Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche
Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Sommer 1983
Kategorisierung Landwirtschaft; Hunger; Wohlstand; 1983

Katastrophenernte

Wenn der Schein nicht trügt, fahren Österreichs Bauern in den nächsten Wochen und Monaten wieder, wie schon im Vorjahr, eine Rekordernte, eine ,,katastrophal gute" Ernte ein. 1982 sprachen die Obstbauern von einem "Tannhäuser"-Jahr, in dem jeder dürre Ast erblühte. Die Getreidebauern müssen schon seit einiger Zeit so etwas wie einen Krisengroschen zahlen: Mit einem Abschlag pro angeliefertes Kilogramm Weizen finanzieren sie den Export.

Es gab 1982 erstmals seit Jahrzehnten auf den Almen keine Schneefälle, der Almsommer war so lange wie schon viele Jahre nicht mehr. Herunten wechselten "Regen und milder Sonnenschein" - wie es in einem alten Wettersegen heißt - in so erwünschter Folge, daß die Heustöcke mit Futter bester Qualität prall gefüllt wurden. Am ärgsten traf es fast die Weinbauern, die zu allen Problemen mit der Masse einen Preisverfall erlebten - wenn sie jetzt den Wein um S 3.- je Liter überhaupt losbringen, müssen sie schon fast froh sein; derzeit ist jedes Schaff, jedes Faß noch mit der Ernte des Vorjahres angefüllt.

Zunächst ärgert die Erzeuger von nicht preisgeregelten Produkten, daß sich der Preisverfall, den sie hinnehmen mußten, so gar nicht bis in die Lebensmittelgeschäfte herumgesprochen hat. Von ein paar Aktionen abgesehen, wurde kaum etwas billiger. Der Wein - um ein extremes Beispiel zu nennen - kostet in einem Durchschnittslokal dreißig- bis vierzigmal mehr, als der Bauer dafür bekommt. Fraglich ist, ob bei gesenkten Preisen der Konsum merklich steigen würde: Herr und Frau Österreicher sparen beim Essen kaum, auch nicht beim Trinken ...

Und nun "droht" heuer, wenn das Wetter so bleibt, wieder eine Rekordernte: Die Saaten stehen in einer Pracht, wie sie eigentlich jedes Auge erfreuen sollten. Und daher ertönen auch schon die ersten Hilferufe: Wir werden mit der Ernte 1983 ähnliche Qualitäten und Mengen einfahren wie 1982, also viel zu viele. Wir wissen nicht wohin damit!

Zur selben Zeit ein Brief aus Obervolta: Dort hat es, im Norden des Landes vor allem, so wenig geregnet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Derzeit dürsten die Leute dort, später kommt dann der Hunger. Eine Mahlzeit am Tag muß genügen.

Jedermann weiß, daß man Wasser nicht herschenken kann. Der Gedanke daran, was in den vielen trockenen Zonen der Erde alleine mit dem Wasser, das wir für die Spülung von WC benutzen, getan werden könnte, ist trotzdem beklemmend. Jedermann weiß, daß die Ernährung ganzer Landstriche auf die Dauer nicht durch Lebensmittelspenden gesichert werden kann. Trotzdem ist die Vorstellung, daß bei uns über zu hohe Ernten geklagt wird und daß wir nicht wissen wohin damit, während andere Menschen zu Millionen (ver-)hungern, ärgerlich und beschämend.

Es ist das sicher eine der Fragen, an denen die moralische Qualifikation unserer Welt gemessen werden kann - vor allem von den Jungen. Die kümmern sich aber, hat es den Anschein, auch eher darum, ob jene Raketen und Atomsprengköpfe, die unsere Welt mehrfach vernichten können, hier oder dort gelagert werden. Ob zugleich die Bewohner ganzer Landstriche verhungern, scheint auch den Jungen viel zuwenig ein Problem zu sein. Vielleicht, weil sie sich gar nicht vorstellen können, was Hunger bedeutet? Weil sie noch nie in ihrem Leben hungrig gewesen sind?


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen