Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Musik als Lebensquell: Teil4

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Arikel
Erscheinungsdatum 16. Dezember 1999
Kategorisierung Musik; Familiengeschichte; 1999
Irgendwann, mit 14 Jahren, habe ich vier Stunden Gitarre-Unterricht genossen, bei einem Volksmusiker, der ins Haus kam. Die Stunden erhielt ich gemeinsam mit meinem jüngeren Bruder Konrad. Weil ich nach den paar Stunden einfache Lieder begleiten konnte und er nicht, hat er das alles rasch wieder aufgegeben. Ich habe es auf der Gitarre nie zu mehr als zum "Zupfen", zum einfachen Liedbegleiten gebracht. Aber gemessen an denen, die gar nichts können ...

Hier wäre wohl der Platz, darüber nachzudenken, wie man als relativ guter Musiker weniger gute demotiviert - und wie man selbst von wesentlich besseren eingeschüchtert wird. "Was können wir dafür, dass du um so viel besser bist als wir", schrie mich im Höttinger Kirchenchor einmal ein Sänger an. Andererseits: Als Student in Wien war ich einmal mit dem Horn in jene Familie geladen, von der ich dieses mein Horn sieben Jahre vorher vermittelt erhalten hatte. Die Töchter des Hauses ließen mich zeigen, was ich konnte. Das wars dann aber auch schon - und dann wurde mit den anderen Gästen, lauter junge Leute, ernsthaft musiziert. Ich ließ mich in den folgenden Jahren in Wien nie mehr in diesem Haus blicken ...

In Wien durfte ich beim Kirchenchor bei den Serviten mitsingen. Der bestand fast nur aus Mitgliedern des Wiener Singvereines. Die Johannespassion von Heinrich Schütz sangen sie, fehlerfrei nach nur zwei Proben, in der Maria-Hilfer-Kirche und bei den Serviten. Viele Jahre später habe ich diese Passion dem Wiltener Kirchenchor eingeredet, und wir probten sie von Weihnachten bis Karfreitag. Es war der Servitenchor der einzige, bei dem ich das Gefühl hatte, der leichtgewichtigste aller Mitwirkenden zu sein. Seither weiß ich ein wenig, wie denen zumute ist, die nur gern, aber nicht gar so gut singen oder spielen wie die anderen.

Musik mit den Kindern

Ganz sinnlos scheint die Diskussion, ob die Musikalität angeboren ist oder ob sie anerzogen ist. Meine Geschwister hatten alle die gleichen Gene und die gleiche Förderung - und doch sind nicht alle gleich musikalisch. Ich war der, der schon im zweiten Lebensjahr gesungen hat. Waren die anderen nicht so veranlagt? Dass ich mein angeborenes Talent so gerne fördern ließ, hängt womöglich damit zusammen, dass ich bald einmal wusste, dass ich mit meinen Brüdern intellektuell nicht konkurrieren könnte. Unsere eigenen Kinder haben wir gefördert, indem ich fast jeden Abend, wenn ich zuhause war, mit ihnen gesungen habe. Quer durch das Liederbuch mussten jeden Abend alle Lieder gesungen werden, begleitet auf der Gitarre. Als dann mit einigem Abstand unsere Tochter dazukam, sang sie, natürlich, gelegentlich einen falschen Ton. Darüber haben die Brüder laut gelacht, worauf sie keinen Ton mehr sang. Und damit wurde auch ihr Gehör vielleicht weniger gebildet als das der Buben, die jeden Abend ...

Unvergesslich sind die Abende im Pfarrhüsle in Zug bei Lech, wo unsere Runde ab 1970 Skiurlaub machte. An die zwanzig Kinder sangen mit Peter Loewit (Gitarre) und mit mir (Trompete, Gitarre) zunächst Kleinkinderlieder, dann die typischen Jungscharlieder. Nach dem Singen zogen sich die Großen in die Stube zurück, in der - irrigen - Meinung, die Kinder würden nun, erschöpft vom langen Singen, bald einmal einschlafen.

Um diese Zeit gab es dann eine private Singrunde, mit acht bis zehn Sängerinnen und Sängern, einmal im Monat. Als aus dieser Runde eine Sopranistin nach Ungarn heiratete, zerfiel das alles. Vielleicht auch aus Zeitmangel - denn inzwischen hatte ich zwei fixe Musiktermine pro Woche: Dienstag Orchester der Musikfreunde, Donnerstag Kirchenchor Wilten..

Wenn es denn Zeit wird

Zum Orchester hat mich meine Schwester Elisabeth, die dort Viola spielt, gebracht. Ich habe seit der Schulzeit das Horn nie ganz einrosten lassen. Bei kirchlichen Feiern, Familienfesten u.a. habe ich darauf gespielt. Aber regelmäßig blase ich nun doch erst wieder, seit ich um die 50 bin - ein Alter, in dem andere aufhören.

Im Orchester spielte auch Ludwig Walch, Schlossermeister aus Inzing. Er hat in den vergangenen Jahren viele Alphörner von ganz erlesener Qualität gebaut. Mit seinen Alphörnern traten wir unter anderem bei den Preisverleihungen des "Grünen Zweiges" auf. Für die Alphörner habe ich erstmals in meinem Leben auch "komponiert", einfache Sachen in Noten gesetzt. Ausschlaggebend waren dafür auch Zufälle: Einerseits, weil es zu wenig uns bekannte gute Sachen für Alphorn gibt. Zum anderen, weil mich Christl Frisch einmal, nachdem wir bei der Karwochenmusik in Inzing zwei Jahre hintereinander dieselben Sachen spielten, darauf ansprach. Daraufhin schrieb ich für die Karwoche des nächsten Jahres ein so markerschütterndes Stück, dass alle Kritik verstummte. Das kurze Tonstück endete mit einem Akkord, bei dem vier Ganztöne (b, c, d, e) unmittelbar nebeneinander lange auszuhalten waren. Ludwigs Gattin sagte nachher, das komme dem Schrecken eines Todes am Kreuz vielleicht näher als die süße Harfen- und Zithermusik anderer Gruppen.

"Tirol isch lei oans"

Bei einem Alphörnertreffen in Sand in Taufers in Südtirol spielten wir vor Publikum "Tirol isch lei oans"; das fehlende "h" erzeugten wir, indem ich nach vorne lief und mit einem Tirolerhut den Schalltrichter halb zustopfte. Das war für die Schweizer, die Hüter der reinen Alphornlehre, ebenso unannehmbar wie unser zweites Stück, in dem wir in der Art von Werner Pirchner blödelten ("Land im Gebirge - Sand im Getriebe - Land im Getriebe - Sand in Taufers"). Als wir von diesem unserem Auftritt weggingen, hörten wir von einer Schweizer Truppe einen bestimmten Choral, den wir natürlich auch kannten, zum fünften Mal. Humor in der Musik ...

Einmal spielten wir in Inzing mit den Hörnern "Auftragswerke" von Walter Grill, dem Leiter des Kirchenchores Wilten. Das beschäftigt mich schon sehr lange: Dass in unserer Zeit nur, oder fast nur, Musik von vor hundert, zwei-, drei- oder vierhundert Jahren gespielt und gesungen wird. Das hat es früher nie gegeben. Da komponierte jeder Domkapellmeister für jeden zweiten Sonntag eine neue Messe. J. S. Bach wäre deshalb beinahe verschollen geblieben - obwohl er für mich, noch vor Anton Bruckner, der weitaus größte ist, der je gelebt hat. Walter Grill habe ich auch sonst öfters versucht, zum Notensetzen anzuspornen. Eine von ihm geschriebene Messe blieb unvollendet, weil der damalige Abbas Wiltinensis beklagte, dass ihm die Osternacht-Liturgie mit etwas über zwei Stunden viel zu lange gedauert habe ...

Der Tatsache, dass ich ein so altes Horn besitze und blase, verdanke ich den größten aller bisherigen Auftritte: Im Herbst 1996 durfte ich im Münchner Frauendom vor 3.000 Zuhörern an einer Aufführung des Te-Deum von Anton Bruckner mitwirken. Es wurde auf Instrumenten aus dem vorigen Jahrhundert gespielt. An einer Stelle nur ich am vierten Horn, ein Sänger und ein Streicher. Nach der Aufführung sagte der bekannte Instrumentenmacher Tutz auf meine Frage, was ihm am besten gefallen habe: das Hornquartett. Ich darauf: Das sage er wohl nur, weil ihn ein Hornist gefragt habe. Nein, erwiderte er, so einen Hornsatz, so ein Fortissimo mit vier Wiener Hörnern, höre man auf der ganzen Welt nicht mehr; weil alle anderen mit Doppelhörnern blasen.

Am Beispiel Ludwig Walch wird mir bewusst, dass es auch für mich einmal Zeit wird, aufzuhören. Er hat das im Herbst 1998 geschafft, freiwillig, aber sicher ganz schweren Herzens. Bei ihm war es das durch Schwerstarbeit in der Jugend geschädigte Gehör, weil er sich zuletzt selbst fast nicht mehr blasen hörte. Als Chorsänger kann man, siehe meine Tante Lene, auch noch mit über 80 singen. Aber als Bläser? Wenn gute junge kommen? Wenn man einen Soloeinsatz ausgelassen oder verhaut hat? Wenn die Zähne wackeln und die Lippen zittern? In diesen Tagen sind wir Zeugen, dass ein guter Musiker nach einem Schlagl nicht mehr so recht kann. Wer oder was wird mir das Horn aus der Hand, von den Lippen nehmen? Mit 60 Jahren bin ich 50 Jahre Chorsänger. Nichts anderes betreibe ich fast ohne Unterbrechung so lange.

"Nichts als Musik im Kopf"

Dass ich seit 33 Jahren verheiratet bin, würde der Leser dieser Zeilen daraus nicht entnehmen können. Meine Ehefrau kommt darin nicht vor. Sie ist eine aufmerksame Zuhörerin, aber selbst nicht ausübend. Und das, obwohl sie eine Wienerin ist! - Ihren Eltern wurde die Musik von unleidlichen Lehrern vergällt, und sie wollten daher ihre Kinder nicht damit quälen. Frustrierte Eltern und schlechte Lehrer - da kann ein durchaus vorhandenes Talent nicht gehoben werden. Aber: Es braucht für Laien wie für Profis auch gutmeinende Zuhörer. "Nichts als Musik im Kopf" - so hieß ein Buch zum Mozartjahr 1991. Viel Freude, viele tausend Stunden mit Musik. Verbitterungen und Enttäuschungen sind vergessen, wenn der Chorleiter oder der Dirigent den Taktstock hebt, bei Proben wie bei Aufführungen - wenn Sänger oder Musiker versuchen, das alles neuerlich zum Leben zu erwecken, was sich Palestrina oder Schubert, Schütz oder Bruckner, Mozart oder Gounod vor langer Zeit erdacht haben.


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