Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Opa, erzähl uns vom Wald

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Weihnachtsgeschichte
Erscheinungsdatum 25. November 1987
Kategorisierung Waldsterben; Weihnachten; 1987

Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahre 2007:

"Bitte, bitte, Opa, erzähl uns, wie das war, damals vor zwanzig Jahren." "Wenigstens heute könntet ihr den alten Mann damit in Ruhe lassen", sagten die Eltern.

Opa war Forstmann gewesen, bei einer Behörde. Alle paar Jahre schrieb er für seine Bezirkszeitung einen Artikel: Daß der Wald nicht mehr gesund sei. Weil ihm nicht geglaubt wurde, resignierte er mit der Zeit, wie die meisten seiner Kollegen. Nach einer Reise durch Polen oder die Tschechei nahm er sich jeweils wieder vor, noch einen Artikel zu schreiben und seine verstaubenden Lichtbilder auf den neuesten Stand zu bringen. Mit der Zeit aber war niemand mehr auf seine Artikel und auf seine Dias scharf, weil er ja doch immer nur das gleiche sagte: Die Lage ist ernst und es wird mit uns ein schlimmes Ende nehmen.

"Erzähl uns Opa, wie das damals war, wie es noch lebendige Christbäume gegeben hat." - "Ja, laßt die Kinder nur fragen, und laßt mich reden, mir ist dann auch wieder besser." - "Ja, aber ausgerechnet heute, zu Weihnachten. Gibt es da kein erfreulicheres Thema als das?" - "Es tut uns keines sonst so weh, aber ich muß einfach davon reden: Vor gut zwanzig Jahren, als eure Eltern etwa so alt waren wie ihr es jetzt seid, da fing all das an." - "War das damals, wie sogar der Bundespräsident Waldheim geheißen hat und alle gesagt haben, der Wald müßte gerettet werden?" - "Ja damals, vor zwanzig Jahren. Da war in vielen Ländern, die mehr Fabriken hatten als wir, die aber keine so steilen Berge haben wie wir, der Wald schon tot oder beim Absterben." "Habt ihr in Österreich das von den anderen Ländern gewußt?" "Ja freilich, ich bin mit dem Forstverein ja oft in den Osten gefahren. Damals konnte noch jeder, der das wollte, mit einem Auto durch das Inntal fahren. Es gab fast keine Muren. Alle paar Jahre kam eine Skipiste herunter, aber alle anderen Hänge waren mit dichtem Wald bewachsen." - "Jetzt erzählst du wieder ein Märchen, Opa. Sind damals nicht auch bei jedem Gewitter ein paar hundert Muren abgegangen?" - "Nein, sicher nicht. Wenn es geregnet hat, haben sich alle gefreut, weil dann das Gras noch besser gewachsen ist als vorher, und die Bäume auch. Manche haben sogar gemeint, daß es für die Bäume besser sei, je mehr es regnet. Was im Regen an Gift drinnen war, das konnten oder wollten sie nicht sehen. Der Schnee hat nicht nur die Kinder gefreut. Die paar Lawinen pro Jahr, die kannte man so gut, daß jede von ihnen einen Namen hatte. Sie waren nicht breiter und nicht gefährlicher als ein Bach ..." - "Was, so kleine Lawinen hat es gegeben?" "Ja, und in den Wäldern - ihr wißt aus dem Märchenbuch, was ein Wald ist - da wuchsen mehr Bäume als man gebraucht hat, und jede Familie hatte zu Hause einen Christbaum aus Holz und mit echten, gut riechenden Nadeln darauf." - "Ich tät jeden einsperren, der einen gesunden Baum ausreißt oder abschneidet." "Aber, dummer Bub, man hat damals mehr Bäume gepflanzt, als nötig waren, sie sind fast alle angewachsen; und dann hat man die überzähligen abgeschnitten, damit die verbleibenden genug Luft, Licht und Wasser bekommen würden."

