Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Mit Sorge zum Viehmarkt, zufrieden nach Hause

Autor Herbert Buzas
Medium Tiroler Tageszeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 14. September 1968
Kategorisierung Viehzucht; 1968

Guter Absatz und ordentliche Preise in Landeck - In wenigen Stunden 4 Millionen Schilling umgesetzt - 550 Rinder aufgetrieben

Für viele Bauern des Tiroler Oberlandes war gestern ein wichtiger Tag. Mit einer gewissen Sorge und großer Bangigkeit fuhren sie mit Tbc-und bangfreien Rindern nach Landeck zum Viehmarkt. Es wurden 550 Rinder aufgetrieben, zum größten Teil dreijährige, die im Herbst zum erstenmal abkalben. Welche Preise werden erzielt werden? Wie wird der Absatz sein? Diese Fragen beschäftigten wohl jeden Viehzüchter, denn bei einem Viehmarkt im Herbst entscheidet sich für viele bäuerliche Familien, ob sich die Arbeit eines ganzen Jahres gelohnt hat und wieviel nach dem Verkauf der Tiere zum Leben übrigbleibt.

So lag also auch über dem gestrigen Markt, der oberhalb des Bahnhofes vor dem Kasernengebäude gehalten wurde, zu Beginn eine gewisse Spannung, die sich zwar nicht in den harten Gesichtern der Bauern abzeichnete, aber dennoch deutlich spürbar war. Um es vorwegzunehmen: Als die Turmuhr in Angedair die zwölfte Stunde schlug und die Sonne im Zenit über dem herbstlichen Land stand, war der größte Teil der Rinder aus den Rassen des Tiroler Braunviehs und des Oberinntaler Grauviehs abgesetzt. Der Umsatz bewegte sich in der Größenordnung von vier Millionen Schilling. Es wurden gute Preise erzielt. Man war zufrieden. Die Gesichter entspannten sich zusehends, als die verkauften, mit rotem Fettstift von den Käufern gekennzeichneten Tiere davonrollten. "Die Haupteinnahme für viele Tausende Tiroler Bauern, besonders für die Bergbauern, stammt aus dem Verkauf von Lebendvieh", erklärte der Direktor der Landeslandwirtschaftskammer, Dr. Alois Partl, der mit dem Präsidenten der Kammer, Landtagsabgeordneten Hans Astner auf dem Markt erschienen war, um zu dokumentieren, daß sich die bäuerliche Berufsvertretung darum kümmert, den Bauern über einen gesicherten Absatz zu tragbaren Preisen zu einem angemessenen Lohn für ihre Arbeit zu verhelfen. "Es wird nicht nur sehr viel Vieh an die Talbetriebe im Lande verkauft", fuhr Dr. Partl fort, "sondern es werden darüber hinaus jährlich 20.000 bis 25.000 Stück Rinder außerhalb des Landes abgesetzt. Der überwiegende Teil geht in den Export. Hauptabnehmer sind Italien und Deutschland."

Nach Italien und Deutschland

Tierzuchtdirektor Dipl.-Ing. Franz Stock begleitete uns durch die Rinderreihen und skizzierte dabei kurz den Weg eines Rindes von der Alm bis zum Empfänger in Südtirol, in der Lombardei oder in Süditalien. Es ist ein streng vorgezeichneter Weg, der durchschnittlich vier bis fünf Wochen beansprucht. An jeder Station raschelt Papier, denn die Zeiten, da ein Rind ohne Dokumente den Besitzer wechselte und Partner beim Abschluß des Geschäftes einander nur treuherzig in die Augen blickten, sind längst vorbei. Kurz nach der Alpung fährt der Züchter mit seinen dreijährigen weiblichen Tieren, die bald ihre Erstgeburt zur Welt bringen werden, zum Markt. Die Fracht wird mit dem Lastkraftwagen oder Traktor befördert. In der Tasche des Viehhalters stecken für jedes Tier ein Tierpaß, auf dem bestätigt wird, daß die Milchproduzentin frei ist von Tuberkulose- und vom Bangbazillus ist, der seuchenhaftes Verwerfen zur Folge hat. Bevor das Tier den Markt betreten darf, schaut ihm ein Tierarzt mit Kennerblick ins Maul, denn es könnte sein, daß sich darin Anzeichen für die Maul- und Klauenseuche finden.

