Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Hängenlassen oder treu bleiben

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauern
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Juni 1995
Kategorisierung Milchwirtschaft; EU; 1995
Erika Holzknecht?
An einem schönen heißen Maiensonntag besuchte ich mit einer Beraterin aus dem westafrikanischen Staat Senegal einen Bauernhof mit einer blechernen Milchkuh. Ob er an diesem Wochenende schon viel Milch verkauft hätte? - Nein, extra wenig, vielleicht fünf Liter. Am besten sei der Absatz bisher am 1. Mai, an einem Montag gewesen; da ist mehr Leuten als üblich die Milch ausgegangen oder schlecht geworden (sauer wird die pasteurisierte ja nicht).

Natürlich gehen viele Leute im Dorf, trotz Blechkuh, weiter zum Bauern ihres Vertrauens. Viele im Dorf haben sich schon so an die homogenisierte und pasteurisierte Standardware gewöhnt, daß sie mit einer Bauernmilch gar nichts mehr anfangen könnten. Was da die Gewöhnung ausmacht, belegt das Beispiel Haltbarmilch: Während viele das Zeug ungekocht gar nicht hinunterbringen, schmeckt daran Gewöhnten gar keine andere mehr als eben diese H-Milch ... Es geht jetzt aber, landesweit gesehen, gar nicht um den Einkauf der täglichen Milch bei diesem oder jenem Bauern, sondern darum, ob die Konsumenten insgesamt der heimischen Landwirtschaft treu bleiben oder nicht. Die Lage ist, wieder einmal, ziemlich ernst: Es gibt bei verschiedenen Produkten ganz gewaltige Markteinbrüche - oder "nur" Preiseinbrüche. Es wird den Bauern oder den Verarbeitern von den Handelsketten so lange mit der um so vieles billigeren Ware aus dem Ausland gedroht, bis sie preislich dort sind, wo sie der Einkäufer haben will. Sagt man, daß wohl die schärfsten Geschäftsleute, die heute herum sind, eben diese Einkäufer wären, dann werden sie das als Kompliment auffassen. Tüchtige Bauern haben in den vergangenen Jahrzehnten Ställe gebaut, Maschinen gekauft - zu einer Zeit, da ihnen niemand von Preiseinbrüchen etwas gesagt hat. Angenommen, so ein Bauer hatte ein (für Tiroler Verhältnisse hohes) Milchkontingent von 100.000kg Milch im Jahr. Dann erlöste er nach alten Milchpreisen dafür je nach Qualität und Fett- und Eiweißgehalt rund eine halbe Million Schilling. Wenn die degressiven Zahlungen weggefallen sind, also in ein paar Jahren, bekommt er für diese Milch rund 300.000 S. Ist er ein intensiv wirtschaftender Talbauer, dann bringen ihm alle flächenbezogenen Gelder aus Wien und Brüssel sehr wenig. Wer kann Ausfälle an Einnahmen in dieser Größenordnung verkraften? Wer von uns würde sie hinnehmen? Das Beispiel ist nicht erfunden und es ist das kein Einzelfall. Was geht das die Konsumenten, etwa die Leser dieser Zeitung, an? Es wird diese Zuspitzung der Lage nicht mehr lange nur hinter verschlossenen Türen, in den Beratungszimmern der Banken, behandelt werden. Betroffene werden aufstehen und Abhilfe verlangen. Es wird auch Solidarität eingefordert werden. Ob sie gegeben wird? Wenn sie verweigert wird, dann rührt das, ohne Übertreibung, am Lebensnerv des Bauernstandes. Dann geht es nicht mehr darum, ob man Milch vom Bauern, von der Blechkuh oder im Supermarkt kauft, sondern ob man zum Bauernstand insgesamt steht. In ein paar Monaten ist es soweit. Sie können mich beim Wort nehmen.


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