Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Mensch, du bist ein Zwerg

Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Vortrag
Erscheinungsdatum 4. Februar 1988
Kategorisierung Waldsterben; 1988


Umweltschäden Katastrophe: Viele Väter

EINST EIN DICHTER WALD ...: Der Mensch sollte nicht nur in seiner Umwelt leben, sondern mit Ihr zusammen. (Foto: Sven Simon)

Anläßlich einer Tagung der Grün-alternativen ARGE ALP Ende letzten Jahres in Neustift im Stubaital/Tirol hielt der Forstexperte Dipl.-Ing. Hofinger (Leiter der Abteilung Forst- und Jagdwesen der Landeslandwirtschaftskammer Tirol) einen Vortrag über die Ursachen von Umweltschäden. Zwar wurden die Katastrophen durch Murenabgänge hie und da bereits vergessen, doch die Problematik des Waldes als Leidtragender in unserer Natur wird nicht nur jetzt und nicht nur im Gebiet Tirols weiterhin für Schlagzeilen sorgen. Wir wollten unseren Lesern die Meinung Dipl.-Ing. Hofingers nicht vorenthalten:

In den Zeitungen von Hamburg bis Rom war zu lesen, daß die Übererschließung der Alpinregionen mehr oder weniger die einzige Ursache für die Murabgänge des letzten Sommers war. Wir wissen, daß die Muren im Tiroler Stubai- und Ötztal fernab von Skipisten oder Güterwegen abgebrochen sind; daß im italienischen Veltlin ein dicht bewaldeter Hang geborsten ist. Auch interessierte und gutwillige Zeitgenossen haben einem das nur schwer geglaubt und sich gedacht, man singe halt ein Lied seines Brötchengebers oder getraue sich nicht, gegen die mächtige Fremdenverkehrslobby aufzumucken, wo doch die "Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und andere seriöse Blätter genau das Gegenteil geschrieben haben.

Es ist einfacher, einen einzigen Sündenbock mit aller Schuld zu beladen als eine ganze Herde von Ziegen nach dem Maß ihrer Schuld. Unbestritten sollte aber sein, daß in einem komplexen Ökosystem ein monokausales Denken nicht zu richtigen Schlüssen führt. Eine Komplexkrankheit wie die schwere Erkrankung des europäischen Gebirgswaldes, deren Zeugen wir sind, kann nicht e i n e Ursache und daher auch nicht e i n e n Weg zu ihrer Heilung haben.

Willkommenes Alibi Es ist daher bedenklich, wenn etwa Spitzenbeamte wie der für die Forstwirtschaft zuständige Sektionschef Dipl.-Ing. E. Plattner und andere behaupten, die Waldweide wäre der Hauptschädling unseres Waldes, viel ärger als alle Immissionen. Es ist erschreckend, daß zahlreiche Mitarbeiter der forstlichen Bundesversuchsanstalt immer noch ein paar trockene Sommer für alles als Erklärung heranziehen.

Was sagen die Feinde des Güterwegebaues oder der Skiautobahnen, wenn in einem unbeweideten und unerschlossenen Gebiet Murgänge zu verzeichnen sind? Wer nur auf eine einzige Wirkursache schwört, steht nicht nur bar aller Argumente da, wenn dieses eine im konkreten Fall einmal wirklich nicht sticht. Viel schwerwiegender als diese Blamage ist dies: Wer, gar noch als Wissenschaftler oder als Mächtiger, immer nur auf einen Schuldigen verweist, verschafft allen anderen Übeltätern ein willkommenes Alibi.

Konkretes Beispiel: Fast bei jedem Waldsterbensvortrag kommt, auch wenn ich es vorher relativiere, die Sache mit den Flugzeugen. Es gibt nicht wenige Mitbürger, die meinen, die Flugzeugabgase seien die Hauptverursacher des Waldsterbens. Niemand weiß, wie groß der Anteil der Flugzeuge an der Verschlechterung unserer Atmosphäre ist; niemand weiß, was aus Flugzeugabgasen wird.

Und so lange man das alles nicht weiß, ist Vorsicht am Platze und Mißtrauen. Wer aber Flugzeuge als die Hauptverursacher des Waldsterbens bezeichnet, sagt nicht nur leichtfertig Unbewiesenes - er bietet damit auch allen anderen konkreten, irdischen Großverschmutzern unverdienten Deckungsschutz. Genauso unseriös wäre es freilich, die Flugzeuge - unbewiesen - von aller Schuld freizusprechen.

