Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Hans Kudlich - Ein Lebensbild nach seiner Autobiographie

Autor Winfried Hofinger
Medium Agrarische Rundschau
Texttyp Buchbesprechung
Erscheinungsdatum Heft 3 1999
Kategorisierung Hans Kudlich; Historisches; 1999

Bis zum Jahr 1999 war es in weiten Teilen Österreichs kaum möglich, Hans Kudlichs "Rückblicke und Erinnerungen", erschienen 1873, zu lesen. In ganz Tirol gibt es die drei Bände offenbar in keiner Bibliothek. Nun liegt ein Nachdruck in einem unhandlichen Würfel von 800 kleinen Seiten vor. Wenn in den folgenden Zeilen versucht wird, aus seiner Autobiographie das Bild jenes Menschen, der sie verfaßt hat, herauszuschälen, muß einem immer bewußt sein, daß sich zu einem guten Teil versteckt, wer über sich schreibt. Sei es, daß er aus Bescheidenheit sein Licht unter den Scheffel stellt; sei es, daß er Unebenheiten, die jeder Lebensweg und jeder Charakter hat, milder zeichnet. Die politischen Gegner kommen darin allenfalls schlechter weg als sie es waren. Auch die folgende Auswahl ist nicht objektiv. Wer auswählt, handelt immer parteiisch, so oder so. In meinem Fall ist die Sympathie zu Kudlich - wie zu allen echten Rebellen - die stärkste Gefühlsregung.

Vom Vater geprägt

Hans Kudlich, geboren 1823 in Lobenstein im österreichischen Schlesien, wuchs in einer Großfamilie auf. Die Eltern waren ganz gut gestellte, aber robot- und zinspflichtige Bauern. Mehrmals beschreibt er, wie sein Vater das Feudalsystem von vor 1848 verachtete. Einmal wurde Hans von der Mutter aufs Feld geschickt, um dem Vater, der auf dem fürstlichen Feld pflügen mußte, sein Mittagessen zu bringen. "Ich blieb bei ihm und trieb ihm die Pferde. Es war ein Mäusejahr. Die Pflugschaar zerstörte hunderte von Nestern, die armen Mäuse, überrumpelt und erschreckt, flüchteten nach allen Seiten, die nackten Jungen zurücklassend. Auf meines Vaters Feldern würde ich pflichtgemäß alle erschlagen haben. Auf den Feldern des Fürsten that ich keinem etwas zu leide, ich sah sie als Feinde des Fürsten, gleichsam als Verbündete an." Am Abend gingen Vater und Sohn auf die Burg. Der Vater: "Diese Burg haben nicht die Ritter gebaut, sondern unsere Vorväter, die leibeigenen Bauern." In Zukunft dachte Hans beim Anblick jeder Burg "an die schweißtriefenden Bauern, die durch List und rohe Gewalt dazu gebracht worden waren, die Steine zu jener Burg zu schleppen." Kudlichs Vater hatte einmal, als es die Herrschaft zu bunt trieb, einen Prozeß gegen diese gewonnen. Von so einem, mutmaßten die Lobensteiner zurecht, müßten die Söhne wohl etwas geerbt haben. Und so waren ein paar Monate lang zugleich Hermann, der Jurist, Abgeordneter für Schlesien in Frankfurt, während der Student Hans als jüngster Abgeordneter in Wien im Reichsrat saß. Der Hoferbe Ignaz muß auch ein sehr aufgeweckter Bursche gewesen sein. Sein Taschengeld verdiente er sich damit, daß er mit gewilderter Jagdbeute Handel trieb. Als er zum Militär hätte kommen sollen, wurde Ignaz vom Dorfarzt so hergerichtet, daß die Stellungskommission entsetzt aufschrie, als er den Raum betrat. Der Lehrer stellte ihm, dem guten Schüler, ein Zeugnis aus, das ihn als halbdebil beschrieb. Nach heutigem Geld hat die Befreiung des Ignaz vom Militärdienst den Kudlichs an die 50.000 Schilling Bestechungsgeld gekostet. Aber der Militärdienst dauerte damals für den gemeinen Mann, und nur für ihn, 14 Jahre! Gegen Geld war fast alles zu bekommen. Als Hans im Gymnasium in Troppau einmal eine ärgere Sache drehte, nahm der Vater Geld und Lebensmittel mit, um den Hinauswurf zu verhindern. Mit 16 Jahren schloß Hans Kudlich seine Mittelschulzeit ab. Matura gab es damals noch keine. Der Direktor vermerkte im Abschlußzeugnis, daß er den jungen Mann für reif erachte, auf eine Universität zu gehen. Eine kleine Bestechung beim Burggrafen der Herrschaft Liechtenstein, und er erhielt einen Paß, vorläufig für ein Jahr.

In Wien großdeutsch und antiklerikal geworden

Dem jungen Studenten öffnete sein älterer Bruder Hermann viele Tore. "Seine Freunde wurden auch die meinigen, so daß ich mich bald in einem Kreis von strebsamen, intelligenten Männern geduldet fand, deren Wesen auf mich desto stärker einwirkte, da sie alle älter und erfahrener waren als ich selbst." Die Wiener waren dem ernsten Schlesier zu leichtsinnig und zu frivol. "Der echte Wiener erschien mir wie eine Art von Hanswurst." Als "Gehilfe" eines Technikers hatte er Gelegenheit, den Kaiser persönlich zu erleben - als dieser Ferdinand die neue Erfindung des Telegraphen vorführte. Der unbestritten sehr beschränkte Monarch glaubte, es mit einem Zauberkunststück zu tun zu haben. Auf der Universität herrschten im Vormärz und unter der Fuchtel von Metternich Dummheit und Feigheit. Die meisten Professoren waren entweder unqualifiziert oder sie getrauten sich aus Angst vor der Zensur nicht zu sagen, was sie dachten. Besonders arg muß die religiöse Unterdrückung gewesen sein. Sie machte aus den jungen Leuten Verächter der Amtskirche und ihres Personals. Je nach Fakultät mußten die Studenten regelmäßig alle Wochen oder Monate zur Beichte. Ärmere Studenten verdienten sich ein Zubrot, indem sie öfter als gefordert beichten gingen und die dabei erhaltenen Beichtzettel an reichere Kollegen verkauften. Leibesübungen waren verpönt. Deutsche Lieder sang man nur im Geheimen. Wer auf der Straße rauchte, bekam es mit der Polizei zu tun. Neben den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen der Arbeiter in den Wiener Fabriken war die unsinnige allgemeine Unterdrückung jedweder freien Geistesregung sicher der Hauptauslöser der Märzunruhen. Am 13. März 1848 kam es im Hof des Wiener Landhauses zu einer Demonstration. Kudlich war mitten drinnen. Er berichtet, daß es den Rednern vor allem um die Pressefreiheit und um die generelle Abschaffung der Zensur gegangen sei. Er habe selber mehrfach das Wort "Robot" zum jeweiligen Redner hinaufgerufen, aber die wußten gar nicht oder kaum, was damit gemeint sei. Im Zuge dieser Ereignisse, bei denen mehr als ein Erzherzog die Beherrschung verloren hatte, erhielt Kudlich einen Bajonettstich in die rechte Hand. Er wäre fast daran verblutet. Als Folge der Märzereignisse und einer "Vorsprache" beim Kaiser im April wurden die Wahlen für den Reichstag ausgeschrieben. Kudlich, der im Sommer 1848 gerade das nötige passive Wahlalter hatte, schreibt, daß diese Wunde, die bestaunt und geküßt wurde, unter anderem für die Wahl zum Delegierten seiner schlesischen Heimat ausschlaggebend war. Bei dieser Wahl kandidierten ein slawischer Bauer, ein deutscher Städter und Hans Kudlich. Zunächst erhielt der Städter die meisten Stimmen. In der Stichwahl stimmten die slawischen Bauern für den Bauernsohn Kudlich. Dem Pfarrer von Bennisch war es gar nicht recht, daß so ein Heißsporn Abgeordneter werden sollte. Einen sommerlichen Hagelschlag erklärte er als die Strafe Gottes für diese unglückliche Wahl, worauf die Bennischer Garde "dem hochwürdigen Herren eine Katzenmusik brachte mit obligater Fensterzertrümmerung!" Die Katzenmusiken - in Österreich durch Jahrzehnte üblich - bezeichnet Kudlich an mehreren Stellen als das, was sie waren: erfolgreich, aber doch eigentlich gewalttätig und undemeokratisch.

