Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Kammerstaat Österreich: Landwirtschaftskammer

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Jungbürgerbuch
Texttyp Buchbeitrag
Erscheinungsdatum  ?2002
Kategorisierung Landwirtschaftskammer; Agrargeschichte; 2002

Es ist schwer, als erwachsener Österreicher nicht einer Kammer anzugehören. Wer einen Bauernhof bewirtschaftet, ist bei der Landwirtschaftskammer; ist jemand Waldarbeiter oder bei einem Bauern angestellt, dann ist er Mitglied der Landarbeiterkammer. Selbständige sind bei der Wirtschaftskammer - es sei denn, sie sind Ärzte, Notare, Rechtsanwälte, Tierärzte, Patentanwälte, Bauingenieure, Architekten, Apotheker, Wirtschaftstreuhänder; dann haben sie alle ihre eigene Kammer als Interessenvertretung. Die Studenten sind bei der Österreichischen Hochschülerschaft; sie haben 1991 über die "Zwangsmitgliedschaft" abgestimmt und sich zur allgemeinen Überraschung mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, daß es so bleiben soll: daß alle, die an einer österreichischen Universität studieren, ÖH-Mitglieder sind. Alle nichtbeamteten Arbeitnehmer, also auch die Eisenbahner, sind Mitglieder der Kammer für Arbeiter und Angestellte.

Besser eine Kammer als eine unkontrollierte Lobby

Kein anderes Land hat eine vergleichbare Kammerdichte. Wer vertritt dann in anderen Ländern die Interessen von Arbeitern und Bauern, Studenten und Lehrlingen? Vereine, die, wie unser Gewerkschaftsbund, genauso groß und mächtig sein können. Bei diesen freien Berufsvereinigungen gibt es dann auch jede Menge "Trittbrettfahrer" - Leute, die sich die Mitgliedschaft ersparen und die, ohne Beitragszahler zu sein, die von den "Organisierten" erkämpften Verbesserungen genießen. Die Tatsache, daß Abgeordnete in Bund und Land nicht nur ihrem Gewissen und ihren Wählern verpflichtet sind, sondern auch ihrer Kammer, ihrem Gewerkschaftsbund, ihrer politischen Partei, wird von den Verfechtern der reinen Lehre unseres parlamentarischen Systems beklagt. Die Kämmerer dagegen sagen: Besser eine mit Gesetz eingerichtete Kammer als eine unkontrollierte "Lobby".

Im 19. Jahrhundert ließen die Bauern noch andere für sich denken: "Großgrundbesitzer", soweit es die in Tirol je gab, und Menschenfreunde aus anderen Berufen waren ihre Sprecher. Ab 1882 gab es den Landeskulturrat, eine Art Vorläufer der Landwirtschaftskammern. Dessen Präsidenten wurden bis 1914 vom Kaiser in Wien ernannt. In der Zeit des Ständestaates, von 1934 bis 1938, wurde aus dem Landeskulturrat eine richtige Kammer. Eine Tiroler Besonderheit, die sich bis in unsere Tage erhalten hat, ist die gemeinsame Kammer für Bauern und ihre "Dienstboten": Bauernkammer und Landarbeiterkammer zusammen bilden die Landeslandwirtschaftskammer.

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