Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 16. November 2000
Kategorisierung Wolfgang Schüssel; Nationalsozialismus; Familiengeschichte; 2000

Opfer - was sonst?

Der Bundeskanzler hat gesagt, dass Österreich als Staat das erste Opfer von Nazideutschland gewesen sei. Stimmt, der Rest der Welt wurde erst nach dem März 1938 von diesem entfesselten "Reich des Bösen" heimgesucht. Es ist daher nicht verständlich, warum die beiden Oppositionsführer wegen dieser Aussage derart über Wolfgang Schüssel hergefallen sind - so, als ob er den Holocaust geleugnet hätte.

Am Beispiel meiner Familie: Mein Vater wurde im Frühjahr 1938 mit 37 Jahren und einer winzigen Rente zwangspensioniert. Ein Großvater meiner Frau wanderte sehr unfreiwillig ins KZ nach Dachau. Meine Schwiegereltern durften 1938 nicht heiraten, weil die Braut eine Ministerstochter war; Sippenhaftung nannte man das damals. Die beiden Gymnasien, die ich später besucht habe, das Borromäum in Salzburg und das Gymnasium der Franziskaner in Hall wurden aufgelöst, die Haller Franziskaner wurden aus ihrem Kloster vertrieben.

Die Opferrolle des Staates Österreich, der Raub des Goldschatzes der Nationalbank ebenso wie die Ermordung fast aller jüdischen Mitbürger, vieler Kommunisten, Zigeuner, Zeugen Jehovas usw. ist auch dann traurige Wirklichkeit, wenn der braunen Horde sehr viele Österreicher zugejubelt haben. Es wird diese Opferrolle vor allem von jenen geleugnet, deren Großväter selber am Heldenplatz gestanden sind. Aber den heutigen Verkürzern der Wahrheit die Schwäche, den Irrtum ihrer Großväter vorzuhalten wäre auch wieder Sippenhaftung. Ein Vorschlag: Beschäftigung mit den heutigen Problemen, statt nur mit alten Hüten.

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