Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Landwirtschaftliche Rundschau

Autor Winfried Hofinger
Medium  ? Landwirtschaftliche Rundschau
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 20. November 1966
Kategorisierung Grundsätzliches; Kirchliches; Johannes XXIII; Agrarisches; 1966

Liebe Angehörige und Freunde der Land- und Forstwirtschaft!

In "Mater et magistra" hat Papst Johannes XXIII. zu sozialen Problemen verschiedener Art Stellung genommen. Da die Botschaft des Papstes an alle Stände in aller Welt gerichtet war, konnte er darin natürlich nicht auf Detailfragen eingehen. Dies tat im letzten Jahr eine "Denkschrift des Rates der evangelischen Kirche Deutschlands", die eine "Neuordnung in der Landwirtschaft" zum Inhalt hatte. Vieles von dem, was die protestantische Kirche vor einem Jahr zur Landwirtschaft dos deutschen Raumes zu sagen hatte, gilt auch für uns. Das 2. Vatikanische Konzil lehrt uns, das, was die "getrennten Brüder" an Richtigem sagen, zu beherzigen. Wir wollen ein paar Punkte aus dieser 50 Punkte umfassenden Denkschrift betrachten. Einleitend ist vom Auftrag Gottes, den der Bauer im Wandel der Zeiten zu erfüllen hat, die Rede:

"Durch die Mittel der modernen Technik wird der Mensch in wachsendem Maße Herr über die Mächte der Natur. Dafür gerät er unausweichlich in neue Abhänglichkeiten von Technik und Wirtschaft. Der göttliche Auftrag an den Menschen meint aber, daß der Mensch sich nicht nur die Natur, sondern die Welt überhaupt, welche Formen auch immer sie annehmen mag. Untertan machen soll. Das bezieht sich auf die Bereiche der modernen politischen und wirtschaftlichen Organisation. Diese kann den Menschen zur Sache, zum Teilstück einer Apparatur machen. Der Mensch aber soll diese Welt als eine menschliche Welt gestalten. Das ist ein Auftrag, dem jeder in seiner Weise verpflichtet ist. Die Erfüllung dieses Auftrages ist zu keiner Zeit leicht. Sie verlangt Mühe, Klugheit und Mut. Sie muß immer gegen Widerstände durchgesetzt werden; der größte Widerstand kommt nicht von den Gewalten der Natur, sondern vom Menschen selbst. Das bäuerliche Leben war von Jeher stark geprägt durch seine Einordnung in den Rythmus der Natur. Die Arbeitstreue, die der Bauer auf die Pflege seines Hofes verwandte, wirkte sich in einer langen Kette von Geschlechtern aus. Respekt vor dem Gewachsenen, Bodenständigkeit, Treue in der Pflege des Ererbten gehörten daher nicht ohne Grund zu den Wesensmerkmalen guter bäuerlicher Familien. Aber die Technisierung der Arbeitsvorgänge in der Landwirtschaft und eie Notwendigkeit, sich wirt-schaftlichen Entwicklungen immer wieder rasch anzupassen, zwingen heute den Landwirt nicht nur zu einer äußeren, sondern vor allem zu einer inneren Umstellung. Eine so grundlegende Änderung seiner Lebensgewohnheiten, ja seiner ganzen Wesensart, fällt keinem Menschen leicht. Es ist aber wichtig, daß die Landwirte den unausweichlichen Erfordernissen der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung nicht nur mit innerem Widerstreben nachgeben. Bas Evangelium schenkt die Freiheit, jenen Widerstand zu überwinden, der aus dem Verharren im Gewohnten, aus der Blindheit für das Notwendige, aus der Angst vor der Zukunft, aus dem Unglauben kommt. Wir haben uns als Christen in der Gegenwart, in die uns Gott gestellt, zu bewähren. Christus ist der Herr auch der industriellen Gesellschaft. Wir sind nicht ausgeliefert an gottferne Gewalten. Im Gegenteil: Vor Gott sind die gewaltigen Kräfte der Technik und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart Mittel, die rasch wachsende Menschheit zu erhalten."

Nach diesen einleitenden Worten gehen die Verfasser der Denkschrift sehr ausführlich auf die Probleme der deutschen Landwirtschaft ein. Sie sind in vielem ähnlich denen unseres Landest Die begrenzten Möglichkeiten der Absatzsteigerung, die unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen, Produktivität und Einkommensunterschiede in der Landwirtschaft, das Problem der Überalterung und vieles andere. In echter Sorge um die Gesamtentwicklung werden zum Teil unpopuläre Wahrheiten mutig ausgesprochen. Im dritten Teil werden die Aufgaben der Landwirtschaft beleuchtet. Das folgende Kapitel spricht von der Notwendigkeit klarer Zielvorstellungen, wenn es da heißt: "Die Landwirte selbst und alle, die sie beraten und unterstützen, brauchen eine in die Zukunft weisende Orientierung. Je klarer und verständlicher die Ziele der Agrarpolitik sind und Je offener sie dargelegt werden, deste leichter ist es für den einzelnen Landwirt, in seinen Betrieb die notwendigen Entscheidungen in eigener Verantwortung zu fällen. Insbesondere sollten die Landwirte in aller Offenheit über ihre künftigen Chancen und Risiken im Gemeinsamen Markt unterrichtet werden. Wesentliche agrarpolitische Entscheidtingen werden schon heute von den Organen der EWG. getroffen. Deren Befugnisse werden noch größer sein, wenn der EWG-Vertrag voll wirksam ist.

