Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Offene landwirtschaftliche Probleme

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum November 1968
Kategorisierung Landwirtschaft; 1968

In der vergangenen Woche legte Landwirtschaftsminister Dr. Karl Schleinzer alle noch offenen Fragen, die Österreichs Landwirtschaft zur Zeit bedrücken, der landwirtschaftlichen Fachpresse vor. Ohne Schönfärberei wurden die Dinge beim Namen genannt; Fragen aus dem Kreis der Journalisten beantworteten der Minister und seine leitenden Beamten.


Die Handelsbilanz landwirtschaftlicher Produkte

In den letzten Jahren wurden jeweils um mehr als 8 Milliarden Schilling landwirtschaftliche Produkte importiert. Dagegen wurden jeweils nur Produkte im Wert zwischen 2 und 3 Milliarden Schilling exportiert. Bleibt ein Importüberschuß von 5 bis 6 Milliarden, Es fehlt nun nicht an Ratschlägen, die österreichische Landwirtschaft sollte, anstatt auf einigen Gebieten Überschüsse zu produzieren, jene Lücken schließen, die Importe im Wert von 8 Milliarden Schilling nötig machen. So einfach geht das aber nicht. Von den importierten Gütern entfallen nämlich rund 20 Prozent auf Genußmittel wie Tee, Kaffee und Gewürze, die man in Österreich beim besten Willen nicht erzeugen kann; rund 50 Prozent der Importe entfallen wertmäßig auf Südfrüchte, Obst und Gemüse zu bestimmten Jahreszeiten, Pflanzenfette und Fische. Ein Großteil der Importüberschüsse geht also auf das Konto von Produkten, die aus der heimischen Erzeugung nicht ersetzbar sind. In manchen Sparten ist die österreichische Landwirtschaft allerdings nicht in der Lage, die Ver-sorgung des Inlandmarktes zu 100 Prozent zu erzeugen. So werden im Jahr nicht ganz 300 Millionen Stück Eier importiert, im Vorjahr waren es 288 Millionen. Um diese Importe überflüssig zu machen genügt es, daß 2.600 Betriebe mit jeweils 500 Legehennen und einer Durchschnittsleistung von 220 Eiern in die Produktion einsteigen. Die Eigenversorgung liegt in Österreich bei etwa 80 Prozent, fehlen also 20 Prozent. Würde die Legeleistung der österreichischen Hühner, die derzeit bei 165 Stück im Jahr liegt, nur um 20 Prozent gehoben - was leicht möglich wäre und was betriebswirtschaftlich sinnvoll wäre - dann könnte man auf alle Importe verzichten und auch die 2.600 Betriebe brauchen nicht gegründet werden ... Allfällige Überschüsse in der Eier- wie in der Geflügelproduktion wären noch schwieriger irgendwo in der Welt abzusetzen als Milchprodukte. Auch Geflügelfleisch wird nach Österreich mehr importiert als exportiert. Rund 105.700 Zentner beträgt der Importüberschuß. Er könnte von 1.600 Mastbetrieben, die je 5.00 Schlachthühner zu 1,5 kg erzeugen, sofort abgebaut werden. Bei den Schlachtschweinen betrug der Überschuß im Jahre 1967 beim Import rund 200.000 Stück. 1.600 Betriebe mit je 50 Mastschweinen bei 2,5 Umtrieben könnten diesen Überschuß sofort beseitigen.

Der Schweinezyklus

Im kommenden Frühjahr erwarten die Experten allerdings einen "Schweineberg", der die Höhe des Schweineberges vom Frühling 1965 erreichen dürfte, wenn alle Maßnahmen, die man in nächster Zeit ergreifen will, keine entscheidenden Erfolge zeitigen sollten. Der Schweinezyklus, eine in ganz Europa verbreitete Erscheinung, ist nämlich nicht einfach als unabwendbare Gesetzmäßigkeit hinzunehmen, man kann dagegen doch einiges unternehmen. Nicht nur das zuständige Ministerium, nicht nur der Viehverkehrsfond - auch der einzelne Schweinehalter kann den Schweineberg abbauen heIfen:

Jeder zweite bäuerliche Haushalt besitzt heute eine Tiefkühltruhe. Um diese und die Selchkammer zu füllen hat man seit jeher im Dezember Hausschlachtungen durchgeführt. Man sage nun nicht, daß die paar Hausschlachtungen nichts ausmachen. Sie sind, nimmt man alle bäuerlichen Haushalte Österreichs zusammen, so sehr vom Gewicht, daß im Dezember regelmäßig Schweine importiert werden müssen! Wenn nun alle österreichischen bäuerlichen Haushalte im Dezember nur so viel schlachten, wie sie bis zum Mai verbrauchen, dann muß im Dezember kein Schweinefleisch importiert werden und im Mai, wenn der Schweineberg seinen Höhepunkt erreicht, entlasten ihn die neuerlich nötigen Hausschlachtungen; es ist freilich mehr als fraglich, ob eine Argumention wie diese in der Lage ist, uralte Hausbräuche umzustoßen ...

Wenn ab Jänner 1969 das Mastendgewicht von dem sonst üblichen Gewicht von 110 kg auf 90 bis 95 kg herabgesetzt wird, kann der Gipfel des Schweineberges etwas eingeebnet - und damit der Preisverfall etwas aufgefangen werden. Gegen Ende des Schweineberges sollte eine Verlängerung der Mastzeit durch eine Vormast (Läuferperiode) angestrebt werden, damit die Schweineauslieferung in die konsumstarken Fremdenverkehrsmonate fällt. Zur Entlastung des Marktes in den Monaten April bis Mai werden ab jetzt bis Dezember 1968 rund 15.000 Ferkel exportiert - zum Teil mit Verlusten. Bei gleicher Belastung je Kilogramm ist es aber immer noch billiger, Ferkel zu exportieren als ausgemästete Schweine. Bei vermehrtem Angebot im Frühjahr werden Interventionskäufe durch den Viehverkehrsfond einsetzen. Es ist möglich, 50.000 - 60.000 Schweine einzulagern. Österreich liegt schon bisher, was den Schweinefleischkonsum betrifft, unbestritten in der ganzen Welt in Führung. Nach Schätzungen des Österreichischen Institutes für Wirtschaftsforschung wird dieser Konsum im nächsten Jahr - zumal der Rinderbestand schrumpft und Rindfleisch relativ knapp und teurer werden wird - noch weiter und zwar um 2 bis 3 Prozent steigen. So werden also auch die Nichtselbstversorger ihren Beitrag zum Abbau des erwartetnden Schweineberges leisten, sodaß es nicht zu einer übermäßigen Drosselung der Zulassungen - mit nachfolgendem Schweinetal und noch höherem Schweineberg - kommen wird.


Die Milchwirtschaft - Sorgenkind Nr. 1

Zur Zeit müssen in Österreich über 20 Prozent der angelieferten Milch in verarbeiteter Form exportiert werden. Im Export stoßen unsere Milchprodukte auf die Überschüsse vieler anderer Länder, die sich mit ähnlichen Problemen herumzuschlagen haben. Das Abschöpfungssystem der EWG hat die Lage Österreichs zusätzlich verschärft. Das sind Probleme, die aufmerksamen Lesern der "Tiroler Bauernzeitung" längst geläufig sind. Durch eine Anzahl von Maßnahmen ist es gelungen, im heurigen Jahr die Milchanlieferung zumindest auf dem Stand von 1967 zu halten und die Absatzschwierigkeiten teilweise zu verringern. Es waren dies:

  • Die Einführung einer Lizenzabgabe auf Eiweiß-, Futtermittel - wodurch Magermilch verbilligt wurde;
  • Teebutter-und Tafelbutteraktion; Butterschmalzaktion
  • Die Erhöhung der finanziellen Mittel für die Milchpropaganda
  • Verringerung der Zahl der Molkereibetriebe (1961: 467 Betriebe - 1967: 361 Betriebe)
  • Einführung der Qualitätsbezahlung ab 1. Jänner 1969
  • Erhöhung des Absatzförderungsbeitrages.

