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Joseph Maria Pernter - katholischer Christ und Naturwissenschafter

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2009
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender; Historisches; Familiengeschichte; 2009


Zum 160. Geburtstag und 100. Todestag

Er wurde im Revolutionsjahr 1848 in Neumarkt in Südtirol geboren; gestorben ist er in Arcco, also etwas weiter südlich, erst 60 Jahre alt, im Jahre 1908, also vor gerade 100 Jahren: der bedeutende Tiroler Naturwissenschafter Joseph Maria Pernter. Sein Lebenslauf ist ein Spiegelbild der politisch und weltanschaulich turbulenten Zeiten, in denen er gelebt hat. Eine nach ihm benannte Perntergasse gibt es im 19. Wiener Bezirk, in der Nähe der "Hohen Warthe", der von ihm zehn Jahre lang geführten Meteorologischen Zentralanstalt. Wenn man bedenkt, nach wem aller, etwa in Innsbruck, Straßen benannt sind ... Am 1. Februar 1909 hielt der Innsbrucker Historiker Josef Hirn vor der Leogesellschaft in Wien, die Pernter mitbegründet hatte, einen bewegenden Nachruf auf seinen am 20. Dezember 1908 verstorbenen Freund Joseph M. Pernter. Beiden war gemeinsam, dass ihre Berufung auf einen Lehrstuhl der Universität - weiI sie praktizierende Katholiken waren - von den Freisinnigen jeweils als ein Angriff auf die "voraussetzungslose" Wissenschaft empfunden wurde. Ein Katholik, so sagten ihre Gegner, müsste ja vor jeder neuen Erkenntnis, jeder neuen Einsicht zuerst im Vatikan nachfragen, ob das, was er gefunden hat, auch mit all den kirchlichen Dogmen übereinstimme. Ein anderer Tiroler Wissenschafter, der Priester Aemilian Schöpfer, der Begründer der Tiroler Bauernzeitung (1902) und dann auch Mitbegründer des Tiroler Bauernbundes (1904), lieferte im letzten Jahrzehnt des "finsteren" 19. Jahrhunderts einen schönen Beleg dafür, wie es mit der kirchlichen Disziplin(ierung) in der Praxis auch aussehen konnte: Im selben Monat des Jahres 1893, in dem ein sehr strenges, im Grunde die wörtliche Auslegung der Bibel forderndes Rundschreiben Papst Leo des XIII. verkündet worden war, erschien Schöpfers 550 Seiten starke "Geschichte des Alten Testaments mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft". Und der gerade einmal 37 Jahre alte Brixener Alttestamentler stellt 1895 in der zweiten Auflage dieses seines Buches in bewusster Anspielung auf das päpstliche Rundschreiben unter anderem unbekümmert fest, es wäre "... ein sehr gewagtes, die Ehre des göttlichen Wortes mitunter schädigendes Unterfangen, wenn man mit Berufung auf Bibelworte über Gegenstände der Naturwissenschaften Thesen aufstellt". Schöpfer wurde daraufhin nicht etwa abberufen, nicht verboten - sein Buch erlebte bis 1923 sechs Auflagen!

Katholik und Gelehrter

Josef Hirn war Historiker, und er wurde vom Freisinn ziemlich rau behandelt. (Seine Arbeiten zum Jahr 1809 werden in den kommenden Jahren wieder öfters zitiert werden; das Buch "Tirols Erhebung im Jahre 1809" wurde 1984 neu gedruckt.) Es sind die Geschichtswissenschaft und ihre Ergebnisse natürlich mehr als die der Naturwissenschaften von den persönlichen Ansichten eines Gelehrten geprägt. Ein unkritisch getreues Kind der Kirche, wie der ebenfalls in Innsbruck lehrende Ludwig Pastor, schreibt eine andere Papstgeschichte als ein erklärter Kirchenfeind - was Pastor sehr deutlich in Innsbruck vom Historiker Julius von Ficker und von anderen Gelehrten weitum vorgeworfen wurde. Pernter bestritt in vielen Schriften und Zeitungsartikeln, dass sein (starker persönlicher) Christenglaube in irgendeiner Weise mit den Ergebnissen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen in Widerspruch geraten könnte. Um 1890 schrieb er darüber in mehreren Artikeln in Zeitschriften und Zeitungen in Innsbruck. Im Jahre 1902 - da war er schon "Director der Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus" und "Ordentlicher Professor für Physik der Erde" in Wien - erschien eine nur 32 Seiten dünne Broschüre "Voraussetzungslose Forschung. Freie Wissenschaft und Katholicismus". Er stellt da die Gegenfrage, ob jemand, der - wie damals allgemein üblich - die Eignung eines Katholiken für die Einnahme eines wissenschaftlichen Lehrstuhl rundweg bestreitet, nicht selbst, wenn er so etwas behauptet, soeben den Beweis dafür erbringt, dass er im höchsten Maß befangen und geprägt von Vorurteilen und Voraussetzungen ist. Dann stellt er erneut, wie schon 1891 in den "Neuen Tiroler Stimmen", fest, dass es zwischen bewiesenen Erkenntnissen der Naturwissenschaften und den katholischen Dogmen keinen Widerspruch geben könne. Den Darwinismus halte er persönlich übrigens für ein sehr wahrscheinliches und ernsthaftes Wissenschaftsgebäude. In derselben Schrift beklagt er sehr heftig, dass es in der katholischen Theologie nur eine einzige geduldete Philosophie gäbe, den Thomismus, benannt nach Thomas von Aquin, der ohne Zweifel einer der bedeutendsten Gelehrten war, den das Abendland hervorgebracht hat. Pernters diesbezügliche Kritik war ganz besonders erfolglos: Noch 50, 60 Jahre später wurde in Rom auf päpstlichen Universitäten jede Diskussion mit "Thomas dicit" (also in etwa: Thomas von Aquin sagt es so und so) für beendet erklärt.

Nicht einigeln, die Welt erobern

Schließlich spricht sich Pernter in der genannten Schrift noch kurz, aber energisch gegen die Errichtung einer katholischen Universität in Salzburg aus: Die katholischen Gelehrten an einem Ort zusammenzufassen - wenn sie denn überhaupt hingingen - wäre der falsche Weg. Dass man überhaupt solche Pläne schmiede, sei darauf zurückzuführen, dass man auf den Universitäten alles, was katholisch ist, so sehr unterdrückt. - Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in ganz Österreich für die Errichtung einer katholischen Universität in Salzburg gesammelt. Dieses Geld wurde, so weit es nicht durch zwei Inflationen vernichtet worden war, unter anderem zur Finanzierung der sehr hochstehenden Salzburger Hochschulwochen verwendet. Noch in den Sechzigerjahren erhielten Studenten und Kleinverdiener (wie ich) aus diesem Topf Freiplätze für diese Hochschulwochen. Aus dem oben Gesagten kann nicht der Schluss gezogen werden, dass die katholische Kirche im 19. Jahrhundert und auch im 20. ein Hort der Meinungsfreiheit gewesen wäre. Wer nicht so souverän war wie Pernter und trotzdem auch nur leicht abweichende Meinungen vertrat, der konnte den harten Bannstrahl der kirchlichen Behörden bis zur Existenzvernichtung verspüren. Daher hielten die meisten den Mund. Oder sie machten es wie der Biologielehrer um 1920 im Salzburger Borromäum: Er erzählte den Burschen fünf, sechs Stunden lang ausführlich, was Charles Darwin alles gelehrt hatte, um dann treuherzig zu sagen, dass das alles natürlich ganz falsch sei, wie wir aus der Bibel-Enzyklika aus 1893 wissen: Die Schöpfung erfolgte in sechs Tagen und nicht in Jahrmillionen. Pernters Enkelinnen, so erzählten sie, wurden noch in den Dreißigerjahren in der Schule mit der "Wissenschaftlichkeit" der biblischen Schöpfungsgeschichte gequält.