Landwirte, insbesondere auch Pächter, die große Anstrengungen machen, sich auf den Wettbewerb mit den Agrarwirtschaften anderer Länder einzustellen, können vielfach Investitionen im erforderlichen Ausmaß nicht rasch genug vornehmen. Darum ist hier der Einsatz öffentlicher Zuschüsse, Kredite und Zinsverbilligungen erforderlich. Dies sollte mit einer laufenden betriebswirtschaftlichen Beratung und Prüfung verbunden sein. Investitionen für gemeinsame Einrichtungen im Bereich der Erzeugung und Vermarktung verdienen bevorzugte Förderung.

In vielen Fällen setzen die landwirtschaftlichen Umstellungen den Ausbau der sozialen Sicherung für die bäuerliche Bevölkerung voraus. Er muß darum beschleunigt vorangetrieben werden. Schutz und Sicherheit bei Mutterschaft, Krankheit, Unfall und Tod, bei Invalidität und im Alter sind nicht nur eine wesentliche Voraussetzung für die Freiheit des Wirtschaftens. Sie erleichtern auch den Bauern einen oft unvermeidlichen Berufswechsel. Soziale Gemeinschaftsaktionen können auf dem Dorfe die staatliche Sozialpolitik wirksam ergänzen. Zum Einsatz von Dorfhelferinnen und Betriebshelfern sollte deshalb ermutigt werden. Auf diesem Wege werden auch die Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge und des Urlaubs verbessert. Das Ziel der gesamten ländlichen Sozialpolitik muß es sein, die noch bestehenden Unterschiede in der sozialen Sicherheit von Stadt und Land zu überwinden.

Die vielseitigen Aufgaben eines landwirtschaftlichen Betriebes verlangen nicht nur eine solide Fachausbildung, sondern auch laufende Betriebsberatung. Eine solche Beratung soll kein Abhängigkeitsverhältnis schaffen, sondern in freier und vertrauensvoller Zusammenarbeit ausgeübt und angenommen werden. Die Wirtschaftsberatung wird die Landwirte vor allem in der Betriebsgestaltung, der Betriebsführung und Marktorientierung zu unterstützen haben. Eine unerläßliche Voraus- setzung dafür ist, daß die landwirtschaftliche Buchführung weiter verbreitet wird. Sie sollte mehr als bisher betriebswirtschaftlich ausgerichtet werden, damit sie für Betriebsverbesserungen nutzbar gemacht werden kann. In der heutigen Landwirtschaft gehört die Fähigkeit zur Rechenschaft über das vollzogene wirtschaftliche Handeln unabweisbar zu den Aufgaben jedes Selbständigen. Der Gebrauch des Rechenstiftes steht in keinem Widerspruch zu dem Vertrauen auf den Segen Gottes, der aller menschlichen Berechnung entzogen ist.

Eine Anpassung der Landwirtschaft an die veränderten Verhältnisse erfordert eine neue Einstellung jedes einzelnen zu seinen Beruf. Bas Wort Beruf bedeutet, daß jeder Mensch berufen ist, an seinem Platz Verantwortung für Menschen und Güter zu übernehmen. Biese Verantwortung muß in jeder Lebenslage neu erkannt und übernommen werden. In der bäuerlichen Welt erschien das Erbrecht auf einem Hof zugleich als Berufung zur Weiterführung der väterlichen Wirtschaft. Heute wird der Beruf zu einer Funktion in dem komplizierten Gefüge der Gesellschaft. Das erfordert ein hohes Maß an menschlichen Fälligkeiten. Fleiß, Aufgeschlossenheit, Einsicht, Urteilsfähigkeit sowie die Bereitschaft zum wirtschaftlichen Wagnis und zur Kooperation sind unentbehrliche Qualitäten des modernen Landwirtes. Jeder vorgesehene Betriebsnachfolger sollte sich prüfen, ob er diese Fähigkeiten entwickeln kann. Die Berufswahl der Bauernkinder kann nicht mehr wie in der Vergangenheit allein durch das väterliche Erbe vorbestimmt sein. Der Landwirt wählt einen Beruf, der viel verlangt, der aber dem Fähigen über all, wo die notwendigen wirtschaftlichen Voraussetzungen vorhanden sind, auch in der Zukunft eine befriedigende Lebensaufgabe bietet.

