforstungsrechten, mit Holz- und Streubezugs- und mit Weiderechten belastet. In den letzten Jahrzehnten hat man hier auch eine Rotwildjagd aufgebaut, mit Fütterungen, Berufsjäger, potenten ausländischen Pächtern (u. a. Mannesmann); die Jagd darf hier wie anderswo nicht isoliert betrachtet werden: Was im Winter an den Fütterungen am Burgwald oder am Hausererberg steht oder die umliegenden Wälder verbeißt, steht im Sommer auf Eigenjagden in privater Hand - auf Almen, hinauf bis zum Alpenhauptkamm an der Grenze nach Südtirol.

Das Jagdgesetz 1983 brachte als eine wesentliche Verbesserung gegenüber vorher an mehreren Stellen den Zwang zum Blick über die Grenzen von Jagdrevieren. Weitsichtige Jagdreferenten hatten diesen Blick schon immer, doch konnten ihnen rechtlich versierte Pächter die (Revier-)Grenzen weisen. Nun ist vorgesehen, daß bei der Abschußplanung wie bei der Bekämpfung von Wildschäden der "Lebensraum" des den Schaden verursachenden Wildes als Planungsraum anzunehmen ist. Neu im Jagdgesetz 1983 ist die Palette von Maßnahmen für den Fall, daß waldgefährdende Wildschäden auftreten. Zu den schon bisher nach § 48 (alt) Antragsberechtigten kam im § 52 (neu) der Grundeigentümer.

Im Falle Mayrhofen haben freilich nicht die Grundeigentümer, sondern die nach dem WWSG Nutzungsberechtigten im Wege der Bezirkslandwirtschaftskammer im Sommer 1986 einen Antrag nach § 52 TJG gestellt. Zugleich meldete die BFI nach Schwaz Waldverwüstung durch Wild. Anläßlich einer Begehung im Herbst 1986 wurde vorgeschlagen, durch einen Sachverständigen prüfen zu lassen, ob das Gebiet zur Rotwildhege überhaupt geeignet ist, und wenn ja, unter welchen (geänderten!) Bedingungen. Als Sachverständigen bestellt die Behörde Dipl.-Ing. Artur Perle, einen Forstingenieur, der beim Forschungsprojekt der FUST im Achental seine Lehrzeit als Jagdsachverständiger abgeschlossen hat.

Im Frühjahr 1987 ist dieses Gutachten veröffentlicht worden. Es bestätigt auf 23 Seiten im Detail, was an sich schon der erste Augenschein ergibt: Es gibt hier sicher zu viel Wild. Natürliche Äsung gibt es so gut wie keine, daher muß gefüttert werden. Die Lage der Fütterungen wird kritisiert: Wenn in einem Gebiet mehrere Fütterungen stehen, dann veranlassen sie das Wild zu einer Zeit, in der es eigentlich stillstehen sollte, umherzustreifen und damit Energie zu verbrauchen. Ob der besonders krasse Schälschaden aus dem Jahr 1986 daher kommt, daß in den Stangenhölzern eine Stammzahlreduktion vorgenommen wurde oder weil die Fütterung plötzlich und zu früh eingestellt wurde, läßt sich schwer nachträglich entscheiden. Sicher ist, daß Fütterungen besonders regelmäßig betreut werden müssen und daß man, aus forstlichen Gründen, Stammzahlreduzierungen betreiben muß. Kernpunkt ist, daß in diesem an sich für die Rotwildhege von Natur aus ungeeigneten Gebiet viel zuviel Rotwild steht bzw. im Winter zuwandert. Perle empfiehlt eine drastische Wildreduktion bzw. eine starke Erhöhung der Abschüsse. Von Zäunen hält Perle nicht viel - er hat herausgefunden, daß auch in einer großen eingezäunten Fläche im Burgwald starker Verbiß stattfand. Die Fütterungsart könne kaum verbessert werden; einige Fütterungen wären aufzulösen. Dem Verstreichen muß noch mehr Augenmerk geschenkt werden. Die Einrichtung eines Wintergatters am Hausererberg wäre zu prüfen. Auch das Rehwild muß reduziert werden.

Was macht die Behörde mit einem solchen Gutachten? Sie rief im Mai 1987 alle Jagdpächter des "Lebensraumes" zusammen. Erfreulichstes Ergebnis: Die Aussagen des Gutachtens blieben unbestritten. Verfügt wurde der körperliche Nachweis des von 110 auf mindestens 160, höchstens aber 220 Stück erhöhten Rotwildabschusses. Wichtig wird sein, daß der Erfolg dieses erhöhten Abschusses und der anderen Maßnahmen laufend nachkontrolliert wird. Es geht nicht nur um die künftige Bedeckung der Mayrhofener Eingeforsteten. (Da diese hauptsächlich Brennholz beziehen, kann man ihnen auch geschältes Zeug vorsetzen, meinte ein Verantwortlicher des Belasteten mehrfach öffentlich.) Viel dramatischer ist die Sicherheit von Mayrhofen: Wenn die alten bis überalten Bestände zusammenbrechen, muß eine kräftige Verjüngung an ihre Stelle treten. Um das zu erreichen, muß eine starke Einschränkung der Rotwildjagd und damit auch der Jagdpachterlöse hingenommen werden. Beides, hohe Wildstände und einen gesunden Wald, wird man an einem solchen Standort zugleich nicht haben können.

Das Neue an dem hier geschilderten Fall ist dies: Bisher wurden behördliche Maßnahmen meist mehr nach Gefühl angeordnet. Ein so umfangreiches Gutachten wie in Mayrhofen gab es bisher nicht. Dem jungen Gutachter und der Sache, dem Vorrang der Landeskultur vor der Jagd, ist zu wünschen, daß seine weiteren Gutachten mit derselben Ernsthaftigkeit angenommen werden wie in Mayrhofen.

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