Ein breiter Weg in der Ausbildung

Joseph M. Pernter besuchte, so wie die meisten seiner Brüder, die Gymnasien der Franziskaner und Benediktiner in Bozen und Meran. Noch vor der Matura trat er in den Jesuitenorden ein. Nach dem Noviziat in St. Andrä in Kärnten wurde er bald einmal Lehrer in verschiedenen Schulen seines Ordens - unter anderem auch in Kalocsa in Südungarn, was zur Folge hatte, dass er zeitlebens fließend Ungarisch sprach. Daneben sprach er recht gut Englisch, Italienisch und Französisch, sodass er später Fachkongresse vielsprachig (und, so Josef Hirn, darob viel bewundert) leiten konnte. Nach neun Jahren trat er aus Gründen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind, noch vor der Priesterweihe aus dem Jesuitenorden aus. Um weiterstudieren zu können, musste er zunächst einmal die Matura nachholen. Ein Zeuge dieser "Prüfung" erzählte Josef Hirn viele Jahre später, der Prüfling habe dabei eher die Prüfer belehrt. In den 1880er-Jahren studierte Pernter in Wien Physik, Mathematik und Meteorologie (also Klimakunde) und er war schon damals auf der "Hohen Warthe" tätig. 1890 wurde er außerordentlicher, 1893 ordentlicher Professor für kosmische Physik in Innsbruck. Nach sieben Jahren in Innsbruck, wo er zahlreiche wissenschaftliche Werke verfasst und eine meteorologische Station aufgebaut hatte, folgte er einem Ruf nach Wien.

Wissenschaft und Volksbildung

In Innsbruck wie in Wien hat sich Pernter nicht nur in Kreisen der Wissenschaft bewegt. Er hielt zahlreiche Vorträge für die einfachen Leute, über "Die blaue Farbe des Himmels"; oder: "Was wir von den Sternen wissen"; oder über den Föhn in und um Innsbruck. Zum Innsbrucker Föhn: Heinrich von Ficker, einer von vier Söhnen des oben genannten Historikers Ficker, war Meteorologe. Er beginnt 1905 sein Buch "Innsbrucker Föhnstudien" so: "Pernter hat bereits in seinen Arbeiten über den Innsbrucker Föhn darauf hingewiesen ..." Ein dankbarer Schüler also (wenn das erste Wort im Buch des Schülers der Name des Lehrers ist) über alle weltanschaulichen Gräben hinweg! In der meteorologischen Zeitschrift charakterisiert Heinrich von Ficker 1931 - also mit einem Abstand von 26 Jahren - seinen Lehrer so: "Wer Pernter kennen lernte, ohne zu wissen, wer er sei, konnte wohl nie erraten, daß dieser lebhafte, kampfesfrohe Südtiroler ein der Wissenschaft verhafteter Mann sei ... Für einen Staatsmann, für einen streitbaren Kardinal hätte der Kopf dieses Mannes und ehemaligen Jesuitenzöglings besser gepaßt als für den Direktor einer wissenschaftlichen Anstalt, und wer eine Lebensgeschichte dieses außerordentlichen Mannes zu schreiben hätte, würde auch zu dem Schluß kommen müssen, daß ihn die politischen und religiösen Streitfragen mindestens im gleichen Grade beschäftigt haben wie die Probleme der Wissenschaft." Kaiser Franz Josef ernennt Pernter 1890 zum außerordentlichen Professor in Innsbruck. Pernter war durch seine angewandte Wissenschaft vielfach mit der Praxis verbunden. In einem Artikel zu seinem 100. Geburtstag 1948 im "Schlern" steht da etwa zu lesen: "Ein großes Verdienst hat sich Pernter auch durch die rückhaltslose Prüfung des Wetterschießens erworben, von dessen Wirksamkeit die landwirtschaftlichen Kreise Österreichs und Italiens damals fast völlig überzeugt waren. Die wissenschaftliche Erforschung aller einschlägigen Fragen, die Pernter an der Wiener Zentralanstalt anregte und durchführten ließ, führte dann zur Internationalen Experten-Konferenz 1902 in Graz, die als Ergebnis in der Tat das Ende des Unfugs des Wetterschießens bedeutete." Nicht ganz: Noch lange nach 1948 wurde, auch und gerade in der Steiermark, heftig über Wert und Unwert des Hagelschießens diskutiert - als Ersatz für eine Hagelversicherung ...

Gedenkrede auf Joseph Pernter von Josef Hirn.

