Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Peter Jordan, menschlich gesehen

Autor Winfried Hofinger
Medium  ?
Texttyp Buchbeitrag
Erscheinungsdatum  ?2006
Kategorisierung Peter Jordan; Agrargeschichte;2006


Wer es unternimmt, fast zwei Jahrhunderte nach dem Tode eines Menschen seinen Charakter zu zeichnen, der sehe sich vor: Es kann ihm passieren, dass seine Zeichnung wegen der starken Sympathie, die durch die Beschäftigung mit der Person entstanden ist, zu einer Art Heiligenlegende gerät; dass schwächere Seiten, die jeder Charakter auch hat, bewusst oder unbewusst unterspielt werden.

Was sind die Quellen? Da sind zunächst die 150 Amtsakten beim Oberstkämmerer, die, richtig gelesen, manchen Schluss auf den Menschen hinter dem Güterdirektor Jordan erlauben. Besonders aufschlussreich aber sind die 34 Briefe, die Jordan an seinen Freund aus Wiener Studentenzeiten Franz Carl Zoller geschrieben hat. Persönliche Briefe an einen Freund verraten in der Regel mehr über den Briefschreiber als amtliche Papiere. Weil Jordan eine etwas eigenwillige Handschrift hatte, und weil auch gebildete jüngere Mitbürger die alte Schrift nicht mehr lesen können, hat der Verfasser dieses Beitrages diese Briefe in Maschinschrift übertragen. Unter dem Titel "Mein liebster Franz!" erschien im Sommer 1997 eine Broschüre mit den Abschriften dieser Briefe und mit zahlreichen Erläuterungen dazu. Das Heft kann im Vösendorfer Jordanraum eingesehen werden.


Bescheiden und freigiebig Jordan hat nie vergessen, wo und wie er aufgewachsen ist. Während Zoller offenbar in jedem Brief an Jordan verlangt, er möge sich, bei seinen Beziehungen, stärker dafür einsetzen, dass der 2. Band seiner "Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck und der umliegenden Gegenden" endlich durch die in der Tat lächerliche Zensur kommt, schickt Jordan fast in jedem Brief an Zoller Geld für seine Verwandten in Sellrain. Man konnte damals nicht mit der Post oder über eine Bank Geld von Wien in ein Tiroler Bergdorf schicken.

Nicht selten kommt es vor, dass Menschen, die besonders ärmlich aufwachsen, dann, wenn sie es zu etwas bringen, eitel und hochmütig werden. Nicht so Peter Jordan. Als Träger des Leopoldordens hätte er sich ab 1810 "von Jordan" nennen können - was er zeitlebens ablehnte. Was das im titelsüchtigen Österreich bedeutete, eine vom Kaiser verliehene Auszeichnung glatt zu verspotten! Im vorletzten Briefe an Zoller bittet Jordan seinen Freund, ihm mitzuteilen, wie hoch St. Krein (die Kirche St. Quirin, von den Sellrainern auch heute nur St. Krein genannt, liegt auf gleicher Höhe wie sein Geburtshaus im Weiler Dureck) über der Sternwarte liegt, "so kann ich mich als einen der Höchstgebornen in Wien legitimiren". Nachdem ihm Zoller die gewünschte Antwort gibt, schreibt er ihm im letzten Brief vom 15. Dezember 1826, dass er nun im Stande sei "meine hohe Abkunft in einem jedem ächten Wiener wohlbekannten und beliebten Maßstabe, nämlich in gerad 7 1/2 Stephansturmhöhen a 73 1/3 Klafter über dem Wiener Pflaster vor Augen zu stellen."