Wenn ein Tier als Zuchtvieh gelten soll, braucht es auch einen Stammschein. In diesem "Ahnenpaß" wird in einer Chiffresprache von den Vorfahren des Rindes berichtet. Dazu kommt noch der Deckschein. Eine Marke im linken Ohr des Tieres hält gewisse Daten des Stammscheines fest. Als Käufer traten gestern in Landeck Bauern aus den Milchwirtschaftsgebieten Tirols, die Einkäufer der Tiroler Viehverwertungsgenossenschaft in Imst und andere Exporteure auf. Der Handel vollzog sich ohne orientalisches Gehaben, beinahe im Flüsterton. Man feilscht um den Preis so lange, bis man sich einig ist. Dann folgt ein kräftiger Handschlag, und damit ist das Geschäft perfekt. Die Vieheinkäufer haben selbstverständlich einen scharfen Blick. Sie beurteilen die Qualität des Tieres in Sekundenschnelle. Mit geübtem Auge registrieren sie den Gesamteindruck, den das Tier macht, seine Proportionen, die Farbe, die Beschaffenheit des Euters und den mimischen Ausdruck. Ein Computer könnte es nicht schneller als ein Viehhändler. Und dann setzt ein Dialog zwischen Verkäufer und Händler ein, wie man ihn in Bauernstücken und einschlägigen Kalendergeschichten manchmal hört und liest. "Was, nur achttausend Schilling?" fragte gestern ein Jungbauer enttäuscht "Fünfundachtzig sollt i schon haben, wo i mir nit amol den Frisör leisten kann."

Bargeldlos, und rasch

Der Städter stellt sich nun vor, daß der Einkäufer nach dem Handschlag mit großer Geste in seine Brieftasche greift und die "Blauen" dem Bauern effektvoll in die Hand blättert: acht, neun oder gar zwölf Scheine. Irrtum. Es wird meistens nur ein Schlußschein gewechselt. Die Zahlung folgt später im Überweisungsverkehr. Die verkauften Tiere werden sofort in die Handelsstallungen der Exporteure gefahren. Dort harren sie des Tages, da sie, falls es sich um Zuchtvieh handelt, ohne Grenzbelastungen nach Deutschland oder Italien ausgeführt werden können. In Franzensfeste schlägt eine Schicksalsstunde für den Exporteur. Dort werden die Tiere aus den Waggons geholt und nochmals kontrolliert. Ein italienischer Tierzuchtbeamter entscheidet, ob sie als Zuchtvieh anerkannt werden. Wenn das Tier seinen manchmal sehr subjektiven Vorstellungen nicht entspricht, wird es mit Zoll und Abschöpfung belastet. Diese Summen erreichen oft die Höhe seines halben Wertes. Und darin liegt das Risiko für den Exporteur. Nach langer Bahnfahrt werden die Rinder in die Empfängerstallungen am Zielort überstellt, wo sie ihre Abnehmer finden.

Über dem Marktplatz in Landeck, der zugeparkt war wie auf einem Volksfest, lag gestern vormittag das beruhigende Gebrüll der Tiere. Eine Geräuschkulisse, die viel naturverbundener wirkt als das Geknatter der Transporter und Traktoren. Mancher Bauer, manche Bäuerin trennte sich schweren Herzens von der braven "Braunen" oder "Grauen". Die Einkäufer schritten erhobenen Hauptes, jeder Zoll ein Fachmann, jeder Blick eine Musterung, durch die Reihen der MilchproduzentInnen. Es waren millionenschwere Männer darunter, doch hätte man es keinem übers "Gwand" angesehen. Auf einem Viehmarkt wird alles unterspielt. Es gibt keine großen Gesten, keine erregte Mimik, keinen Freudenausbruch, wenn die Kuh zu gutem Preis verkauft ist. Am stoischsten sind die Tiere selbst Ihr Gesichtsausdruck verrät stets die Zufriedenheit einer glücklichen Kreatur, die jeden Bissen zweimal auskosten kann, doch entdeckte ich ähnliche Zufriedenheit auch in den Mienen von Bauern, die ohne Kuh, ohne Bargeld, aber mit kostbaren Schlußscheinen in ihre Höfe zurückkehrten und zum Andenken an das abgeschlossene Geschäft ein paar Kleinigkeiten für den Stall einkauften. Einen Kälberstrick, einen Striegel, eine wohltönende Schelle.


Nachwort Hofinger: Herbert Buzas, legendärer Lokalredakteur der TT., ist mit W. Hofinger sehr oft im Lande unterwegs gewesen, um danach seine allseit gerne gelesenen Artikel zu veröffentlichen.

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