Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 7. September 2000
Kategorisierung Sprache; 2000

Rechtschreibung

Fragt man nach dem Grund des Übels, dann herrscht Übereinstimmung darüber: Weil die Experten nach Jahrzehnten nur zu einer in sich unlogischen und halbherzigen Reform der Rechtschreibung bereit waren, ist das Unternehmen gescheitert. Halbherzig: Man kann einen Zeitungsartikel lesen, ohne zu bemerken, dass er in der neuen Rechtschreibung geschrieben ist Auch bei diesem Beitrag stößt man erst bei "dass" auf etwas, was es vor ein paar Jahren noch nicht gegeben hat.

Unlogisch: Bei vielen Wörtern ging man an ihre Wurzeln, also hat man derzeit Gämse oder Gräuel zu schreiben, statt bisher Gemse oder Greuel. Aber - bei den Eltern getraute man sich wieder nicht, "Ältern" vorzuschreiben, wie das vor hundert und mehr Jahren durchaus üblich war. Warum?

Wenn nun die Frankfurter Allgemeine Zeitung ab August mit großem Getöse zur alten Schreibung zurückkehrte, dann tat sie das, sagen viele, weil sie, wirtschaftlich in Schwierigkeiten, einen Werbegag brauchte. In der Tat stand die alte Dame nie so viel in den anderen Zeitungen wie in den Wochen vor und nach ihrer Umkehr zur alten Schreibweise. Es applaudieren ihr große bis mittlere Schriftsteller, weil die alle alt und daher konservativ sind. Soll ein Günther Grass mit über 70 noch lernen, dass man "dass" und nicht mehr "daß" schreibt?

Der eigentliche Skandal ist, dass die vielen Weisen, die aus allen deutschsprachigen Ländern viele Jahrzehnte lang zusammengekommen sind, so einen Pfusch vorgelegt haben. Lange vermittelten sie den Eindruck, dass sie deshalb nicht fertig werden wollten, damit sie noch möglichst oft auf Regimentskosten zu ihren Besprechungen fahren konnten. Als das Ergebnis vor lag (früher: vorlag), war niemand damit glücklich. Aber es ist keinem von ihnen deshalb die Pension gekürzt worden - obwohl sie durch Jahrzehnte uns alle genarrt hatten.

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