Wenn Opa aus der Zeit erzählte, da er und seine Freunde noch Waldbau, Bestandespflege und Holzernte (wie man damals den Baummord genannt hat) betrieben hatten, da merkte man ihm an, wie sehr ihn sein Beruf einmal gefreut hatte und wie er unter dem Ende der alpenländischen Forstwirtschaft litt. Je älter er wurde, um so sicherer mußte er am Ende seiner Erzählungen weinen. Das wußten seine Kinder, eigentlich auch die Enkel. Nicht weil sie ihn quälen wollten, sondern weil sie jedesmal doch an einen guten Ausgang der Geschichte glaubten, baten die Enkel immer wieder um dieselben Einzelheiten. Opa war nach dem Ende seiner Erzählung immer wieder leichter ums Herz, trotz der dabei vergossenen Tränen.

So um 1980 hat alles angefangen

"In der Zeit, da eure Eltern noch Kinder waren, so um 1980, hat alles angefangen. Auch bei uns. Wir haben es damals schon Waldsterben genannt, obwohl uns die Politiker nahegelegt haben, nur von einer Walderkrankung zu sprechen. Man sagte bei uns auch nicht, wie in anderen Ländern, Schadensinventur, sondern nur Zustandserhebung. Das alles sind für so kleine Kinder, wie ihr das seid, sehr schwierige Worte, aber was ich sagen will ist dies: Alle, die damals etwas zu sagen gehabt hätten, die haben die Sache so klein wie möglich gezeichnet, so, wie wenn man etwas mit einem umgekehrten Fernrohr anschaut. Ich weiß bis heute nicht warum." - "Aber Opa, damals hat es doch noch sogenannte freie Wahlen gegeben. Warum haben die Leute denn die Politiker, die ihnen Sand in die Augen gestreut haben, nicht einfach abgewählt?" -"Die Leute waren sehr zufrieden mit dem, was sie hörten. Hätte einer gesagt, wie ernst die Lage ist, dann hätte er zugleich auch von uns allen verlangen müssen, daß wir auf vieles verzichten. Wir hätten nicht mehr unbeschränkt mit dem Auto fahren können. Wir hätten beim Energieverbrauch sparen müssen. Und weil das keiner wollte, hat es keiner von den gewählten Politikern laut gesagt. Sonst wäre er ja nicht wiedergewählt worden. An dieser ständigen Lüge ist dann nicht nur der Wald, sondern auch unser altes politisches System, die sogenannte Demokratie, zugrundegegangen. Aber das ist auch schon wieder viel zu kompliziert für euch. Außerdem hat es die ökofaschistische Regierung nicht gern, wenn man davon redet.

Ich will euch vom Wald erzählen. In der Mitte der achtziger Jahre, da war die große Zeit des Messens. Da haben alle Behörden und alle Versuchsanstalten immer und immer wieder gemessen, was die Luft an Giftstoffen enthielt. Zuerst hat man den Schwefel gemessen - wohl, weil der so leicht zu messen ist. Dann hat man sich auf die Autoabgase verlegt, dann wieder auf andere. Je nach dem, was gerade Mode war. Manche haben weniger gemessen, sondern einfach die Bäume angeschaut und gesagt, das gefällt ihnen schon lange nicht mehr. Denen haben es die Wissenschaftler aber gegeben - was das für eine Aussage wäre, mir gefällt es nicht mehr recht! Obwohl es damals schon ganz eindeutige Erhebungen gab, die belegten, wie ernst die Lage ist, und obwohl man schon lange wußte, daß das Auto der Haupttäter ist, hat es für das Autofahren noch immer Steuerbegünstigungen gegeben und sogar Autorennen, mit Lastwagen wie mit eigenen Rennautos, hat es gegeben. Sogar hohe Politiker haben gesagt, daß die Autorennen eine feine Sache sind, viel lustiger als Langlaufen.

Enteignet wurde erst später.

