Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
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Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Februar 1980
Kategorisierung Politisches; 1980

Politiker in der 3. Klasse

Ein Wochenmagazin hat in den letzten Monaten seine Auflage vermutlich deshalb halten können, weil es seine Seiten mit den Bezügen der Politiker füllte. Die größten Summen kamen jeweils dort zusammen, wo sich das alles addierte, wo zu Politikergehältern noch Aufwandsentschädigungen, Pensionen, andere - voll weiterlaufende - Gehälter, Wohnungsgelder in der Höhe eines Arbeitergehaltes usw. dazugerechnet werden. Man kann seither nicht mehr gut eine Ministerbank im Parlament oder die Regierungsbank in den Landtagen anschauen, ohne ständig an sehr viel Geld zu denken.

Zufällig fiel dieser Tage der Blick in ein altes Landesgesetzblatt. Der Name des Landes sei hier schamhaft verschwiegen. Das Gesetz, in dem die Bezüge zum Landtag geregelt werden, stammt nicht von anno Schnee, sondern aus einer Zeit, da alle heutigen Abgeordneten und alle Regierungsmitglieder schon am Leben waren. Auch die jüngsten unter ihnen gingen schon zur Schule, als am 16. Februar 1951 beschlossen wurde: "(2) Weiters erhalten sie eine monatliche Reisekostenentschädigung ... in Höhe der Eisenbahngebietskarte 3. Klasse". Figl und Schärf waren damals an der Regierung, Körner war noch nicht Bundespräsident; es gab noch Lebensmittelmarken. Und in der Bahn gab es noch drei Klassen. Die dritte Klasse hatte damals hauptsächlich Holzbänke, mit der Heizung haperte es; die Fenster waren noch nicht alle wieder eingesetzt, in Personenzügen tat es oft noch ein Pappkarton.

Für diese Holzklasse bewilligten sich, vor 29 Jahren, die Abgeordneten eines österreichischen Landtages eine Netzkarte. Wenn heute zwei drei Regierungsmitglieder, ganz egal in welchem Bundesland, zu einem Termin fahren, dann fährt jeder mit seiner schwarzen Staatskarosse vor. Es kommt ihnen auch nicht in den Sinn, zwei Wagen nach Hause zu schicken, wenn sie merken, was sie angerichtet haben. Die Chauffeure müssen bis spät in der Nacht herumstehen und warten, bis dann alle drei Chefs zugleich aufbrechen. Die herumstehenden Chauffeure sind ein Indiz für die Bedeutung der Veranstaltung. Die Chefs im Saal tun was für die Arbeitsbeschaffung. Sie könnten unmöglich alle im gleichen Auto heimfahren, weil sie ja nicht alle im gleichen Villenvorort wohnen; dann hätte aber nur ein Chauffeur das Glück, Überstundengelder zu bekommen.

Warum so viel Neid und Eifersucht? Sollen die Minister, die Landesräte wieder Holzklasse fahren, mit dem Fahrrad in ihr Amt streben? Das sollen sie natürlich nicht. Aber sie sollten gelegentlich ein wenig daran erinnert werden, daß Minister soviel wie Diener heißt. In Zeiten, da fast alle weniger zu verbrauchen haben als ein paar Jahre zuvor, wäre es doppelt tröstlich, wenn uns "die da oben", die für uns denken und lenken, zeigten, wie man bescheiden lebt. Wir hatten es ja schon ganz verlernt.


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