Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Haustyrann Fernsehen

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 21. Dezember 1995
Kategorisierung ORF; Stadl; 1995
Eines Tages, es ist schon ein paar Jahre her, komme ich um halb acht, also zur besten Fernsehzeit, zu einem Bauern. Wir wollen am Abend eine Bauernversammlung bestreiten und uns noch entsprechend vorbereiten. Ich sitze zwischen dem Mann und seinem Fernseher, in dem gerade die "Zeit im Bild" läuft. Dauernd versucht er, rechts und links an mir vorbeizuschauen, damit er die Berichte, das Wetter, die Werbung sehen kann. Bis es mir zu blöd wird. Zu seinem Erstaunen schalte ich den Kasten einfach aus. Entweder er will fernsehen - oder mit mir reden.

Wo wird, wenn jemand zu Besuch kommt, der Fernseher abgeschaltet? In wie vielen Haushalten läuft der Fernseher inzwischen nicht so wie vor ein paar Jahrzehnten das Radio, also tagaus, tagein? Ab dem Frühstück, die ganze Zeit? Ein Apparat tut es in den meisten Häusern schon nicht mehr. In sehr vielen Kinderzimmern gibt es ein Zweitgerät. Eines in der Küche und noch eines im Schlafzimmer. Sehr viele Österreicher schlafen am Fernseher ein, im Wohnzimmer oder im Bett. Lange vorher ist das Gespräch in der Familie schon eingeschlafen.

Kein Wort gegen gute Sendungen - auch die gibt es. Kein Wort gegen die echte Bereicherung, oder auch gegen eine verdiente Entspannung bei harmlosem Zeug nach einem anstrengenden Arbeitstag. Aber sehr viel gegen die Dauerberieselung durch den vielen Unsinn, der auf allen Kanälen in immer noch größerem Umfang in unsere Stuben kommt. Immer mehr Haushalte sind verkabelt oder haben eine Schüssel - und irgend etwas ist immer zu sehen.

Lehrer wissen ein Lied davon zu singen, was die Volksschulkinder alles schon anschauen dürfen. Eltern, die da nicht mitmachen wollen, müssen sich sagen lassen, daß alle anderen in der Klasse dies und jenes sehen dürfen - und nur bei uns geht das nicht! Worauf die Kinder außer Haus, am Nachmittag, bei anderen Familien Sendungen und Videos sehen, die man ihnen zuhause nie durchgehen lassen würde.

Es besteht wenig Hoffnung, daß nach ein paar Jahren - wenn alle draufgekommen sind, daß dauerndes Fernsehen verblödet und seelisch verarmen läßt - der Ausschaltknopf der wichtigste würde. In Ländern, wo man schon seit Jahrzehnten ein paar Dutzend Sender abrufen kann, sieht man nach wie vor fern, vom Frühstück bis zum Schlafengehen. Fünf bis acht Stunden im Schnitt.

Was das bedeutet? Es ist dies das Ende des eigenständigen Denkens. Das Ende des Austausches mit den anderen Familienmitgliedern. Das Ende des Musizierens und des Bücherlesens. Am Schluß bleibt eine Einheitskultur, die diesen Namen nicht verdient.

Vor ein paar Jahren mußte man bei der Planung von Veranstaltungen noch auf das Fernsehprogramm achten. Wer das nicht tat, hatte leere Säle zu gewärtigen. Das ist nun besser geworden, weil fast jeder Haushalt ein Videogerät besitzt. Nun wird, an bisher allenfalls fernsehfreien Abenden, nachgeholt, was man wegen einer Veranstaltung, einer Musikprobe oder einer Sitzung glatt versäumt hat.

Einmal, auf einer Forstlehrfahrt, sprachen die Bauern an meinem Tisch mit großer Selbstverständlichkeit über den letzten "Stadel". Als ich ihnen bekannte, daß ich noch nie einen "Stadel" gesehen hätte, waren sie ganz enttäuscht: Einer, den sie sonst für einen ganz netten Menschen gehalten hatten, war offenbar keiner von ihnen. Das ist ein Verweigerer. Womöglich schaut der "Wetten, daß" oder "Derrick" auch nicht. Zumindest gibt er es nicht zu. Worüber sollen wir dann mit ihm reden?

Wo bleibt der positive Schluß, die Lösung? Es gibt sie nicht. Wir müssen da durch, bis zur Ermattung und zum vielleicht doch noch kommenden Überdruß.

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