Selbst wenn die Milchmarktleistung heuer nicht steigt - so bestehen doch begründbare Befürchtungen, daß sie noch weiter steigen wird. Zur Zeit liegt Österreich, was die Milchleistung betrifft, erst an 8. Stelle in Europa, es ist in den nächsten Jahren unbedingt mit einer weiteren Steigerung der Milchleistung pro Kuh und Jahr um mehr als 500 kg zu rechnen. Auch die Milchmarktleistung - also der Anteil der abgelieferten Milch an der gesamten Produktion, wird ständig zunehmen. Wir liegen in Österreich zur Zeit bei einer Milchmarktleistung von 63 Prozent; in den USA liegt die Milchmarktleistung bei etwa 95 Prozent. Dies ist eine Zahl, die Österreich wohl nie erreichen wird - aber die Steigerung in der Milchleistung unserer Kühe wird praktisch zur Gänze auf den Markt drücken, weil der private Verbrauch auf den Höfen, bei sinkender Arbeitskräftezahl, ständig weiter sinken wird.

Von 120 Prozent der Bedarfsdeckung wird man so - bei steigender individueller Kuhleistung und bei steigender Marktleistung - demnächst auf 140 Prozent kommen ... Dem kann letztlich nur durch eine Verminderung des Kuhbestandes abgeholfen werden. Und hier beginnt die Sache hoch politisch zu werden. Denn alle Maßnahmen zur Verminderung des Kuhbestandes mögen gut und recht sein. Sie können aber - weil an eine Verminderung der Kuhzahl pro Betrieb niemand ernstlich denken kann - letztlich nur in einer Verminderung der Betriebe münden. Den Sack schlägt man und den Esel meint man; von der Verringerung der Kuhzahl spricht man, eine Verminderung der Zahl der Betriebe meint man. Was es mit all den Versuchen, von der Milch zum Fleisch zu kommen, auf sich hat, beleuchtet das bisherige Ergebnis der Kälbermastaktion. Bis Mitte 1968 haben sich 150 Betriebe daran beteiligt. Sie werden rund 2.000 Kälber erzeugen und dafür 2.500 Tonnen Vollmilch verwerten. Das ist etwa ein Promille der Gesamtablieferung.

Die Inlandversorgung mit Rindfleisch liegt zur Zeit be 114 Prozent. Die Rindfleischproduktion auf Kosten der Milch noch weiter zu erhöhen und für den Rindfleischexport dann, laut Budgetansatz 1969, 142 Millionen zu verwenden, mag alle Milcherzeuger freuen. Gelöst wird die Frage der Ütberschußverwertung dadurch nicht.


Das Getreide ist preiselastisch

Fachleute haben ausgerechnet, daß die Milchproduktion wenig preiselastisch ist. Das heißt: Wenn zum Beispiel der Milchpreis um 10 Prozent sinkt, dann sinkt deshalb die Produktion keineswegs auch um 10 Prozent, im Gegenteil. Die Anlieferung wird womöglich zunehmen: Man sagt dann: die Milchproduktion ist nicht preiselastisch. Das hat viele Gründe, einer (er wird von den Vertretern der Alpenländern immer wieder in Diskussion geworfen) ist sicher der, daß man in den Milchgebieten ja nichts anderes produzieren kann als Milch und daß die lohnintensivere Milchproduktion für unsere eben kleinen Betriebe einzig rentabel ist.

Ganz anders verhält es sich mit dem Getreide. Preisveränderungen von ein paar Groschen pro Kilogramm können hier bewirken, daß viele Tonnen einer Getreidesorte nicht mehr angebaut werden. Das Problem ist hier folgendes: Österreich produziert bei weitem zu viel Brotgetreide, und viel zu wenig Futtergetreide. Durch entsprechende Maßnahmen soll der Brotgetreideüberschuß - der auch nirgends in der Welt zu annehmbaren Preisen verkauft werden kann - abgebaut werden. Auf den dadurch frei werdenden Flächen wird dann Futtergetreide angebaut. Wie es scheint, haben die Bemühungen auf diesem Gebiet Aussicht auf Erfolg.

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