Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Hutterer zu Gast in der Reichenau

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung  ?
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ? Dezember 2000
Kategorisierung Hutterer; Kirchliches; Historisches; 2000

Kaum je zuvor war ein derart buntes Publikum ins Schulungsheim Reichenau gekommen. Geladen war zu einem Vortrag mit Arnold Hofer, "Diener des Wortes" in der kanadischen Huttererkolonie Riverbend. Bauern, Kammerangestellte, Historiker, interessierte Mitbürger aus allen Berufsgruppen und von verschiedenen Konfessionen. Der ungünstige Zeitpunkt, an einem Werktag zu Mittag, zehn Tage vor Weihnachten, hielt wohl einige mögliche Besucher ab; trotzdem war der größte Lehrsaal der Reichenau gerammelt voll.

Arnold Hofer hatte einiges an Medien bei sich: Ein recht gut gemachtes Video, in dem, dem Ort und der Einladung entsprechend, viel von der Landwirtschaft der Kolonie zu sehen war. Ein Tonband mit Liedern ihres Jugendchores - die fast alle so klingen wie wenn ein Kärntner Chor singt. Mehrere Folien, die meisten davon blieben in Reserve, weil sich bald ein so lebhaftes Gespräch entwickelte, sodass man keine Medien mehr brauchte. Im Publikum auch der Verfasser des neuesten Buches über die Hutterer, der kanadische Universitätsprofessor Werner Packull mit Gattin, die beide auch zur übergroßen Menschenmenge gehören, der, aus welchen Gründen immer, die Heimat geraubt wurde - den Hutterern vor 470 Jahren in Tirol und seither noch öfters, den Packulls im Osten Europas nach 1945.

Am selben Tag fand im Innsbrucker Zeughaus ein Vortrag von Prof. Packull zu seinem Buch statt; wieder ein voller Saal und viel Interesse. Wer, so wie der Verfasser dieser Zeilen auch, den Frust der leeren Säle kennt, und wer alle Ausreden über das Misslingen trotz besten Bemühens schon nicht mehr hören kann, darf darüber nachdenken, warum die Hutterer so viel Interesse erwecken - und daher Publikum anziehen. Plötzlich erfuhr man von verschiedensten Leuten, dass sie das Thema schon sehr lange interessiert. Die Hutterer leben offenbar heimliche Sehnsüchte vieler Menschen: Nicht so gehetzt sein wie wir; nicht dem Sexismus unserer Welt so schamlos ausgesetzt zu sein; in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten geborgen sein; keine finanziellen Sorgen haben; ein Leben nach dem Evangelium mit innerer Überzeugung führen können.

Es gibt unter den vielen Huttererkolonien ganz verschieden strenge Richtungen. Die Schmiedleute, denen auch die Hofers angehören, sind offenbar etwas lockerer als andere. Sie haben Computer, e-mail, modernste Landmaschinen. Sie lehnen Tanz und Geburtenkontrolle ab. Wenn ein Junger ausbricht, darf er wiederkommen - wenn er Reue zeigt, umkehrt und Buße tut. Die größte Schwierigkeit bereitet einem, der in die Welt hinaus geht, dass er nie gelernt hat, für sich alleine zu sorgen; und dass der regelmäßige, strengere Arbeitstrott der Außenwelt viel schwerer zu tragen sei als das geregelte Leben in der Gemeinde, meint Hofer.

Sprachlich gibt es ein großes Gemisch aus Pusterisch, Deutsch und Englisch. Obwohl Hofer täglich Deutsch unterrichtet, rutschen auch ihm ständig englische Wörter dazwischen. So wie bei uns immer mehr Vortragenden. Der Schulunterricht wird, nach der ersten Stunde, der Deutschstunde, von staatlich geprüften Lehrern in Englisch abgehalten, was wohl nur vernünftig ist. Alles andere würde nur Chancen verbauen. Ein junger kanadischer Farmer muss nicht wissen, dass ein Forklift in der Sprache seiner Ahnen "Gabelstapler" heisst. (Tatsächlich fand, als die Hofers in der Reichenau unsere Gäste waren, ein Gabelstaplerkurs für Gemüsebauern statt.)

Und die Frauen? Während der eineinhalb Stunden sprach in erster Linie Arnold Hofer; seine Frau Rhoda warf ihm gelegentlich ein Stichwort zu. Als gegen Ende einer sagte, bei den Hutterern seien wohl in erster Linie die Männer für das Sprechen zuständig, da meinte sie schlagfertig: Dafür denken die Frauen mehr.

Warum sie einen so amerikanischen Vornamen habe? - Nein, der komme aus der Apostelgeschichte, 12. Kapitel: Als Petrus aus dem Gefängnis befreit war, klopfte er bei Freunden ans Tor. Die junge Magd, die ihm aufmachte, hieß Rhoda. Auch nicht gewusst?

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