Eine der lebhaftesten Schriften Pernters (abgedruckt in den Mitteilungen des Alpenvereines im Sommer 1888) ist die Beschreibung jener fünf Wochen, die er, zwei Jahre bevor er in Innsbruck an die Universität kam, intensiv forschend und messend, im stürmischen Februar 1888 auf dem vor kurzem erbauten Schutzhaus auf dem 3105 Meter hohen "Sonnblick" verbracht hatte. Als echter Südtiroler ließ er sich neben vielen anderen Kisten auch eine Kiste mit Rotwein hinauftragen. Hinauf und hinunter wateten sie, die Träger und das von Pernter wortreich belobigte Ehepaar Rojacher, die Hüttenwirtsleute vom Sonnblick, im Tiefschnee. Vom Sonnblick kam er wissenschaftlich bereichert, aber gesundheitlich geschwächt herab, wie Josef Hirn in seiner Gedenkrede sagte: "Mit schmerzenden Füßen und einem Rückenmarkleiden trat er die Heimwanderung an. Die gebeugte Haltung, in der wir ihn alle gekannt haben, ist ihm von da an geblieben." Sein Rückgrat im übertragenen Sinn blieb lebenslänglich stark, sein Charakter blieb ungebeugt.

In Wien und anderswo leben einige von Pernters Nachkommen, aber die heißen alle anders. Sein Sohn Dr. Hans Pernter (1887 -1951), war Unterrichtsminister von 1936 bis 1938. Er war jahrelang in den KZs Dachau und Flossenbürg, nach dem 20. Juli 1944 in Mauthausen und im Wiener Landesgericht eingesperrt. Er war der erste geschäftsführende Obmann der ÖVP im Frühjahr 1945 - er war sozusagen der Platzhalter, bis Leopold Figl aus der Gefangenschaft befreit war und auch gesundheitlich in der Lage war, Bundesparteiobmann zu sein. Die Gattin von Hans Pernter, Isabella geb. Ebenhoch, war eine von vier Töchtern des gebürtigen Vorarlbergers Dr. Alfred Ebenhoch, der 1907 als Landeshauptmann von Oberösterreich wesentlich zur Vereinigung von Christlichsozialen und Konservativen beigetragen hatte (die in Tirol noch Jahrzehnte heftig miteinander stritten; gemeinsam mit Josef Hirn versuchte Joseph Pernter, allerdings vergeblich, in diesem unversöhnlichen Streit einen gemeinsamen dritten Weg aufzuzeigen ...). Ebenhoch war vom November 1907 bis zum November 1908 k.k. Ackerbauminister. Die einzige Tochter von Joseph Pernter starb 1904 mit 14 Jahren an der "Krankheit der Wiener", an der Tuberkulose. Der Tod dieses "Engels" und der bald darauf, im Jahre 1906, erfolgte Tod seiner geliebten Frau, einer geborenen Vilas aus Südtirol, brach ihm mit kaum 60 Jahren das Herz. Oder wie es die "Catholic Encyclopedia", zu finden im Internet, ausdrückt: "He was also depressed by the sickness and death of his beloved young daughter and of his wife. These numerous blows combined to hasten his end." (Übersetzt: "Er wurde niedergedrückt von der Krankheit und dem Tod seiner geliebten jungen Tochter und seiner Frau. Diese zahlreichen Schläge trugen dazu bei, sein Ende zu beschleunigen".)

Hans Pernter, der Sohn von Joseph Pernter, und seine Frau Isabella hatten einen Sohn Heinz, der im Zweiten Weltkrieg verstarb. Ihre zwei Töchter Dorothea und Elisabeth hatten zusammen sieben Kinder, 18 Enkel und eine derzeit noch wachsende Zahl von Urenkeln. Der Vater von Joseph Pernter war der Südtiroler Gutsbesitzer Valentin Pernter aus Neumarkt. Anton Pernter, ein Enkel von Valentin Pernter, war viele Jahre Bürgermeister von Neumarkt; dessen Sohn Otto war viele Jahre Genossenschaftsfunktionär und ist Besitzer des Klosterhofes in Vill bei Neumarkt.

Valentin Pernter, der Vater des Joseph, war einer der Männer, die 1882 in den Ausschuss des eben gegründeten Landeskulturrates berufen wurden. Valentin Pernter hatte eine Tochter und sieben Söhne, sodass es in Südtirol bis heute zahlreiche Pernter gibt. Auch sie können hier nachlesen, welch interessante Persönlichkeit ihr Ururgroßonkel Joseph Maria Pernter vor hundert und mehr Jahren gewesen ist.


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