Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Musik als Lebensquell: Teil1

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Arikel
Erscheinungsdatum 25. November 1999
Kategorisierung Musik; Familiengeschichte; 1999
In keinem Zweig der Musik habe ich etwas über dem Durchschnitt geleistet. Und gerade das ermutigt mich, ihren Wert für ein normales bürgerliches Leben im 20. Jahrhundert zu beschreiben.

Mein Leben mit der Musik, als Mensch in einem gewöhnlichen Beruf, soll ein Beitrag zur Diskussion um die Musikschulen im Lande sein: Ich bin der festen Überzeugung, dass die vielseitige Beschäftigung mit Musik - in allen Altersstufen, in allen Berufen und in allen sozialen Schichten - von großem Nutzen für ein Land ist. Die Debatte über die Finanzierung der Musikschulen ist für mich daher nicht nachvollziehbar; für diesen Zweck sollte noch viel mehr Geld ausgegeben werden. Musik als Sinngebung und Lebensquell. Es hat daneben noch andere sehr wichtige Quellen gegeben, von der Religion bis zu Ehe und Familie, von der Geschichtsforschung bis zum Schreiben. Das ist diesmal nicht das Thema. Musik ist Leidenschaft. Vor ein paar Jahren habe ich in der Heiligen Nacht um 23 Uhr in Hötting bei der G-Dur-Messe von Schubert beim Tenor ausgeholfen, um Mitternacht bei den Serviten in der Messe des Stille-Nacht-Gruber das 2. Horn geblasen, am Christtag um 8.30 in Mutters geblasen und um 10.30 Uhr in Wilten gesungen. Es ist unmöglich, einem Nicht-Musiker klarzumachen, dass so etwas, vier Aufführungen in 12 Stunden in vier verschiedenen kalten Kirchen, nicht Mühsal oder Qual ist, sondern Erfüllung und Befriedigung bedeutet.

Vom Mutterleib an

Es begann tatsächlich vor 60 Jahren. Ob meine Mutter gesungen hat, als sie mich austrug - weil sie da mit meinen bereits geborenen Geschwistern sang. Fünf Wochen, bevor ich im Oktober 1939 geboren wurde, drangen aus dem Radio Märsche und Fanfaren der besonderen Art: Weil damals Polen in ein paar Tagen überrollt war. Dass England daraufhin dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, veranlasste meine Mutter, noch vor meiner Geburt in mein Tagebuch zu schreiben: Ich wolle offenbar nicht in diese schreckliche Welt herauskommen (ich war schon überfällig). Aber bis ich gehen und sprechen könne, würde der Spuk sicher schon vorbei sein; niemand würde dann kleinen Kindern ihre Väter wegschießen und ihre Mütter zu Witwen machen. Es dauerte dann doch bis zu meinem Schuleintritt, bis der Krieg beendet war.

Eine der ersten Erinnerungen an unsere Kinderstube ist das abendliche Singen. Unsere Mutter hatte ein von uns so genanntes Klavier-Tschimbel, ein eisernes "Xylophon". Unten sozusagen die weißen Tasten des Klaviers, oben die schwarzen. Nach dem täglichen Bad setzten wir uns um das Instrument. Gespielt und gesungen wurden einfache Lieder: "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" sangen wir am liebsten. "Kommt ein Vogel geflogen" fand auch große Zustimmung. "Hänschen klein" war gefährlich, weil mir da ab der zweiten Strophe oft die Tränen kamen. Einmal soll ich bei diesem abendlichen Singen gesagt haben: "Wäre schad, wenn grad jetzt die Sirene gehen tät!" Von allen Tönen und Geräuschen ist mir bis heute der Klang von Sirenen der widerlichste. Geht irgendwo eine Sirene, auch nur samstäglich probeweise, schüttelt es mich wie bei falschen Tönen.

Es ist in meinem Lebensbuch verzeichnet, dass ich singen konnte, bevor ich reden konnte. Gesungen wurden, nach der Anleitung der größeren Geschwister, vor allem Soldatenlieder: "Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt: Edelweiß". Es gab damals in St. Johann zwei Kasernen, eine für die Jäger und eine für die Panzer. Marschierende Soldaten sangen damals, mehr als heute, ihre oft zackigen, manchmal schwermütigen Lieder.

Nach dem Krieg waren zuerst Amerikaner, dann Franzosen in St. Johann. Ihre Musikgruppen spielten vor allem laut, zum Teil ganz schrecklich falsch. Erst viel später lernte ich: Nur die Franzosen benützen ungeniert die unreinen Naturtöne, die jedes Naturhorn, also eines ohne Ventile, zwingend hat; vor allem die unreine verminderte Septim, aber auch das sogenannte Alphorn-fa. Moderne Schweizer Alphornbläser nutzen den herben Klang der unreinen Töne bewusst. Die Franzosen, bei denen es Landstriche so groß wie unsere Bundesländer ohne Musikschulen gibt, merkten das gar nicht. Unser Vater ist mir als Sänger vor allem in der Kirche in Erinnerung. Er sang gerne eine zweite Stimme beim Volksgesang. Schwester Maria schrieb in der Schule "heilich" statt "heilig", weil sie das unseren Vater oft und oft in der Haydnmesse singen gehört hatte. Nur mühsam gelang es der Lehrerin, sie davon zu überzeugen, dass Vater richtig gesungen habe, dass aber Schrift und Aussprache hier verschieden seien. Dass er sich jemals irrte, hielten wir sehr lange für ganz ausgeschlossen.

