Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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In 500 Jahren nichts geändert?

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 1. Oktober 1992
Kategorisierung Michael Gaismair;1992

über einen verschwiegenen Tiroler Revolutionär.

Am 21. August 1992 waren es auf den Tag 50 Jahre, daß der Tiroler Priester Franz Reinisch enthauptet wurde, weil er sich geweigert hatte, sich auf "das Tier und sein Zeichen" (Offenbarung des Johannes) vereidigen zu lassen. Am 26. August war der 175. Geburtstag des Priesters und Volksbildners Adolf Trientl. Das offizielle Tirol feiert weder Reinisch noch Trientl, es erinnert sich auch nicht des 500. Geburtstages von Michael Gaismair. Warum? Bischof Reinhold Stecher in einem Artikel zu Pater Reinisch: Wir leben in einer Gesellschaft, "in der Schaumgummi und Weichspüler dominieren." Dafür haben sich, bei einer Ausstellung zum 500. Jahrtag der Eroberung Amerikas republikanische Spitzenpolitiker gedrängt, einer spanischen Infantin die Hände zu küssen ...

Die nicht gefeierten Feste, die verdrängten und verschwiegenen Helden sind es, die über einen Volkscharakter sehr viel aussagen. Ich möchte kurz gegenüberstellen, was Gaismair in seiner Tiroler Landesordnung gefordert hat; wann und wie das jeweils erfüllt wurde oder auch nicht - und ob das alles jeweils zum Segen oder zum Fluch für das Land wurde.

Zum ersten ist die Ehre Gottes zu suchen und der Gemeinnutz - und dann erst der Eigennutz. Ist jemand hier, der Belege dafür hätte, daß die Ehre Gottes oder der Gemeinnutz im Lande mit besonderer Kraft und Ausdauer gesucht würden? Gilt nicht, wie Bischof Paulus Rusch bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Innsbruck an ihn den verblüfften ersten Reihen gesagt hat, der am meisten, der den Eigennutz mit besonderem Erfolg gesucht und auch gefunden hat? Damit kein Unterschied unter den Menschen entstehe, weil einer höher oder besser als der andere sein will, woraus dann im ganzen Land Zerrüttung, Hoffart und Aufruhr entstehen kann. Die Gleichheit der Bürger steht doch wohl nur in der Verfassung. Ein Lehrling hat in der Berufsschule gesagt: Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleichgültig; das Geschlecht ist kein Hindernis - und er hat damit die Wirklichkeit besser getroffen als der Satz in der Verfassung. Es gibt viele Beispiele dafür, daß es die Vorrechte der Geburt sehr wohl noch gibt; und daß das Geld regiert im Lande. Der Reichtum des Landes bestand um 1500 in seinen Bergwerken. Gaismair wollte nicht einsehen, daß dieser Schatz weiterhin von einigen ausländischen Familien ausgebeutet werden sollte; er forderte die Verstaatlichung, würden wir heute sagen. Wohin dies geführt hat, die Verstaatlichung der Montanindustrie und des Elektrizitätswesens, wissen wir. Es ist da in mancher Beziehung sogar noch ärger geworden, als es zu Gaismairs Zeiten war - weil sich nun, in der Verstaatlichten und in den EVUs, die zu Kontrollierenden selbst zu kontrollieren hätten. Es sollen im ganzen Land alle Heiligenbilder, Bildstöcke und Kapellen, die nicht Pfarrkirchen sind, entfernt werden -gottlob ist dieser schreckliche Satz nicht verwirklicht worden. In vielen Dörfern unseres Landes sind die Kultgebäude, sind Kapellen und Kirchen die einzigen Gebäude, die noch nicht zerstört, erneuert, aufgemotzt worden sind. Die vielfach, ja flächendeckend zu beobachtende planlose Verbauung unseres Landes ist eine Kulturschande im mehrfachen Sinn des Wortes. Wir prassen mit dem bei uns so raren Kulturboden, aber auch mit den unfruchtbaren Böden bis hinauf zu den Gletschern, als hätten wir unbeschränkt viel davon.

Die Messe abschaffen?

Und die Messe soll abgeschafft werden - sie wird, wenn sich die katholische Kirche nicht ändern will, von selber abgeschafft, weil einfach auszurechnen ist, wann der Klerus ausstirbt. Wer die Kirche bewußt nicht ändert, wer etwa in den kommenden Wochen eine Enzyklika herausgibt oder einen Katechismus, der sich Richtung Trient bewegt, darf sich nicht wundern, wenn geschieht, was derzeit geschieht: Ein Exodus, offen oder heimlich, der allen, denen diese Kirche Heimat ist, tiefen Kummer bereitet.

Die Klöster und Deutschordenshäuser sollen in Spitäler umgewandelt werden. Häuser für Waisenkinder und Altersheime sind zu errichten - vieles davon wurde verwirklicht. Krank zu werden ist in diesen Tagen bei uns nicht existenzgefährdend. Aus mancherlei Gründen, wohl auch wegen des aus Eigennutz betriebenen Mißbrauches des Sozialsystemes, ist das Krankenhauswesen und die Altenversorgung selbst schwer krank und unfinanzierbar geworden.

Man soll im ganzen Land einheitliches Maß und Gewicht haben. Was heißt im ganzen Land? In ein paar Jahren werden Bürokraten in Brüssel bestimmen, wie viele Zentimeter eine Gurke in Tirol gekrümmt sein darf, um den gestrengen EG-Qualitätsnormen zu entsprechen. Einheitliche Gesetze wird es geben, von Lappland bis Sizilien, von Portugal bis zum Ural. Es gibt viele gute Gründe, daß sich unser Land nicht aus Europa verabschiedet. Aber jeder, der dafür ist, sollte offen sagen, daß es dann auch mit der Eigenständigkeit des Landes, so weit sie bisher bestanden hat, vorbei sein wird. Weiters soll man alle Sümpfe und Auen und andere unfruchtbare Gebiete im Lande fruchtbar machen - das haben wir getan. Im Inntal gibt es nur mehr vier Prozent jener Auwälder, die es hier noch vor hundert Jahren gegeben hat. Auch die Sümpfe von Meran bis Trient, in denen sich im 18. Jahrhundert noch Peter Anich seine Todeskrankheit geholt hat, sind trockengelegt. Heute bezahlt man den Bauern auf ehemaligen Auböden Prämien, wenn sie zu produzieren aufhören. Besitzer von Feuchtwiesen bekommen Geld dafür, daß sie nicht tun, was jedem Bauern im Blut läge: Das alles trockenlegen. Wer könnte leugnen, daß die gesamte Agrarpolitik in einer schweren Sinnkrise steckt?

In allem aber ist die Ehre Gottes zu suchen - unser Land ist heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, ein vielfach heidnisches Land geworden. Oder ist das doch zu pessimistisch gesehen? Kann man nicht auch sagen, daß vieles von dem, das Gaismair in der Religion als Verfälschung des wahren Glaubens beklagt hat, einfach zu Recht verschwunden und abgefallen ist? Die vielen lebendigen, starken Christengemeinden, die es im ganzen Land gibt - sind sie nicht eher so, wie es sich unser Rebell gewünscht hat? Auf dem Evangelium fußend, auf den zeitlos gültigen Sätzen der Bergpredigt, und nicht auf einem Bündnis von Thron und Altar. Man könnte, um es positiv zu sagen, und damit zu enden, auch behaupten, daß die Katholiken in unserem Land "evangelischer" geworden sind.


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