Im Frühling haben damals die Bäume zumeist noch ausgetrieben. Ist ein Baum dürr geworden, hat ihn der Bauer, dem er gehörte, rasch umgeschnitten, damit er noch einen guten Preis dafür bekommt. Ja, damals haben die Wälder noch zum Großteil den Bauern gehört. Enteignet wurden sie erst kurz vor dem Zusammenbruch Mitte der neunziger Jahre. Aber ich greife vor ... - In den Wäldern lebten damals viele Tiere, die ihr aus dem Kinderfernsehen kennt: es gab Rehe, Hirsche, Gemsen, aber es gab keine Raubtiere, die diese Tiere gefressen hätten. Dadurch vermehrten sie sich ungestört - die Jäger waren damals viel zu faul und zu dick. Wo sie nicht mit dem Auto oder dem Hubschauber hinkamen, da wurde auch nicht gejagt." - "Das muß aber doch sehr fein gewesen sein, daß man so viele Bambis und Hirsche im Wald gesehen hat, Opa. Hat dich das nicht sehr gefreut?" - "Nein, ganz und gar nicht. Wir haben damals noch geglaubt, daß das Waldsterben nur die alten Bäume erwischt, und daß man der großen Katastrophe dann auskommen könnte, wenn man nur dafür sorgen würde, daß die jungen Bäume gesund aufwachsen. Manche Kollegen haben uns mit der Nase darauf gestoßen, daß in Polen und Böhmen auch schon die ganz kleinen Bäume sterben - wir haben das nicht zur Kenntnis genommen und gehofft, daß die jungen Bäume die Zukunft erleben würden. Daher haben wir uns so geärgert, wenn die Tiere im Wald die kleinen Pflanzen gefressen haben." -"Dann haben also die Jäger recht behalten? Jetzt gibt es doch weder alte noch junge Bäume." - "Ja das stimmt, aber wenn einer von uns aus dem, was er aus anderen Ländern gewußt hat, vorhergesagt hätte, daß es im Jahr 2007 in ganz Tirol keinen gesunden Baum mehr gibt, dann wäre er entlassen worden oder er hätte sich auf seine geistige Gesundheit hin untersuchen lassen müssen. Wir ha- ben gehofft und geschwiegen ..."

Erstmals an dieser Stelle merkten die Enkel, daß Opas Augen noch feuchter wurden als sonst. Die Kinder lenkten ihn ab: "Sag Opa, wie hat denn damals ein Wald ausgesehen?" - "Das kommt ganz darauf an, wo. In den Höhen gab es Zirbenwälder, zum Teil geschlossen, viele hundert Meter breit. Darunter die Fichtenwälder, mit Lärchen dazwischen. Dort, wo das Klima nicht so extrem war wie bei uns, gab es viele Laubgehölze: Buchen, Ahorne, Eichen, Eschen, Vogelbeeren und so fort. Das besondere an einem Wald war die Ruhe und die Stille, die dort herrschte. Es war aber in so einem Wald nicht ganz still: wenn der Wind in die Blätter fuhr, dann hat es darin ganz eigenartig gerauscht." "Was ist das, rauschen?" - Opa legt die Hände wie einen Trichter vor den Mund und blies langsam Luft durch. "So klang das Rauschen." - Die Enkel versuchten es nachzumachen. Es kam ihnen unheimlich vor. "Im Wald war es nie so heiß wie heraußen auf einer Wiese und es war im Winter nicht so kalt wie im Freien. Damals kamen viele Menschen aus anderen Ländern zu uns - wie sie sagten, wegen unserer schönen Wälder. Und auch die meisten Einheimischen gingen am Wochenende in den Wald. Sie pflückten dort auch Beeren und Pilze. Was Pilze sind, das wißt ihr ja vom Kaufhaus. Früher wuchsen sie im Wald und jeder konnte sie pflücken. Die schmeckten viel besser als die Kaufhauspilze. Auch Erdbeeren wuchsen im Wald. Die waren viel besser als die Erdbeeren, die es im Kaufhaus so gibt." - "Und die Bauern, denen der Wald gehört hat, die haben da einfach gesunde Bäume umgeschnitten?" - "Ja, das haben sie, und wir haben sie ermuntert, recht viel umzuschneiden, damit wieder junge nachwüchsen." - "Ach, Opa ..." - "In den achtziger Jahren nahm die Waldschädigung alle Jahre um drei, vier Prozent zu. Das hat außer uns wenigen, die wir in der Schule beim Einmaleins nicht geschlafen haben, kaum jemanden aufgeregt. Die eigentliche Katastrophe kam ja erst Mitte der neunziger Jahre. Da begannen auch bei uns, so wie vorher in den Oststaaten, flächenweise Wälder abzusterben. Nur hatte das bei uns, wie ihr ja wißt, ganz andere Folgen. Direkt nach dem Baumsterben kamen die Muren und die Flächenlawinen, weil die Böden starben und von den Hängen ins Tal wanderten. Was ein Boden war, ein Walaboden, wißt ihr ja ... Heute ist das Inntal im Durchschnitt 70 bis 90 Meter mit Schutt und Geröll aufgefüllt und das Ende ist nicht abzusehen. Als damals, vor gut zehn Jahren, die Böden in Bewegung gerieten, da waren wir alle nicht darauf gefaßt. Heute, wo wir in unseren Stelzenhäusern ganz sicher leben, können wir uns gar nicht mehr ausmalen, wie damals die Stimmung im Lande war. Bei jedem besseren Gewitterregen und oft im Frühjahr mußte Katastrophenalarm gegeben werden. Aber wohin flüchten? Wälder, die seit Jahrhunderten Wind und Wetter getrotzt haben, sind heruntergekommen, und mit ihnen die Böden, Steine und Schutt.