In der St. Johanner Dekanatskirche wurde schöne Musik geboten. An hohen Feiertagen gab es Orchestermessen. Es war das damals fast die einzige Gelegenheit, klassische Musik zu hören. Was an Schallplatten und im Radio geboten wurde, war kaum der Rede wert. Onkel Karl hatte immerhin einen Plattenspieler, den wir manchmal mit seinen Söhnen in Gang setzten. Von der Kirchenmusik wird berichtet, dass sie mir nie zu lange wurde. Ganz aufmerksam soll ich stundenlang zugehört haben.

Die erste Geige

Im Herbst 1945 kam ich in die Schule. Die Klassen waren überfüllt, weil zu den vielen einheimischen Kindern des Jahrganges 1939, den sogenannten "Hitler-Fratzen", noch die Sudetendeutschen stießen und was sonst noch alles in der "Alpenfestung" hängen blieb. Herbert Rosendorfer hat das für Kitzbühel in "Eichkatzlried" treffend beschrieben; in St. Johann war es ähnlich, nur war es bei uns natürlich nicht so international, wie das bei den auch sonst so welterfahrenen Kitzbühelern üblich ist.

Der größte Gewinn für St. Johann kam damals aus Hamburg: Das von den Bomben geflüchtete Ehepaar 1Werth (beide Klavier) und der mit ihnen befreundete Geiger Wilhelm Mlosch. Nie wieder im Leben habe ich einen Lehrer gehabt wie Herrn Mlosch. Er hatte ein absolutes Gehör, auch ein absolutes Zeitgefühl. An mir gefiel ihm meine Urwüchsigkeit - ich ging im Sommer barfuß in die Geigenstunde, so wie in die Schule. Und als mir einmal der Bogen aus der Hand fiel, hob ich ihn mit den Zehen auf. Als ich merkte, wie sehr das Herrn Mlosch gefiel, ließ ich den Bogen in einer der nächsten Stunden, wieder fallen.

Unsere Beziehung begann am Beginn des dritten Schuljahres. Ich bekam eine halbe Geige (Anm.: kleine Geige). Es gab damals in St. Johann auch einen Geigenbauer. Der Unterricht war im Haus eines Rechenmachers, dem ich vor und nach der Stunde lange bei seiner Arbeit zugeschaut habe. In den ersten Wochen blieb die Geige bei Herrn Mlosch, dafür hatte ich jeden Tag Unterricht. Schon nach ein paar Wochen waren Herr Mlosch und ich im Elternhaus mit einem kleinen Konzert zu Gast. Es war nicht viel mehr als ein Spiel auf den leeren Saiten. (Erfahrene Geiger sagten mir später, dass dies die wichtigere Sache beim Geigenspiel sei: Der richtige Strich. Das, was die Finger der linken Hand greifen, ist bloß Technik.) Was die Eltern besonders erfreute: Es klang das alles nicht wie die von ihnen befürchtete Katzenmusik. Man musste sich, auch wenn ich übte, nicht die Ohren zuhalten.

Herr Mlosch ließ uns, bei den Konzerten in seiner Wohnung, in kleinen Gruppen spielen. Stimmführer wurde jeweils der, der sich in den Wochen vorher besonders bemüht hatte. Wer faul war, wurde zurückgereiht, bis zur vierten Geige. Oder er durfte strafweise gar nicht mitspielen; oder nur im Chor, nicht aber solo oder im Duett. Die Urteile von Herrn Mlosch waren immer gerecht. Musste er jemanden ermahnen oder gar strafen, dann merkten wir alle, wie sehr ihn das selber bekümmerte.

Keine Angst vor Publikum

In diesen Jahren hatte ich eine sehr helle hohe Sopranstimme. In der Schule musste ich des öfteren mit der besten Sängerin der Klasse, der Nasn-Liesi, vorsingen. Nie hätte ich zugegeben, dass mir die Liesi eigentlich sehr gut gefallen hat. Für uns waren damals alle Mädchen sehr blöd. Selbst meine Kindergartenliebe, mit der ich sogar eine Kinderhochzeit gefeiert hatte - mitten im Krieg, ihr Vater Ortsgruppenleiter der Partei, mein Vater Chef des Widerstandes - grüßte ich ab Beginn der Schulzeit nicht mehr.

Zu Weihnachten, als ich in der dritten Klasse war, gingen Vetter Karl und meine Schwester Maria und ich "Anklöpfeln". Wir sangen das Lied "Wer klopfet an" in ein paar Dutzend Bürgerhäusern. Karl als Wirt, Maria und ich als Maria und Josef. Im Jahr darauf sangen meine beiden Schwestern mit mir: diesmal mit Maria als Wirt, ich wieder der Josef, und Liesl, damals noch Lieschen genannt, als Maria. Wir müssen sehr lieb ausgeschaut haben. (Fortsetzung folgt)

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