Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Musik als Lebensquell: Teil3

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Arikel
Erscheinungsdatum 9. Dezember 1999
Kategorisierung Musik; Familiengeschichte; 1999
Gesungen haben wir im Borromäum alles, von Palestrina bis Joseph Messner. Beliebt waren auch die Neucäcilianer, die am Ende des 19. Jahrhunderts die Kirchenmusik vereinfachen wollten und sich, in großer Unbescheidenheit, auf Palestrina beriefen. Johann Sebastian Bach war sehr hoch in Ehren, obwohl er - leider - ein evangelischer Christ gewesen war. Zum Schulschluss 1950 hielt ein gewisser Georg Eder, der designierte Schulsprecher für das kommende Schuljahr, der jetzige Salzburger Erzbischof, zum 200. Todestag eine Lobrede auf den Thomaskantor. Viele Jahre später kam mir eine Kampfschrift erzkonservativer Katholiken in die Hände, worin beklagt wurde, dass bei einer Bischofsweihe fast nur Bach gespielt und gesungen wurde.

Auch einer der größten Umschmisse ist mir in Erinnerung: im Salzburger Dom, bei einer Nachmittagsandacht. Wir alle reichlich unkonzentriert; das achtstimmige "Tantum ergo" von Vinzenz Goller erfordert ein wenig mehr Aufmerksamkeit als das Dutzend vierstimmiger. Der Sopran, besser gesagt, die zwei Soprane, verhauten einen Einsatz so total, dass der Pudel - so Feichtners Spitzname - einfach abreißen musste. Solche Umschmisse habe ich noch öfters erlebt, alle zehn Jahre einen vielleicht, aber sie bleiben im Gedächtnis viel fester verankert als hundert gelungene Auftritte.

In diesen Jahren sangen wir fast jeden Sonntag ein lateinisches Amt. Die Zwischengesänge, vorgetragen von einer Gruppe von jungen Männern mit Unterstimmen, waren der Gregorianischen Choral. Heute gehört es zum guten Ton, die Gregorianik als das Höchste zu preisen. Es tun das auch Leute, die nicht einmal die entsprechenden Noten lesen können; die gar nicht wissen, dass die Choralnoten anders ausschauen. Unsere Choralsänger wirkten zum Teil am gewöhnlichen Mozartgesang gar nicht mehr mit. Als wir ins Alter zum Choralsingen kamen, war der schon wieder nicht mehr so gefragt. Zehn Jahre später versuchte ich im Wiener Servitenkloster, in dem ich ein sehr preiswertes Studentenzimmer hatte, mit meinen Kollegen zu Allerseelen den Gottesdienst auf Gregorianisch zu gestalten - auch mit dem langen und schweren "Dies irae".

In den Jahren 1950 und 1953 fuhren wir zum Bundesjugendsingen nach Wien. Die Eisenbahn befuhr diese Strecke noch mit Dampf. An der Ennsbrücke sahen wir die ersten Russen unseres Lebens. Beide Male wurden wir sehr gut benotet. 1953, ich war in der vierten Klasse, erlebten wir "Primadonnen" einen Schock: Es trat da ein Schulchor auf, von dem glaubwürdig behauptet wurde, dass darin garantiert alle Schüler einer steirischen Dorfschule mitsangen. Wir sangen vor der Jury: einen vorher eingelernten, überaus schweren fünfstimmigen Satz von Hugo Distler ("Wer die Musik sich erkiest"), dann ein fünfstimmiges Lied, dessen Noten wir erst zwei Stunden vor dem Auftritt ausgehändigt bekommen hatten, und ein dreistimmiges Lied ganz vom Blatt. Und da mussten wir uns sagen lassen, dass es gar nichts dabei wäre, aus den 30 besten Sängern einer Schule einen guten Chor zu machen - dass es aber die wahre Musikerziehung sei, alle Kinder einer Klasse zum Singen zu bringen. Auch schon was! Leo Rinderer, der später in Innsbruck der Vermieter unserer ersten Wohnung werden sollte, war der Prophet dieser neuen Musikpädagogik. Heute stimme ich diesem Bildungsziel uneingeschränkt zu.

Zwei meiner acht Mittelschuljahre verbrachte ich nicht in Salzburg, sondern in Hall und Innsbruck. In beiden Schulen gab es kaum Musikpflege. In Innsbruck war ich, nach meiner Erinnerung, überhaupt der einzige in der Klasse, der irgendetwas spielen konnte. Dass ich nach der fünften Klasse in Innsbruck freiwillig nach Salzburg zurück ins Internat ging, lag zu einem guten Teil an den vielen schönen Stunden, die mir dort die Musik geschenkt hatte. Mein Hornlehrer, Franz Gerstendorfer, war nach dem ersten Geigenlehrer in St. Johann der zweite lebensentscheidende Lehrer: Als ich ihm, in einer besonders musikgeprägten Phase, rund fünfzehn Jahre alt, sagte, ich wollte einmal Berufsmusiker werden, da sagte er, es sei wohl besser, ich würde einen anderen Beruf ergreifen und das Horn zu meinem Vergnügen in der Freizeit blasen. Er kannte meine Talente und meine Grenzen. Und er wusste, dass einer als Musiker, damals, zeitlebens darben müsste, wenn er nicht zu "Größerem" bestimmt sei.

Gerstendorfer hat mich oft zu Konzerten eingeladen. In unserem überstrengen Internat war es nicht möglich, das erlaubt zu bekommen. Ich schlich mich nach dem Abendessen aus dem Haus, Gerstl führte mich an den Kartenabreißern vorbei in den Mirabellsaal zu Schlosskonzerten, ins Mozarteum, ins Festspielhaus. Unsere Zwingburg erstieg ich nachher über ein vorher entriegeltes Fenster; oder ich lieh mir vom Gärtner den Schlüssel für einen Nebeneingang aus. In den Sommerferien verschaffte er mir Zutritt zu Proben bei den Salzburger Festspielen. Einmal saß ich in der Felsenreitschule bei der Generalprobe der "Zauberflöte" in der ersten Reihe -und sah mit Entsetzen, dass ein Geiger vom fünften Pult die ganze Aufführung lang die Zeitung "Sport und Toto" las.

Am Haller Gymnasium, in dem ich die achte Klasse absolvierte und maturierte, gab es fast keinen Musikunterricht. Das hat sich inzwischen sehr gebessert. Im Fasching sangen Erwin Raffel, der spätere Pater Egwin OFM, und ich die "Mondscheinbrüder" und andere Heurigenlieder, als Pausenfüller einer mehrstündigen Vorführung des Zauberkünstlers Wolfgang Retter, der sich später als Umweltschützer und Fotokünstler einen Namen machte. Reinhold Wolf (heute Rechtsanwalt in Reutte) sang ernstere Lieder. Mit dem Erlös aus diesen Abenden, runde 1.500,- Schilling, bestritten wir die Maturafeier. Für eine Maturareise allerdings fehlte den meisten das nötige Kleingeld.

Als Student der Theologie trat ich nicht in das Priesterseminar ein. Ich wohnte zuhause und ging bei der Austria in einen Tanzkurs. Im Sommer 1958 feierte die Theologische Fakultät ihr 100-jähriges Bestehen. Beim Abschlussfest auf dem Zenzenhof spielten und sangen alle Nationen Musik aus ihren Ländern. Die Amerikaner spielten Jazz, die Spanier Stierkampftänze und so weiter. Wir Tiroler spielten Weißbacher-Musik (ich am 2. Flügelhorn; ich habe Gottlieb Weißbacher als Mutterer Postmeister noch in guter Erinnerung) und plattelten. Für dieses Fest haben wir zu viert gelernt, wie man den Holzhacker und anderes plattelt. Das Fest war ein so großer Erfolg, dass wir beschlossen, es im nächsten Jahr zu wiederholen.

An der Innsbrucker Theologie studierte damals ein Amerikaner, der auf dem Zenzenhof grandiose Schlagzeugsoli hinlegte. Man raunte sich zu, er habe einmal in derselben Band das Schlagzeug geschlagen, in der Louis Armstrong die Trompete blies und sang. Und Louis habe dem Schlagzeuger anerkennend die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, er solle so weitermachen. Dass einer gemeinsam mit dem großen Louis musiziert hatte - das schien uns bedeutsamer, als wenn wir mit Thomas von Aquin disputiert hätten. Auch Karl Rahner war ganz begeistert von den Schlagzeugsoli von Dick Rolfs. Ich glaube, so hieß er. Er wurde später in den USA Professor für Geschichte. (Fortsetzung folgt)

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