Persönlich war er bescheiden. Als Jahresgehalt schienen ihm 1200 Gulden - bei freier Station in Vösendorf - ausreichend. Der Kaiser wie der Oberstkämmerer waren dafür, dass er 2000 Gulden im Jahr bekommt; dagegen verweigert ihm der Kaiser ein Übersiedlungsgeld von Wien nach Vösendorf - was über den Kleingeist auf dem Wiener Thron einiges aussagt: Napoleon hält ganz Europa in heller Aufregung, und der Kaiser beschäftigt sich mit den Kosten der Übersiedlung eines seiner vielen Gutsverwalter ... Als solcher hat er sich oft und auch erfolgreich für seine Leute eingesetzt. Das begann schon sehr früh, indem er Wohnungen für Knechte und Mägde einrichtete. Mehrfach erwirkte er die Befreiung von Steuern, die damals ja besonders drückend waren, weil die Folgen der verlorenen Kriege abzuzahlen waren, und weil die einfachen Leute an sich wenig Geld hatten. Er muss nach allem, was man darüber weiß, ein gerechter Dienstgeber gewesen sein. Eingedenk seiner ärmlichen Jugend stiftet Jordan ein Stipendium von 600 Gulden. Aus dessen Zinsen sollte einem armen Kind vom Land das Studium ermöglicht werden. Alle diese Stiftungen, die damals viele besser gestellte Menschenfreunde gemacht haben, sind spätestens in der Inflation 1924 untergegangen.

Aus vielen schriftlichen Zeugnissen spricht sein feiner Humor, sein gekonnter Umgang mit der Sprache. Mit vielen alten Männern ist ihm gemein, dass ihm mit fortschreitendem Alter immer mehr lateinische Sprüchwörter (wie man damals sagte) einfallen. Unbekümmert setzt er sie ein und er setzt voraus, dass Zoller sie auch versteht. Er kann auch genug Latein, um die bekannten Zitate frei umzuwandeln. Sein Altwerden beschreibt er 1823, also mit 72 Jahren so: Jordan reversus est retorsum - der Jordan wich zurück; so nachzulesen im Psalm 114, 3. Seinem Freund Zoller rät Jordan, er solle sich nicht mehr nach noch mehr Ruhm und Ehre bemühen, sondern lernen, ruhiger zu werden. Im letzten Brief vom Dezember 1826 beschreibt er drastisch, wie er selbst immer schwächer wird: "Eine allen Medizinen trotzende Erschlappung der Gedärme lässt meine Kräfte immer tiefer sinken. Meine einst so willigen Unterthanen wollen mich über keine Stiege mehr tragen. Ich hüte seit Allerheiligen das Zimmer, und habe wenig Hoffnung, es je wieder zu verlassen. Gesicht und Gehör schwinden. Der einzige Frohsinn bleibt mir noch getreu. Eine Portion Laetitia war überhaupt mein einziges, aber auch mein bestes Erbteil. Sie begleitete mich durch alle 4 Jahreszeiten meines Lebens

Laetavere greges puerum, iuvenem studia artes, alma virum cathedra, florea rura senem."

Also: Es erfreuten die Herden den Knaben, das Studium und die Künste den Jüngling, den Mann die Lehrkanzel, das blumenreiche Landgut den Greis.

Von der Laetitia, der Fröhlichkeit erwarte er sich, "dass sie mich bis an die Ufer der Lethe nie ganz verlassen werde. Sie war es, die mir nie eine Arbeit sauer werden ließ, und selbst die unvermeidlichen Bitterkeiten des Lebens mit tröstender Hoffnung milderte. An ihrem Arme wird endlich Freund Hein mich besuchen, der im aufgeräumten Hause nie zur Unzeit kömmt." Freund Hein, also der Tod, kam ein halbes Jahr später, im Juli 1827.

Vieles bleibt ungesagt, bleibt unerforscht. Wie hielt es der eiserne Junggeselle mit dem anderen Geschlecht? Da gibt es keinerlei Hinweise, keine Andeutungen. Er lebte allerdings in einer Zeit, in der nur ein Bruchteil der Erwachsenen verheiratet war. Wie hielt er es, der Freimaurer, mit der Religion? Ob er dem Befehl des Kaisers, er hätte mit seinen Leuten den Sonntagsgottesdienst zu besuchen, um den geltenden Gesetzen zu gehorchen und um den Vösendorfern ein gutes Beispiel zu geben, wohl nachgekommen ist?

Zusammenfassend kann man sagen: Er war ein weit überdurchschnittlich intelligenter Mensch. Er war sozial gesinnt und persönlich anspruchslos. Er war ein gerechter Dienstgeber und ein treuer Freund. Er ist es wert, dass Vösendorf in so eindrücklicher Art und Weise sein Andenken hochhält.


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