Viele Menschen aus allen Alpenländern sind damals ausgewandert, bis nach Australien. So schwer ihnen das Weggehen fiel, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Ich habe damals bleiben müssen, weil meine Behörde gemeint hat, wir Forstleute wären noch am ehesten fähig, den Wiederaufbau zu organisieren." - "Und der Onkel Thomas hat dann das Tiroler Stelzenhaus erfunden!" -"Ja, und das war wohl die Rettung. Stahl gab es damals in Hülle und Fülle, weil in ganz Europa jahrelang mehr erzeugt als gebraucht wurde. Wie das Stelzenhaus funktioniert, wißt ihr ja. Nach jedem Murgang wird das Haus an seinen vier Ecken nach oben geliftet. Die Versorgungsleitungen sind in einer besonders massiven Stelze untergebracht." - "Und was war, bevor die ersten Stelzis gebaut wurden?" - "Da wollten alle auf den wenigen flachen Hügeln unseres Landes siedeln; am Lanserkopf etwa, in Häring und Schwoich, am Röhrerbichl bei Kitzbühel.

"Privateigentum wurde abgeschafft ..." Um diese Zeit wurde das Privateigentum an Grund und Boden abgeschafft und auch auf die Demokratie lernten wir zu verzichten. Das Autofahren mußte man nicht verbieten, weil es ohnedies keine sicheren Straßen mehr gab. Der Personenverkehr wurde unter die Straße verlegt. Vor 20 Jahren gab es in Tirol einen Kilometer U-Bahn, und der war eher ein Scherz. Demnächst soll der 2000. Kilometer eröffnet werden: jener U-Bahn-Ast, der das Tuxertal nach zehn Jahren Abgeschlossenheit wieder mit der Außenwelt verbindet." "Und Mama und Papa haben um diese Zeit geheiratet?" - "Ja, sie sind damals nicht für ganz gescheit gehalten worden. Es gab damals nur sehr wenig Hochzeiten und fast gar keine Geburten. Eure Eltern haben sich auch nicht vom Kindergehalt dazu verführen lassen, euch in die Welt zu setzen. Sie müssen euch das selbst sagen, was sie sich gedacht haben, damals, als Tirol in Trümmer fiel, Kindern das Leben zu schenken." - "Weil wir an das Leben geglaubt haben und es noch immer tun", verteidigen sich die jungen Eltern.

"Womit wir eigentlich bei Weihnachten wären", sagte der Großvater. "Beim Fest des Lebens in aller Armut und Bescheidenheit, bei jenem Leben, das den Tod überwindet." - "Jetzt redest du wie ein Pfarrer", sagten die Kinder zu ihrem Opa. "Woher wißt denn ihr, wie ein Pfarrer redet?" fragte der Opa. Die Pfarrer waren inzwischen auch fast ausgestorben in den Alpenländern. "Vom Fernsehen, natürlich", sagten die Enkel. Damit war das Stichwort gefallen: die Familie setzte sich im Bogen um den Fernsehapparat. Und sie hörten die Frohe Botschaft, die vor zweitausend Jahren in einem baumlosen Land den Hirten verkündet worden war.




Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen