Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Herbst 1982
Kategorisierung Politisches; 1982

Kronprinzen und Äpfel

Ein dünnes Scherzwort war es, das der Wiener Bürgermeister, solange er noch Kronprinz war, auf diesbezügliche Anspielungen parat hatte: "Kronprinz" sei für ihn eine Apfelsorte, nicht mehr. Kreisky, wer sonst; zumindest keiner aus seiner Partei. Auch Benya hat sich überreden lassen, weiterzudienen. Kein Landeshauptmann weit und breit, der freiwillig noch in diesem Jahrtausend in Pension gehen wollte. Das geht so weiter, bis zu den Präsidenten der Interessenvertretungen, zu Nationalrat und Landtag, wo auch nur geht, wer nicht mehr gehen kann. Einmal oben, immer oben. Jede Andeutung der Amtsinhaber, sie könnten eines schönen Tages vielleicht doch nicht mehr ewig wollen, wird ängstlich registriert. Er wird uns doch nicht so einfach verlassen, wo er doch erst knappe 70 Jahre alt ist, am Höhepunkt seiner Schaffenskraft, mit seiner Erfahrung.

Schuld an der zunehmenden politischen Vergreisung dürfte vor allem der Stand der persönlichen Sekretäre sein: Die bewegen sich jeden Tag im Dunstkreis der hohen Tiere, sie halten Kritik an ihren Chefs tunlichst von ihnen fern, sie sagen ihnen regelmäßig, wie unersetzlich sie wären und welche Flaschen sich zu den Kronprinzen zählen würden. Sie tun das nicht, wie sie behaupten, dem Wohle des Vaterlandes zuliebe, sondern ihres eigenen Vorteiles willen. Sie wissen sehr genau, daß mit neuen Chefs auch neue persönliche Sekretäre Einzug in die obersten Etagen halten. Zu oft haben sie jeden der Kronprinzen im Vorzimmer abgewimmelt oder dumm sterben lassen, als daß sie sich erhoffen könnten, bei einem Wechsel an der Spitze mit übernommen zu werden.

Daher muß jeder Wechsel vermieden werden, zumindest so lange, bis man selbst einen standesgemäßen Absprung geschafft hat. Und der nächste Persönliche sagt dem großen Meister wiederum, daß nur er und kein anderer in diesen schweren Zeiten ...

Ist die Vergreisung in den politischen Spitzen also nicht aufzuhalten? Muß es als selbstverständlich, als unabänderlich hingenommen werden, daß, quasi nach dem Muster der Sowjetunion, kaum ein Spitzenmann unter 50, die meisten aber über 70 sind? Ein Ausweg, der Parkinsons volle Zustimmung finden würde, so man ihn nur darum fragte, wäre der, daß man in Hinkunft nicht mehr die Spitzenleute, sondern die Kronprinzen danach fragt, ob sie mit der Verewigung des derzeitigen Zustandes einverstanden sind.

Also nicht: "Herr Bundes ..., Herr Landes .... wie lange wollen Sie Ihren Untertanen noch die Ehre Ihrer Amtsführung schenken?" Sondern: "Herr Minister..., Herr Abgeordneter ..., stimmt es, daß Sie auch noch zehn, fünfzehn Jahre Zweiter ..., Dritter..., Fünfter bleiben wollen? Obwohl Sie dann schon zu alt sind, um Erster zu werden?" Sagt der Kronprinz: "Einverstanden, der Chef ist unrsetzlich!", dann scheidet er als Kronprinz (und in seiner derzeitigen Funktion demnächst) aus. Sagt er, sinngemäß: "Der Alte sollte schon längst gehen; er ist dem schweren Amt schon lange weder geistig noch körperlich gewachsen. Ich fühle mich sehr geeignet, ihn zu beerben", bekommt er einen Pluspunkt.

Nach zehn solchen mannhaften Äußerungen geht er zurück zum Start und er beginnt als Chef. Der Alte scheidet mit Dank und mit hoher Pension aus. Die bisherigen persönlichen Sekretäre werden abgelöst und auf gute Posten abgeschoben. Wer weiß, wie anstrengend ihr Dasein ist, wird ihnen das nicht mißgönnen.


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