Kranker Boden

Im Komplex Gebirgswald ist der Boden selbst noch einmal eine schwer durchschaubare, schwer definier- und meßbare Größe. Inwieweit dieses Puffersystem schon geschädigt ist, inwieweit es an die Grenzen seiner Pufferfähigkeit belastet ist, weiß auch die Wissenschaft kaum anzugeben. Weil der Boden ein so komplexes Gebilde ist, ist es so schwer, über ihn konkrete Aussagen zu machen und seinen Krankheitsgrad zu definieren.

In meinen Angstträumen geht Tirol nicht zugrunde, weil es ein paar Bäume weniger gibt. (Tirol war schon lange nicht mehr so stark bewaldet wie jetzt. Nach Meinung des Kuratoriums "Rettet den Wald" sind seit 1962 über 23.000 ha Wald zu den rund 500.000 dazugewachsen.) Es gibt viele relativ steile Flächen, die seit Jahrhunderten unbewaldet sind - allerdings hat der Bewirtschafter dieser Flächen diese nicht nur gemäht, sondern sich auch um den geregelten Abfluß des Wassers gekümmert. In meinen Angstträumen, die ich allerdings in vielen Fachartikeln bestätigt finde, kommen die Böden herunter, nachdem sie und ihr kümmerlicher Bewuchs gestorben sind. Sie verlieren mit ihrem Absterben die Fähigkeit, sich an steilen Hängen zu halten.

Ernstes Interesse

Damit dies alles nicht eintritt, muß nicht nur eine Allianz aller Gutwilligen her, muß nicht nur von einseitigen Sichtweisen Abschied genommen werden. Wir müssen uns der Herkulesaufgabe unterziehen, Forschern wie Laien, Politikern wie Wählern eine ganzheitliche Sicht zu vermitteln. Wer weiter auf seinen Marotten verharrt ("die Waldweide ist der Alleinschuldige ... nur die Skipisten, die Flugzeuge, die Trockenheit..."), lädt schwere Schuld auf sich, wenn er die Sicht auf das Ganze bewußt behindert.

Wir haben die einmalige Chance, daß sich so viele Mitbürger wie nie für eine gesunde Umwelt interessieren. Nicht nur Bauern und Fremdenverkehrstreibende, die von ihr leben. Das heiße Interesse, die Betroffenheit von bislang mehr oder weniger "unbetroffenen" Staatsbürgern an Fragen der Bodengesundheit, der Waldgesundheit, muß von allen, die eine einschlägige Funktion bekleiden, ernstgenommen werden.

Zusammenfassend also: Nicht der schlechte Gesundheitszustand des Waldes allein, nicht die Übererschließung durch den Forstwegebau, nicht der Wintertourismus und der Gletscherskilauf, nicht die intensive Landwirtschaft früherer Zeiten inklusive Waldweide, nicht ein Starkregen nach ein paar überdurchschnittlich heißen Tagen, nicht die überhöhten Wildstände - nicht eine dieser Ursachen allein, sondern sie alle zusammen, und bei jedem Ereignis ein paar von ihnen mit jeweils mehr oder weniger Gewicht, sind für Murbrüche verantwortlich zu machen. Nur ganz selten wird ein Verursacher allein so stark sein, daß man alle Mitverursacher vergessen kann. Sie meinen, das sei eine Binsenweisheit, über die man nicht so lange reden müßte? - Dann haben Sie letzten Sommer keine Zeitungen gelesen.

Konkrete Hilfe

Was ist zu tun? - Es ist bei allem anzusetzen:

  • Es muß das Waldsterben (verursacht ohne jeden Zweifel von der europaweiten Luftverschmutzung) mit viel mehr Energie als bisher bekämpft werden.
  • Die in Zukunft noch dringender benötigten Forstwege sind noch sorgfältiger zu planen, auszuführen und zu warten.
  • Der Skipistenbau ist wohl über die von der Natur gegebenen Grenzen schon hinausgegangen. Den Gletscherskilauf halte ich für eine Verirrung.
  • Die Trennung von Wald und Weide wird derzeit mehr behindert als gefördert - es ist viel einfacher, die Waldweide als Schreckgespenst zu vernadern, statt für ihre Ordnung einzutreten.
  • Die Wildzucht, wie sie im Lande gebietsweise immer noch betrieben wird, sprengt den Rahmen des Begreiflichen.

Und dann wird immer noch der Fall eintreten, daß trotz sanierter Wälder und Felder, trotz aller Vorsorge und Einsicht gelegentlich ein Hang herunterkommt, Tod und Schaden mit sich bringend. Damit der Mensch erkennt, daß er nicht alles kann und darf. Daß er ein Zwerg ist, ein Teil der Schöpfung und nicht ihr Herr.


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