Die Zusammenarbeit zwischen Landwirten erfordert vielfach Regelungen, bei denen die unternehmerische Verantwortung des einzel-nen Landwirtes wesentlich in der Anteilnahme an gemeinsamer Verantwortung besteht. Hier geht es nicht allein darum, die Gedanken Raiffeisens weiterzuentwickeln. Unter den heutigen Bedingungen ist es auch notwendig, neue Formen überbetrieblicher Zusammenarbeit anzustreben. So kann die Tendenz zu größeren landwirtschaftlichen Betriebseinheiten die Bewirtschafter kleinerer Betriebe zur Zusammenarbeit im eigentlichen Erzeugungsbereich führen. Dabei braucht das Eigentum nicht aufgegeben tu werden. Biese Zusammenschlüsse müssen aber auf dem freien Entschluß der Beteiligten beruhen. Sie gleichen darin anderen Unternehmen unserer gewerblichen Wirtschaft, die sich in der Hand einer Mehrzahl von Personen befinden. Hiezu liegen bisher wenig Erfahrungen vor. Weitere Erfahrungen müssen durch neue Ideen und Wagnisse gewonnen werden. Eine gesunde Entwicklung der heutigen Gesellschaft ist nur dann zu erwarten, wenn jeder einzelne seine Aufgaben in sinnvoller Zusammenarbeit mit den anderen zu lösen versucht und dabei immer die übergeordneten Zusammenhänge und die gemeinsamen Interessen aller im Auge behält. Gleichzeitig muß die staatliche und gesellschaftliche Ordnung dem einzelnen um seiner Menschen-würde willen Mitverantwortung und Entscheidungsfreiheit einräumen. Das setzt ein hohes Maß an Bereitschaft und Fähigkeit, aufeinander zu hören, voraus. Jede Selbstgerechtigkeit von einzelnen oder von Gruppen wirkt sich wie eine Krankheit aus. Die Fähigkeit, Einseitigkeiten und Fehler anderer zu ertragen und auszugleichen, ist unentbehrlich, wo sachlich und großzügig zusammengearbeitet werden soll. Die Freiheit, zu der Gott den Menschen beruft, ist die Voraussetzung für ein vernünftiges Zusammenleben. Schließlich behandelt die "Denkschrift des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland" in einem letzten Abschnitt das Leben der Kirche auf dem Lande: Die Freiheit der Menschen in der Welt begründet in der Zusage Christi, daß ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, und daß er bei uns ist alle Tage, bis an der Welt Ende. Biese Zusage gilt nicht nur für Zeiten der Krankheit, des Sterbens oder anderer persönlicher Nöte. Gott will uns in der alltäglichen Lebensführung nach seinem Willen leiten. Darum sagt der Apostel seiner Gemeinde: "Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn Jesus und danket Gott und den Vater durch ihn". Das heißt, daß auch die alltäglichen Überlegungen und Verrichtungen durch Gottes Berufung Richtung, Sinn und Hoffnung erhalten. Dies gilt für die Formen und Ordnungen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens wie auch für die Gestalt des kirchlichen Dienstes. Die Kirche erhebt nicht den Anspruch, Schiedsrichter in Prägen der gesellschaftlichen Ordnung zu sein. Auch führt sie ihren Auftrag nicht mit Mitteln der politischen Macht aus. Sie will nicht durch eigene berufsständische Organisationen beste-hende Verbände spalten. Sie treibt keine eigene Agrarpolitik, Sie versucht aber, im Zuhören, im Reden und im Tun unablässig deutlich zu machen, daß die im Raum der heutigen Gesellschaft zu treffenden Entscheidungen nicht weniger mit dem Zentrum des Glaubens zusammenhängen als die persönlichen Fragen des familiären und dörflichen Zusammenlebens. Darum nimmt sie auch, wo es notwendig ist, zu Fragen des alltäglichen Lebens und der gesellschaftlichen Ordnung Stellung. Sie will den für diese Fragen Verantwortlichen zu gegenseitiger Verständigung und zur Klärung der damit zusammenhängenden Gewissensfragen helfen. Die Glieder der Kirche haben die Pflicht, nach Gaben und Kräften in den Berufsorganisationen und in der kommunalen Selbstverwaltung Mitverantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite sollten sich erfahrene Männer und Frauen aus den verschiedenen Berufsgruppen für die Mitwirkung in den kirchlichen Aufgabenbereichen zur Verfügung stellen. Christen glauben, daß nur Gottes Macht diese Welt zu heilen und zu vollenden vermag. In dieser Gewissheit beten wir, daß Gottes Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Indem Christus uns dieses Gebet in den Mund legt, beruft er uns zugleich zum zuversichtlichen Handeln auf dieser Erde. Durch die Befreiung von Angst, Ichhaftigkeit und Selbstüberschätzung macht er frei zu kraftvollem gemeinsamen Tun. Darum hoffen Christen nicht nur auf eine zukünftige Welt, sondern auch auf den Segen für ihre tägliche Arbeit.


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