Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum 13. Oktober 1988
Kategorisierung Osteuropa; Bertolt Brecht; 1988

Hungerleider

In Österreich gibt es noch keine Demonstrationen - sonst fast überall. Vor allem in den ärmeren Ländern der Welt, in Algerien, Jugoslawien, Polen, unlängst Tunesien, gehen die Leute auf die Straße, weil sie hungern. Sie wollen nicht einsehen, daß sie, obwohl sie genauso fleißig sind wie die Bewohner anderer Landstriche, obwohl die natürlichen Voraussetzungen in ihrem Land gut wären, nicht ihren ärgsten Hunger stillen können. In Algier gibt es nicht einmal mehr Hirse zu kaufen. In Polen gibt es Grundnahrungsmittel, aber sonst fast nichts - eine Packung ganz normaler Bohnenkaffee ist in Polen ein Hochzeitsgeschenk. Schokolade gibt es, bis zum 18. Lebensjahr, auf Marken. Warum das alles so ist? Nur deshalb, weil wir reichen Industrieländer, weil im Osten der „Große Bruder", die armen Länder ausbeuten? Es mag das seinen Anteil haben, aber zu einem großen Teil wird an der schlechten Versorgung der Bevölkerung das wirre System in den meisten Ländern selbst die Schuld tragen. Bestes Beispiel die Sowjetunion: gesegnet mit Rohstoffen aller Art, von Erdgas, Gold und Holz bis zu besten Ackerböden. Entwickelt bis zur Mondlandung - und in den Geschäften leere Regale. Jeder Russe, der arbeitet, muß einen Soldaten, einen Apparatschik und einen Geheimdienstler miterhalten.

„Erst kommt das Fressen, und dann die Moral", sang Bert Brecht einmal. Da müßten wir eigentlich ein hochmoralisches Land sein.

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