Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Kraftwerk und/oder Nationalpark

Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1987
Kategorisierung Nationalpark; Wasserkraft;1987

Worum es in Osttirol wirklich geht. Kraftwerk und/oder Nationalpark. "Ös redet über unser Land wie über a Kuh, die zu verkafen isch!"

Seit über 70 Jahren gibt es Bestrebungen, in Osttirol einen Nationalpark einzurichten. Der heute mehrere tausend Hektar umfassende Grundbesitz des Alpenvereines geht auf diese Bestrebungen zurück: Leute (mit Geld) kauften vom Staat (ohne Geld) Gletscher und Ödland - und sie schenkten diese Flächen mit der Zweckbestimmung "Nationalpark" weiter.

Nicht viel weniger alt ist der Wunsch der E-Wirtschaft, die zahlreichen Bäche des Alpenhauptkammes zu nutzen. Es ist bekannt, daß es sogar ein fertiges Projekt zur Nutzung der Krimmler Wasserfälle gab. Die Kraftwerksgruppe Kaprun liegt ebenfalls in den Hohen Tauern (Tauern sind Übergänge, Stellen, an denen die "Übergiener" ein "Tor" fanden, die hohen Berge zu überwinden). Die Kärntner haben einen guten Teil der Bäche in ihrem Nationalparkanteil schon abgeleitet.

In Osttirol, also im Bezirk Lienz, gibt es im Tauernbereich derzeit nur geringfügige Überleitungen (etwa des Landeckbaches aus der Gemeinde Matrei in ein ÖBB-Kraftwerk im Pinzgau), und nur wenige kleine örtliche Kraftwerke.

Die wahrhaft einmalig schöne Landschaft um Venediger und Großglockner bezieht einen Teil ihrer Schönheit aus den im Sommer wild strömenden Bächen. Ein Gletscherbach hat die Eigenheit, im Sommer bis zu fünfzigmal mehr Wasser zu führen als im Winter. Im Sommer ist der Strom fast "wertlos". Das Wasser, in einem Speicher gesammelt, wäre im Winter in der Spitzenstromerzeugung nutzbar.

Was nach dem Kraftwerksbau aus Osttirol im Winter statt derzeit im Sommer abfließen würde, hätte nebenbei auch für die Kärntner Draukraftwerke - wo im Sommer das Wasser über die Wehre rinnt und im Winter Wassermangel herrscht — ein Mehraufkommen im Wert von rund 300 Millionen Schilling zur Folge. Ohne einen Schilling an Investitionskosten. Gesammelt werden soll das Wasser im Kaiser Dorfertal.In diesem riesigen Trogtal, das bei seinem Südausgang von einer engen Schlucht mit äußerst labilen geologischen Verhältnissen abgeschlossen wird, befinden sich ein paar Dutzend Almen. Wo Peter Anich in seiner über 200 Jahre alten Karte ein "Großes Steingeräffl" eingetragen hat, sind viele Hektare große Alpenrosenfelder.

Das Wasser für die Füllung des Stausees Dorfertal käme aus zwei Dutzend Bächen, die bis zu 30 Kilometer hergeleitet werden müßten. Die Staumauerfrage ist noch nicht gelöst: Im Einreichprojekt vom Juni 1986 steht geschrieben, daß man sich noch immer nicht zwischen Damm oder Mauer entschieden hat.

Zwischen den Naturschützern und dem Alpenverein einerseits und den Kraftwerksbetrieben (der OKG, der Osttiroler Kraftwerksgesellschaft) andererseits tobt derzeit ein Streit über den Kraftwerksbau, in dem die einheimische Bevölkerung fast nicht gehört wird. "Ös redet über unser Land wie über a Kuh, die zu verkafen isch", sagte Ende März eine Mattiger Bergbäuerin auf einer Enquete in Innsbruck. Die Kraftwerksgegner sagen:

  • Wird die Südseite der Tauern im geplanten Ausmaß entwässert, dann wäre dieses Gebiet nicht mehr als Nationalpark ansprechbar. Es wäre für immer zerstört.
  • Das Kraftwerk wird nicht gebraucht. Spitzenstrom hat seinen Tauschwert in den letzten Jahren drastisch eingebüßt (von 1:4 - Spitzenstrom gegen Bandstrom - auf unter 1:2 derzeit, wenn man überhaupt ein Angebot erhält).
  • Ein so schwerer Eingriff sei aber - wenn überhaupt - nur mit wirtschaftlichen Zwängen und Notlagen zu rechtfertigen.

Die Kraftwerksbefürworter sagen:

  • Sie nützten nur einen Teil des Gesamtangebotes. Unter dem Projekt '86 sei die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben.
  • Der Ausfall von Zwentendorf und die Verzögerungen an der Donau führten im Winter zu einem starken Stromdefizit (welches die E-Werke allerdings durch hemmungslose und noch immer andauernde Werbung für Elektroheizungen selbst mitverschuldet haben!). Der Strom würde also sehr wohl gebraucht.

Der Naturschutzbeirat beim Amt der Tiroler Landeregierung hat, nach Bekanntwerden des Projektes '86 gesagt, daß er dieses in der vorgelegten Form ablehne, weil es gegenüber 74/3 sechs weitere Bäche und weitere Täler einbeziehe. Diese Stellungnahme bringt den Beirat doppelt unter Beschuß:

  • Von "Naturnahen" wird ihm vorgeworfen, daß er durch seine prinzipielle Nichtablehnung das Dorfertal auf alle Fälle und eine derzeit noch unbestimmte Anzahl von Bächen ebenfalls verraten habe.
  • Die Kraftwerker sehen im "ja -aber" des Beirates nur eine Hinhaltetaktik: Das prinzipielle "ja" des Beirates nütze ihnen nichts, wenn die "aber" die Wirtschaftlichkeit in Frage stellten.

Darauf wäre zu sagen: Aus wirtschaftlichen Überlegungen - die allerdings für einen Naturschutzbeirat nicht gerade ganz oben stehen werden - dürfte das Kraftwerk ohnedies nicht gebaut werden. Der Generaldirektor des Verbundkonzerns Frehmut hat öffentlich einbekannt, daß der Stromverbrauch viel langsamer steigt als angenommen. Dieser Tage hat ein Verantwortlicher der Tauernkraftwerke in Kals am Großglockner angefragt, ob man nicht die Baumaschinen aus dem Zillergründl gleich in Kals lagern könne, womit man sich ein Zwischenlager ersparen würde. Darum geht es auch: Um die Beschäftigung der Bauarbeiter und der Großmaschinen. Und um die Ausgabe der bei den EVUs (Elektrizitäts-Versorgungsunternehmen) gesammelten Milliarden. Die sollen, wenn der nächste Strompreisantrag kommt, nicht allzu zahlreich auf der hohen Kante liegen.

Und die Bevölkerung der betroffenen Regionen? Die rührt sich, spät, aber energisch. Die Kaiser haben dieser Tage nach Innsbruck telegraphiert: "Das Dorfertal kann, wenn überhaupt, nur mit dem Einverständnis der betroffenen Kalser Bevölkerung und nicht mit dem überheblichen Selbstverständnis der neuen Politik im Innsbrucker Landhaus verbaut werden!"

Harte Worte in einem Streit, in dem es nur einen Sieger und viele Verlierer (oder umgekehrt?) geben wird. Möchten Sie, verehrte Leser, in dieser Situation an entscheidender Stelle handeln müssen?


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