Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Kirchenbau in Zeiten der Inflation

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Chronist
Texttyp Satire
Erscheinungsdatum Juni/Juli 2008
Kategorisierung Kirchliches; Frauen in der Kirche; Mutters; 2008
Die Herz-Jesu-Kirche in Kreith - eine Frau überwindet alle Schwierigkeiten

Den ganzen Sommer 2008 über wird an der Kirche in Kreith, seit 1973 Gemeinde Mutters, gearbeitet. Sie ist, mit ihren 80 Jahren, ins Alter der ersten größeren Reparaturen gekommen. Das Dach, dem auch zwei mächtige Bäume sehr zugesetzt haben, ist zu erneuern. Kreith war, als die ersten Pläne für einen Kirchenbau vor dem 1. Weltkrieg gewälzt wurden, mit unter 100 Einwohnern die zweitkleinste Gemeinde Tirols (nach Kaisers? - Namlos war damals noch eine Fraktion von Berwang). In wirtschaftlich so schwierigen Zeiten einen Kirchenbau zu beginnen, nur weil die alte Kapelle etwas zu klein geworden war - da braucht es eine sehr starke Persönlichkeit: Sie fand sich in der "eingeheirateten" Lehrerin Maria Huter geb. Ratschiller. Wie bestimmend sie war, das wird beispielsweise aus einem Brief ersichtlich, den sie dem Maler Ernst Nepo betreffend die von ihm zu malenden Fresken am 6. Juli 1927 zur Gegenzeichnung schickte: "... Das Gemälde ist dem Charakter des Volkes u. der Kirche anzupassen u. es wird nur eine Malerei angenommen, welche religiös erhebend wirkt. Ebenso ist auf das vorhandene Altarbild der Größe nach Rücksicht zu nehmen ...Vor Beginn der Freskomalerei haben Sie uns die von Ihnen hergestellten Kartons zur Begutachtung durch die Kommission vorzulegen. Eventuelle, gewünschte Korrekturen haben Sie bei der Herstellung des Gemäldes vollauf zu berücksichtigen ..." Für das Bild "Christi Geburt u. hlg. drei Könige" waren 3.000 S als Honorar vorgesehen, damals ein Jahresgehalt eines höheren Beamten, zahlbar in drei gleichen Raten. "Sollte Maria Verkündigung zur Ausführung bestimmt werden, haben Sie einen Preisnachlass zu gewähren ...". Tatsächlich wurde dann die "Verkündigung" gemalt. Bezahlt wurden schließlich 5.550 Schilling.

Eine starke Frau

Diesen Brief zeigte dem Chronisten eine Enkelin der Frau Huter. Sehr viele Dokumente zu diesem Kirchenbau befinden sich im Pfarrarchiv: Die Baupläne von Dipl. lng. Max Thaler, die Sammellisten, genaue Abrechungen, und ein paar hundert Rechnungen. Wie schwierig das alles in den Zeiten der rasenden Inflation gewesen sein muss! Das weit-um gesammelte Geld war innerhalb von ein paar Wochen nichts mehr wert, bis dann 1925 vier Nullen gestrichen wurden, und aus 10.000 Kronen 1 Schilling wurde. Zuerst erhielten Thaler und andere Millionenbeträge in Kronen, und dann Hunderter in Schilling. Als Nepo seine Malerei 1927 begann, da gab es nur mehr den sehr harten Schilling. Wer Ernst Nepo war, das steht in jeder Kunstgeschichte Tirols des 20. Jahrhunderts. Aber Max Thaler? Außer dass er von 1891 bis 1969 gelebt hat, wusste man fast nichts von ihm (in allen Büchern und Katalogen wird sein Todesjahr fälschlich mit 1965 angegeben). Die Spur zu ihm führte über ein Adressbuch 1963 von Innsbruck - und unter derselben Adresse in Innsbruck Hötting steht im Telefonbuch heute auch ein Thaler. Er gab gerne über seinen Großvater Max Auskunft, aber noch viel mehr wüsste sein Vater Fritz, geboren 1921. Nichts wie hin zu ihm, und nun gab es Pläne. Bilder und Fotos zuhauf, die der freundliche alte Herr gerne verlieh.

Zeugen erinnern sich

Seit gut einem Jahr darf der Chronist von Mutters ein ebenerdiges Fenster der örtlichen Raiffeisenkasse kostenlos als Ausstellungsfläche benützen. Aus den reichen Schätzen, die ich von meinem Vorgänger Albert Kohle übernommen habe, und aus dem. was sich im Pfarrarchiv und im Gemeindearchiv befindet, kann ich da ausstellen, was ich will. Zur Kreithiger Kirche sind bereits mehrere Bögen zu sehen gewesen, und weitere sollen folgen. Es ist geplant, gemeinsam mit dem Bildungswerk und dem Ausschuss für die Renovierung der Kirche, das alles den interessierten Bürgern vorzulegen. Dabei sollen auch die letzten Zeugen zu Wort kommen. Es gibt noch ein paar Mitbürger, die sich an die Kirchweihfeier erinnern. Der siebenjährige Fritz Thaler saß beim Festessen dem Bischof Sigismund Waitz gegenüber, erinnert er sich. Schon 1924, als der Neubau auf einem von Frau Huter gespendeten Grundstück an der Grenze der beiden Gemeinden Kreith und Mutters erbaut wurde, standen dort ein paar Fichten, die man damals einfach aufgeastet hat. Nun waren die Bäume so groß, dass sie die Kirche verdeckten und beschädigten: Die Dachrinnen waren ständig voller Tschurtschen und Nadeln; der Boden in der Sakristei wurde von den Wurzeln aufgebrochen. Gegen anfängliche Widerstände wurden die beiden großen Bäume nun im April gefällt, und es sollen, etwas weiter entfernt, zwei Zirben gepflanzt werden. Dass Zirben dort gut gedeihen, sieht man beim Haus der Frau Huter, das jetzt ihrer Enkelin gehört. Ernst Nepo hat, während er die Kirche ausmalte und den Einbau der von ihm entworfenen Glasfenster betreute, in diesem Haus gewohnt. Dafür brachte er dort Fresken an - den Hausherrn Michael Huter sieht man als hl. Josef an der Ostseite der Kirche. Seit die beiden Fichten weg sind, hat man einen ungestörten Blick auf die Kirche. Der schöne Blick von der Autobahn oder von Patsch herüber wurde leider durch zwei Neubauten verdorben.




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