Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Naturschutz in und um eine beengte Stadt

Autor Winfried Hofinger
Medium Für Innsbruck
Texttyp Wahlwerbung
Erscheinungsdatum  ?1994
Kategorisierung Klärschlamm; Umweltschutz; 1994

Erlebnisse in einem ehemaligen Naturschutzgebiet von Innsbruck, im Ahrntal: Meterdick wurde hier Klärschlamm aufgetragen und darin Fichten gepflanzt. Arbeiter der früheren Betreiberfirma kämpften mit Sensen und Sicheln vergeblich gegen die Brennesseln und Hollerstauden an, denen der süße Schlamm besser schmeckt als den säureliebenden Fichten. Aus einem Loch im Boden quillt am Allerheiligentag 93 eine mächtige Rauchsäule; daneben nicht zufällig das Zeichen "Rauchen verboten". Daß es in und aus dem Ahrntal nicht stinkt, glaubt niemand, der jemals an diesem Tal auch nur vorbeigefahren ist. Wer gar hineingeht, stinkt noch stundenlang nach faulem Fleisch.

Igls und Vill sind eigentlich nur zufällig Teile von Innsbruck; Hötting ist es seit der Nazizeit ebenso wie Mühlau und Arzl. In der Kranebitter Innau (KG Hötting) ist zwischen dem Erholungsbedürfnis der Innsbrucker und dem Naturschutz ein vertretbarer Kompromiß geschlossen worden. An sich würden Flora and Fauna eine Sperre des Gebietes rechtfertigen. Weil das bei der Bevölkerung nicht durchsetzbar wäre - Gesetze und Verordnungen, die das nicht sind, sollte man generell vermeiden - hat man sich für einen sanften Naturschutz mit Besucherzugang entschieden: Grillöfen und Trampelpfade in Hawaii.

Unlängst hat der Naturschutzbeirat die Sillverbauung in der Gegend zwischen Hallenbad und Pradler Brücke besichtigt: viel guter Wille, gute Ansätze, beträchtliche Mehrkosten. Ganz anders als die brutale Innverbauung im Westen der Stadt: Eine ähnliche Scheußlichkeit wie die nackte Mauer von der Universitätsbrücke bis zum Flughafen wird man selten wo finden. Und das alles nur, um auch ein 100-jähriqes Hochwasser schadlos abzuleiten. (Wohin? Nach Hall, nach Rattenberg und Angath? Bis nach Bayern?) Wir gingen auch durch die nach einem Hochwasser neu gestaltete Sillschlucht bis zum Sonnenburger Hof. Ganz plötzlich, ein paar Minuten hinter Bahnhöfen und Autobahnkreuz, ist man in einem fast "naturnahen" Tal. Ob hier nicht doch zu viel gemauert und gesichert wurde? Weil doch fast alles der Bund bezahlt hat ...? Kaum denkt man darüber nach, ist man schon wieder umgeben von Bahn, Autobahn, Stromweg, Straße, Stubaitalbahn. Was einst den Reichtum der Stadt und ihre wechselvolle Geschichte bewirkte, ihre Lage an einer überaus wichtigen Straßenkreuzung, ist heute eine Ursache ihrer Probleme: Lärm, auch vom Flughafen, Abgase, Raummangel.

Wenn der Innsbrucker Natur sucht, geht oder fährt er hinaus in die Umgebung. Er ist, etwa in Seefeld, nicht so gerne gesehen wie er das gerne hätte. Er wandert durch die Telfer Lärchenwiesen und freut sich dabei, daß dieses von Menschenhand mitgeformte Landschaftsbild nicht einem Golfplatz geopfert wurde. Viele Innsbrucker haben ihr Lieblings-(Seiten-)Tal, wo sie "ihr" Bauer kennt und freundlich grüßt. Dort oben und auf den zahllosen Tourenzielen schütteln sie die Enge der Stadt ab, ihren Lärm und ihre schlechte Luft. Nach so einem Wochenende ist die Unwirtlichkeit der Stadt wieder fünf Tage lang zu ertragen. Wer gar ein Häusl hat, ober den Gleinser Höfen oder am Kolsaßberg, achtet peinlich darauf, daß die Zerstörung des Erholungsraumes - durch Zweitwohnsitze mit Stacheldrahteinzäunung - möglichst rasch eingebremst wird. Es ist sehr viel an Schönheiten, in, aber vor allem um Innsbruck, das zerstört werden kann. Gerade deshalb, den Innsbruckern zuliebe, nicht wegen der paar Touristen, tut Wachsamkeit und Zurückhaltung not.

Die Einwohner der Hauptstadt sind arbeitsam und mässig. Sie sind stolz auf ihre schöne Natur, und lassen keinen Festtag vorbeigehen, ohne grössere oder kleinere Ausflüge zu machen, um sie recht zu gemessen. Dann ist die Stadt wie ausgestorben; man sucht seine Freunde vergebens an den gewohnten Orten, und hat man sich nicht einer Landpartie angeschlossen, so muss man einsam und verlassen in seinem Zimmer bleiben, denn in Innsbruck würde es vergebens seyn, wollte man eine Gesellschaft suchen. Von Kaffeehäusern ist nur ein erhebliches in der Vorstadt Wiltau zu nennen, wo nicht selten sogar ein recht anmuthiger Damenkreis angetroffen wird.

aus: Tirol, vom Glockner zum Orteies und vom Garda- zum Bodensee von August Lewald, München 1838

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