Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
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Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Februar 1980
Kategorisierung Osteuropa; Sowjetunion; Sport; 1980

Laßt sie nur spielen

Natürlich soll man die Sowjetunion kräftig dafür rügen, daß sie in das wehrlose Land, weit hinten hinter der Türkei, einmarschiert ist. Man soll ihr auch lange und ausführlich damit drohen, daß man nicht zu den Olympischen Spielen nach Moskau fahren wird - und dann sollen doch alle hinfahren. Warum das? Nach allem, was man in den letzten Monaten gehört hat, nach allem, was Besucher der Generalprobe erzählten und was man aus früheren Besuchen dieser Stadt weiß, kann das Fest für die große Sowjetunion nur ein einziges Debakel werden. Wenn man die Spiele jetzt boykottiert, wenn sie unter Ausschluß des Westens und der arabischen Welt stattfinden, dann steht das arme Veranstalterland schwer geschädigt da und das Mitleid nicht nur der Sportreporter, sondern aller Welt wird ihm gewiß sein.

Was werden die Wettkampfteilnehmer und die Besucher erleben? Sie werden Geschäfte sehen, in die es der einheimischen Bevölkerung verwehrt ist, einzutreten. Nun, das weiß man schon lange, daß es so etwas gibt, aber richtig glauben tut man es erst, wenn man es gesehen hat; wenn man erlebt, wie der Portier eines solchen Hauses einen Russen, der sich,ohne den Schein der privilegierten Klasse zu besitzen, in ein solches Geschäft schmuggeln wollte, hinauswirft Mit Fußtritten und mit Hohn und Spott. Sie werden Gemüsegeschäfte sehen, größer als ein durchschnittlicher Laden bei uns, in denen es eine einzige Gemüsesorte zu kaufen gibt. Sie werden es erleben, wie sie in der Umgebung ihrer Hotels, in der U-Bahn - die wirklich hervorragend funktioniert- von den Erwachsenen um Westwährung und von den Kindern um Kaugummi angeschnorrt werden.

Sie werden die ganze trostlose Stadt nach ein paar Tagen nicht mehr ausstehen können. Wenn sie sich, ohne dafür ein Visum zu bekommen, nach Sagorsk hinausschwindeln, werden sie dort an Werktagen volle Kirchen erleben, mit Pilgern aus dem ganzen weiten Rußland. Und in den Sportarenen? Nicht nur wegen der fremden Sprache und der fremden Schrift wird das olympische Fest kein solches der Völkerverständigung sein. Es wird immer wieder glaubhaft versichert, daß sowjetische Siege allein beklatscht und bewundert würden, daß hingegen Siege von Sportlern aus anderen Ländern, vor allem aus "nichtsozialistischen", nichts zählen. Dazu wird noch der Zorn der arabischen Länder (Kreisky sagte nach seiner Ostfahrt, wir machten uns keine Vorstellung, wie dort der Einmarsch in Afghanistan gewirkt habe) und die Verachtung des Westens kommen. So wird an der eisigen feindlichen Atmosphäre dieser "Spiele" so richtig demonstriert werden, wie verlogen die olympische Idee ist und daß es unmöglich ist, Sport und Politik zu trennen.

Um das alles zu erleben, muß man hinfahren, oder vor dem Fernseher oder über seine Zeitung darüber informiert werden. Das heißt, die Spiele müssen stattfinden - zum Nutzen der freien Welt.


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