Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Innerkirchliche Revolution

Autor Winfried Hofinger
Medium Der nächste Schritt
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Jänner 1969
Kategorisierung Kirchliches; 1969

Was sind die Ursachen der heutigen Kirchenkrise?

Es ist unbestritten; daß sich viele Leute mit dem Zustand der Kirche beschäftigen, die seit ihrer eigenen Firmung - gelegentliche Hochzeiten und Begräbnisse ausgenommen - nie mehr in einer Kirche waren. Die das, was Kirche in unseren Tagen in Tirol, in Österreich ist, kaum kennen. Die vieles, was in den Kirchen lebt, nicht kennen und ganz erstaunt sind, wenn man ihnen davon berichtet. Man müßte gar nicht hineingehen, sondern nur, wenn man beispielsweise in der Reichenau auf den Bus wartet, die Anschlagkästen von St. Pirmin lesen: Tagaus, tagein bietet die Pfarre dort, für viele andere hier als Beispiel genommen, ein buntes Programm für Menschen aller Schichten, aller Altersstufen -und das in einem Stadtteil, in dem sonst relativ wenig los ist. Man wird das sagen dürfen, ohne jene zu kränken, die ohne religiösen Hintergrund bemüht sind, auch die Roßau oder das Olympische Dorf lebenswert zu erhalten.

Kirche lebt heute intensiver als je zuvor, aber anders. Es ist unbestritten, daß die Zahl der Meßbesucher am Sonntag zurückgeht. Das Kirchengebot für den sonntäglichen Meßbesuch gibt es erst seit dem Konzil von Trient. Damit kein Zweifel besteht: Ich halte es für sehr wichtig, daß sich die Gemeinde einmal in der Woche in der Kirche trifft. Aber: Immer weniger Katholiken glauben, daß sie schnurstracks in die Hölle kommen, wenn sie am Sonntag auf eine Skitour statt in die Kirche gehen.

Dann wird man schon sagen dürfen, daß die durchschnittliche Sonntagsmesse oft von einer Eintönigkeit ist, die einem ein großes Maß an Treue abverlangt, sich das mehr als fünfzig Mal im Jahr zu geben. Ich kenne zahlreiche Menschen, die sich als kirchlich gebunden und kirchentreu bezeichnen würden, die auch einen christlichen Glauben haben und die trotzdem nur alle paar Wochen... Sie tun bei der Vorbereitung von Firmung und Erstkommunion mit, veranstalten Familienmessen, beten zu Hause mit der Familie, lesen in der Bibel - aber doch nicht jeden Sonntag ...

Diesem Schwund könnte abgeholfen werden, wenn deutlicher gesagt würde, um was es geht, wenn Gemeinde zusammenkommt. Und wenn diese Zusammenkünfte attraktiver gestaltet würden. Wenn mehr Menschen als bisher in die Gestaltung einbezogen würden. Wenn manchmal Laien predigen würden. Ach, das ist von Rom aus verboten? Wen kümmert das wirklich? Geht es darum, Kirche lebendiger zu machen oder römische Briefe auf Punkt und Beistrich zu befolgen?

Eine sehr alte kirchliche Tugend, die nur in den deutschsprachigen Ländern offenbar verloren gegangen ist, wäre das Abwägen nach dem Prinzip des geringeren Übels: Macht es den Gottesdienst attraktiver, die Kirchen voller, wenn nicht jeder Nebensatz aus Rom genau befolgt wird, dann ist das bonum (das Gute) einer lebendigen Gemeinde höher zu werten als das malum (Böse) des Ungehorsams gegenüber einer Vorschrift.

Nein, das alles, was da über die Laien in der Kirche gesagt wurde, das könne für uns nicht gelten, sagte unlängst ein Afrikaner. Dort gibt es Pfarren so groß wie ein politischer Bezirk bei uns, mit sechzig, siebzig Seelsorgstellen, die von Katechisten geleitet werden: Und einmal im Monat oder noch seltener kommt ein Geweihter vorbei. In zwanzig Jahren ist das übrigens bei uns auch soweit - nur haben wir dann nicht die Katecheten, weil bei uns Statistiken nicht mit jener Ernsthaftigkeit gelesen werden, die ihnen zukommt. Über Statistiken witzeln meiner Meinung nach nur Leute, die über die zehn Finger hinaus nicht rechnen können.

Wer Statistiken ernst nimmt, kann sich auch in einem Weihnachtsartikel nicht darüber hinwegschwindeln, daß die Kirchlichkeit, die Bindung an die Kirche abgenommen hat. Das ist mehrfach erhoben, und es bestätigen das die fast leeren Kirchenbänke für Kinder und Jugendliche. Als eine Ursache von vielen wird bei solchen Umfragen angegeben, daß Kirche für viele unglaubwürdig ist, daß ihre Lehre ja ganz gut wäre, daß aber die Praxis, der tägliche Umgang mit den Menschen abschreckend sei. Daß die Bewahrung der reinen Lehre (oder was dafür gehalten wird) für wichtiger gehalten wird als das Schicksal der Menschen. Besonders empörend ist natürlich der Umgang mit den Frauen, ist das Verhöhnen der demokratischen Grundeinstellung heutiger Menschen.

Als ich jung war, da war es unter jungen Menschen einfach fesch und ungefragt selbstverständlich, bekennender Christ zu sein. Wir machten mit, auch wenn wir nicht jede Woche ein tiefes Glaubenserlebnis hatten. Heute ist Kirche dank vielfacher Fehler so out, daß es Bekennermut erfordert, sich zu diesem (Scherben-) Haufen zu bekennen. Jene, die in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt haben, für seitenlangen Kirchenspott in bunten Journalen, werden einmal zu verantworten haben, daß sie in Wahrheit nicht Bewahrer des Glaubens, sondern die Kirchenfeger sind. Alles, was in diesen Tagen Kirche ist, von der Caritas bis zur täglichen Sorge um die kranke Nachbarin; vom Versuch, dem Alltag und dem Jahreskreis mehr Sinn zu geben als Auto und Fernseher; bis zur Kultur des Miteinander (wo sonst darf eine Putzfrau zum Hofrat sagen: Der Friede sei mit Dir?) - das alles stimmt optimistisch. Es macht einen wütend über jene Eiferer, die unter dem Vorwand, den Glauben zu retten, Glaube zerstören und Hoffnungen begraben. Der Friede, vor allem aber mehr Einsicht, sei auch mit denen.


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