Ein Antrag - "unbeholfen und nichtssagend" (Richard Kralik)

Der jüngste Abgeordneten stellte gleich in den ersten Wochen der Sitzungsperiode im Juli 1848 jenen Antrag, für den er in die Geschichte eingegangen ist. In seinen Lebenserinnerungen druckt er die Begründung für seinen Antrag nach eigenen Skizzen ab. Die Protokolle waren dagegen voller Fehler - weil er rasch gesprochen hatte, es damals natürlich keine Mikrophone gab und weil die Stenographen sehr ungeübt waren. Die Frage der Entschädigung hatte er absichtlich den Ausschüssen überlassen. Mit seinen eigenen Worten: "Der Antrag wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt. Die ganze Versammlung erhob sich zu seiner Unterstützung. Ich hatte absichtlich den Antrag so einfach, kurz und bündig als möglich gemacht, ihn aller Details entkleidet, damit er nichts enthalte, was zu Zweifeln, Bedenken und Meinungsverschiedenheiten Veranlassung geben könnte." In den Debatten über seinen Antrag ließ Kudlich keinen Zweifel daran, daß er für die entschädigungslose Aufhebung der bäuerlichen Lasten und der herrschaftlichen Rechte war. Wir wissen, daß schließlich eine Ablösung gegen Entschädigung beschlossen wurde. Diese Debatte wird von Kudlich ausführlich beschrieben; harsche Kritik hat er für jene Abgeordneten - aus den Alpenländern - übrig, die mit den Vertretern Grundherren agitierten. Ende August wurden Kudlichs Forderungen Opfer von Intrigen mit der Geschäftsordnung. Was am 7. September 1848 vom Kaiser sanktioniert wurde, war nicht mehr nach Kudlichs Vorstellungen. Trotzdem machten die Bauern einen großen Fackelzug, angeregt von einer eher unbedeutenden Zeitung. Selbst sein Vater hat bei diesem Festakt eine Rede gehalten - nebst einem halben Dutzend anderer Redner. Das ist auf bäuerlichen Versammlungen bis heute so der Brauch: Ihre Bedeutung an der Anzahl der dort mehr oder weniger belanglos redenden Honoratioren zu messen. Die "Reaction" war indessen nicht müßig geblieben. Im Verlauf der Oktober-Revolution in Wien wurde der vorher erschlagene Kriegsminister Theodor Graf Baillet von Latour auf einem Laternenpfahl vor seinem Amtsgebäude am Hof aufgehängt. Der Reichstag wurde nach Kremsier verlegt. Der kaiserliche Hof floh wieder nach Olmütz.

Auf der Flucht

Als der Reichstag in Kremsier am 7. März 1849 von Kaiser Franz Josef aufgelöst wurde, floh Kudlich aus der Stadt. Diese seine Flucht hat er ebenfalls trefflich geschildert. Wie gut er daran tat, zu fliehen, bestätigt das 1853 über ihn verhängte Todesurteil. Verurteilt wurde er übrigens wegen seines vergeblichen hochverräterischen Versuches, im Herbst 1848 in Österreich ober und unter den Enns den Landsturm zur Sicherung seines Antrages zu mobilisieren. Vergeblich: Die Bauern wollten ihre Ernte nicht in Stich lassen, um in Wien zu kämpfen. Über Sachsen und Baden - wo er sich jeweils an den dortigen Revolutionen beteiligte - gelangte er in die Schweiz. Nach vier Jahren bereits war er Doktor der Medizin. Seine Dissertation über eine neue Methode der Rhinoplastik - die Kunst, angeschlagene oder abgefrorene Nasen zu ersetzen - ist gedruckt erhalten. Er hat sie auch seinem geliebten Vater gewidmet. Die nicht weniger geliebte Mutter lebte damals nicht mehr. Sie hat ihn ebenso geprägt wie der Vater und seine junge Frau. Seine Lebenserinnerungen schließen mit folgendem Absatz: "Die Liebe zum Weibe, die mir wie so vielen anderen nur als poetisches Spiel erschienen war, zum Weibe, das auch Achtung und Verehrung gebietet, wurde mir zur Rettung aus dem Abgrund, in dem mich der Sturm der Contre-Revolution geworfen hatte!"


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