Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum  ?1990
Kategorisierung Transit; Bayern; 1990

Mit Bayern leben

70 harmlose Tiroler, alles Angestellte der Landwirtschaftskammern, nähern sich am letzten Donnerstag dem befestigten Grenzposten Simbach gegenüber von Braunau. Es ist kurz nach 12.00 Uhr, beim Bräuwirt in Braunau ist das Mittagessen bestellt. "Ja, was kommans denn ausgrechent zu Mittag", sagt der einzige Diensthabende Zollbeamte und werkelt weiter an seiner Abrechnung. Er wird um 13.00 Uhr abgelöst, und da hat er jetzt keine Zeit für 70 lästige Österreicher. Reimt sich auf Landstreicher. Inzwischen kommt ein deutscher Buslenker ins Zollamt, ja, der wird rasch abgefertigt, obwohl er ein Preuße ist. Nach der Abrechnung wird nachgeschaut, ob auch die Kilometer stimmen, weil bei denen Österreichern weiß man ja nie.

Insgesamt dauert die Abfertigung über 45 Minuten. 70 Kammerangestellte sind Zeugen dafür. Früher brauchte man für den Grenzübertritt In die CSSR oder in die DDR so lange. Wollen nun die Bayern dieses Erbe übernehmen? Es gibt für das Verhalten der Grenzer nur zwei mögliche Erklärungen: Sie haben Weisung erhalten, zu allem, was aus Österreich kommt, so z'wieder zu sein, als Rache für das Nachtfahrverbot. Oder aber: es kommt jetzt, wo der Zwang wegfällt, die Oststaaten durch besondere Freundlichkeit und Raschheit zu blamieren, die bayerische Seele pur zum Vorschein. Wenn sich die noch mit preußischer Genauigkeit paart, dann vermittelt sie einen Schimmer von der Hölle auf Erden.

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